Armut und Entrechtung: Wie Kinder in Argentinien unter der Krise leiden

Über eine halbe Million Minderjährige rutschen in Armut ab. Schlechter Zugang zu Lebensmitteln. Wiederwahl von Präsident Macri gefährdet?

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Kinder in Argentinien sind zunehmend von Armut und mangelnden Grundrechten bedroht
Kinder in Argentinien sind zunehmend von Armut und mangelnden Grundrechten bedroht

Buenos Aires. Nach einer Analyse der Katholischen Universität von Argentinien (UCA) sind in dem südamerikanischen Land im vergangenen Jahr 600.000 Kinder mehr als 2017 in die Armut abgerutscht. Die Zahl derer, die unterhalb des Existenzminimums eines durchschnittlichen Haushalts leben und denen gleichzeitig mindestens ein Grundrecht auf Nahrung und Versorgung verwehrt blieb, ist von 37,1 Prozent im Jahr 2017 auf 41,2 Prozent im Jahr 2018 gestiegen. Die Forscher bezeichnen dies als "doppelte" Verarmung.

Sie geben an, "dass die wirtschaftliche Armut bei denjenigen, die bereits mangelhaften Zugang zu Grundrechten hatten, erheblich zugenommen hat". Besonders der Zugang zu Nahrungsmitteln ist auf ein kritisches Niveau angestiegen. Laut UCA ist die Ernährungsunsicherheit in den letzten drei Jahren um 5,5 Prozentpunkte gewachsen. 2018 erlitten 11,2 Prozent der Argentinierinnen und Argentinier mindestens einmal Hunger. Unter ihnen befanden sich rund 1,5 Million Kinder. Besonders die stetig gestiegenen Lebensmittelpreise haben die Zahl der Armen radikal erhöht.

Experten machen die Staatsverschuldung verantwortlich für die soziale Misere. Im letzten Jahr hatte Argentinien Kredite in Milliardenhöhe des Internationalen Währungsfons (IWF) erhalten. Damit solle Vertrauen des internationalen Kapitalmarktes zurückgewonnen werden, so das erklärte Ziel der neoliberalen Regierung von Präsident Mauricio Macri. Wissenschaftler der Universität Avellaneda rechnen etwa mit einer Verschlechterung der sozialen Lage besonders für Rentner und arbeitslose sowie informell beschäftige Eltern, die staatliche Zuwendung für ihre Kinder bekommen (Asignación universal por Hijo).

Präsident Macri hatte bei seinem Amtsantritt im Dezember 2015 sein Wahlversprechen "Null Armut" bekräftigt. Die unter seiner Regierungsführung beschlossenen umfangreichen Strukturreformen werden von weiten Teilen der Bevölkerung jedoch abgelehnt.

Laut der Zeitung iProfessional übertrifft die Armutsrate alle Prognosen. Demnach lässt das mit dem IWF vereinbarte Einsparungsprogramm eine Erhöhung der Sozialausgaben zu. Allerdings sagte der stellvertretende Direktor der Regionalabteilung des IWF, Nigel Chalk, gegenüber der Zeitung Expansión: "Wir sind uns ebenso wie die argentinischen Behörden des Risikos der steigenden Armut für die Erreichung unserer Ziele sehr bewusst."

Vor diesem Hintergrund sehen Experten die Wiederwahl Macris im Oktober 2019 in Gefahr. Macris Kabinettchef Marcos Peña sagte hingegen in einem Fernsehinterview, die Schuldenpolitik sei gerechtfertigt, solange der argentinische Staat mehr ausgebe als er einnehme. Er bekräftige, dass "ein Präsident mit internationaler Unterstützung eine Bereicherung ist".

Das Barometer für soziale Verschuldung misst Armut auf zwei Arten. Zum einen fließen Daten aus der jährlichen Umfrage der Beobachtungsstelle zur mehrdimensionalen Kinderarmut der UCA ein. Sie spiegeln die Benachteiligung von Kindern in Bezug auf sechs Grundrechte wider. Erfasst wird der Zugang zu Ernährung, medizinischer Versorgung und Gesundheitsvorsorge, qualitativ hochwertiger Bildung, Wohnraum, Informationen sowie Sanitäreinrichtungen. Auf der anderen Seite werden die Ergebnisse in Bezug zur Einkommensarmut gesetzt. Die Zahlen beziehen sich auf die Armutsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von 17 Jahren.

Demnach werden mehr als 63 von hundert Kindern und Jugendlichen ihre Grundrechte verwehrt. Mehr als die Hälfte (51,7 Prozent) leben in armen Haushalten. Von einhundert Minderjähringen sind etwa 41 der doppelten Belastung von zu wenig Einkommen sowie einem mangelhaften Zugang zu Grundrechten ausgesetzt.

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