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Aktionstag gegen Gewalt an Frauen in Lateinamerika

Feministische Bewegung hat in den letzten Jahren an Kraft gewonnen. Fallbeispiel aus Chile zeigt Probleme im Umgang mit Machismus
Frauen in Chile protestieren gegen Gewalt: "Uns tötet der Machismus – Uns tötet das Patriarchat – Der Komplize ist der Staat"

Frauen in Chile protestieren gegen Gewalt: "Uns tötet der Machismus – Uns tötet das Patriarchat – Der Komplize ist der Staat"

Llay Llay, Chile, u.a. Feminizide sind das zentrale Thema zahlreicher Aktivitäten in Lateinamerika am diesjährigen Tag gegen Gewalt an Frauen gewesen. Auch in Chile, wo allein dieses Jahr über 50 Frauen ermordet worden. In anderen lateinamerikanischen Ländern sind gar noch mehr Frauenmorde zu beklagen. Ein Großteil wird von Partnern oder Ex-Partnern der betroffenen Frauen verübt.

Der Slogan "Ni una menos" (Nicht eine Frau weniger) ist in Lateinamerika nicht nur an diesem Tag omnipräsent und nicht nur bei feministischen Organisationen, sondern auch bei Politikern verschiedener Couleur, die denken, damit punkten zu können.

So lobte sich in der chilenischen Kleinstadt Llay Llay, in der die vor sechs Monaten ermordete Marjorie Varas lebte, der Bürgermeister am 25. November während einer Trauerfeier, dass unter seiner Führung die Gemeinde "vieles" für die Rechte der Frauen getan habe. Ein Gemeinderat, dessen Beziehungen mit dem Drogenhandel nicht unbekannt sind, nickte beipflichtend. Die Frage, ob Gewalt an Frauen keinen Zusammenhang mit Drogen oder mit den jährlich von der Gemeinde veranstalteten Strip-Shows zum Vatertag hätten, wurde nicht gestellt.

Die Geschwister von Marjorie Varas sprachen am Tag gegen Gewalt an Frauen, wie schon so oft in den vergangenen Monaten, über den Tod der jungen Frau. Die Angehörigen sind überzeugt, dass sie von ihrem Ex-Mann ermordet wurde.

Während der Bürgermeister in seiner Rede etwas hilfslos dazu aufrief, dass die Morde an Frauen betroffen machen müssten und die Täter zu bestrafen seien, schlugen feministische Organisationen politischere Töne an: Die Gewalt an Frauen sei nicht nur ein individuelles, sondern ein soziales und strukturelles Problem. Diverse feministische Gruppierungen versuchen, das Bewusstsein von Frauen für die ihnen angetane Gewalt zu stärken: "Wer liebt tötet nicht, erniedrigt nicht, misshandelt nicht", lautet ein Leitsatz, der vielerorts zu lesen ist. Eine Nachricht nicht nur an betroffene Frauen, sondern auch an eine Gesellschaft, die die Schuld für Gewalttaten in Beziehungen den Frauen zuschreibt und häufig als normalen Bestandteil einer Liebesbeziehung beurteilt. Die gesellschaftliche Akzeptanz für alltägliche machistische Übergriffe wie das Nachpfeifen auf offener Straße, Bedrängen oder körperliche Übergriffe ist noch immer weit verbreitet, obschon seit Kurzem in Chile, wie in anderen lateinamerikanischen Ländern, ein Gesetzesvorschlag diskutiert wird, der sexuelle Belästigung unter Strafe stellen soll.

Trotz aller widrigen Umstände hat die feministische Bewegung in den letzten Jahren an Kraft gewonnen. Dieses Jahr haben organisierte Studentinnen beispielsweise erreicht, dass an der renommierten staatlichen Universidad de Chile Professoren entlassen wurden, deren übergriffiges Verhalten gegenüber Studentinnen seit Jahren ein offenes Geheimnis war. Wenngleich hier, wie auch an anderen Orten, die Täter individuell angegriffen, angeprangert und verurteilt werden, so gilt die Kritik doch nicht nur ihnen allein: Die Rede ist von Männernetzwerken, die Übergriffe legitimieren und verdecken, deren gesellschaftliche Macht nun aber – wenn auch langsam - zu bröckeln beginnt.

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