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Kritik an Friedensnobelpreis für Präsidenten von Kolumbien

Santos nimmt Friedensnobelpreis entgegen. Parteien und Opferverbände kritisieren Ansprache als "einseitige Geschichtsverfälschung"
Gedenken an die Opfer seit Unterzeichnung des Friedensabkommens vor der Zeremonie der Übergabe

Gedenken an die Opfer seit Unterzeichnung des Friedensabkommens vor der Zeremonie der Übergabe

Oslo/Bogotá. Wenig beachtet von internationalen Medien wurde die Verleihung des Friedensnobelpreises an Kolumbiens Präsidenten Juan Manuel Santos am Samstag auch von Protesten und Kritik mehrerer Parteien und Opferorganisationen begleitet. Santos hatte den Preis für das Friedensabkommen mit der Guerillaorganisation Farc zugesprochen bekommen.

Die Vorsitzende der Linkspartei Union Partiótica (UP), Aída Avella Esquivel, bezeichnete Santos' Ansprache bei der Verleihung in Oslo in einem offen Brief als "einseitig": Er habe einzig die Guerillagruppen als Verantwortliche für die Gewalt erwähnt und mit keinem Wort die Verbrechen des Staates benannt. Avella zählt zu den Überlebenden des Genozides an Mitgliedern der UP in den 1980er und 1990er-Jahren, bei dem über 4.000 Mitglieder der von ehemaligen Guerilla-Kämpfern gegründeten Partei ermordet worden waren.

Auch die Kommunistische Partei Kolumbiens (PCC) kritisiert die Ansprache aus denselben Gründen. Sie wirft Santos zudem Geschichtsverfälschung vor. Zudem rechtfertigte sie die Ergreifung der Waffen durch die Aufständischen als Selbstverteidigung und Verteidigung der Demokratie.

Paramilitärs und staatlich Einsatzkräfte sind laut Angaben von Forschungsinstitutionen für rund 80 Prozent aller Verbrechen im bewaffneten Konflikt schuldig. Santos ist zudem als Verteidigungsminister unter Ex-Präsident Álvaro Uribe für über 3.000 Morde an Zivilisten mitverantwortlich, die Soldaten anschließend als Rebellen präsentierten. In Kolumbien sind diese Fälle als "falsos positivos" bekannt.

In Oslo versammelten sich hunderte Menschen am Samstagmorgen des Samstags, um der in den Tagen seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens ermordeten Aktivisten zu gedenken. Die Teilnehmer mahnten an, es sei in Kolumbien seit Unterzeichnung des Abkommens zwischen Farc und Regierung zu einer Verschärfung des Konfliktes gekommen. So sind dieses Jahr insgesamt bereits zwischen 60 und 90 Aktivisten, vorwiegend aus Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, getötet wurden; auch nach der Unterzeichnung des Abkommens gingen die Morde weiter.

Gemeinsam mit dem Staatsoberhaupt reisten Vertreter der Opfer zur Zeremonie nach Oslo, darunter Personen, denen der Nobelpreis ursprünglich auch zugesprochen werden sollte. Denn in einem ersten Vorschlag hatte der Preis an die Verhandlungsgruppe gehen sollen, zu der auch der Oberkommandierende der Farc, Rodrigo Londoño Echeverry, und Vertreter der Opfer wie Leyner Palacios, ein afrokolumbianischer Aktivist aus der Pazifikregion, gehören. Jedoch entschied das Nobelpreiskomitee sich für die alleinige Auszeichnung von Santos, was in den Medien und den sozialen Netzwerken zum Teil heftig kritisiert wurde.

Santos hatte sofort nach Bekanntwerden der Entscheidung den Preis dem kolumbianischen Volk gewidmet. "Ich nehme den Preis im Namen aller Kolumbianer an, vor allem im Namen der Opfer des Konfliktes", sagte er. Das Preisgeld wolle er für die Entschädigung der Opfer spenden. Von denen waren in Oslo jedoch lediglich fünf Vertreter anwesend, neben rund 30 Mitgliedern der Regierung. Dass nur wenige Opferorganisationen vertreten waren, sorgte für zusätzliche Kritik seitens dieser Gruppierungen.

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