Bundesregierung stellt umstrittenes Hilfskonzept für Opfer der "Colonia Dignidad" in Chile vor

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Innenansicht der Colonia Dignidad, hier im Jahr 2014
Innenansicht der Colonia Dignidad, hier im Jahr 2014

Berlin. Die Bundesregierung hat das Konzept für einen Hilfsfonds für die Opfer der deutschen Sektensiedlung "Colonia Dignidad" in Chile vorgelegt. Ziel des Fonds ist es, die Folgen von Unterdrückung und Ausbeutung in der Deutschen-Exklave zu mildern.

Der ehemalige Jugendpfleger und Nazi Paul Schäfer war 1961 vor drohender Strafverfolgung wegen Sexualdelikten in der Bundesrepublik nach Chile geflohen, um dort die "Colonia Dignidad" zu gründen. "Diese verbrecherische Organisation tarnte sich nach außen als harmonische, gottesfürchtige Gemeinschaft, die in einem landschaftlichen Idyll, abgeschieden von der Welt, ihr Leben nach christlichen Prinzipien führen wollte", heißt es in einer Unterrichtung der Bundesregierung. Schäfer habe schon Jahre zuvor in Deutschland den Verein "Private Sociale Mission" gegründet, dessen Struktur und Handlungsweise bereits die Verbrechen vorwegnahmen, die später in der "Colonia Dignidad" über Jahrzehnte hinweg praktiziert werden sollten.

In ihrem Dokument erkennt die Bundesregierung an, dass Frauen, Männer und Kinder in der Sektensiedlung über Jahrzehnte hinweg "Opfer entsetzlicher Verbrechen" wurden. Schäfer und seine Vertrauten hätten eine kriminelle Sekte errichtet, deren Machtstruktur sich auf psychische und physische, einschließlich schwerster sexueller Gewalt, auf Sklavenarbeit und Denunziantentum, auf ständige Überwachung und systematische Einschüchterung gegründet habe.

Das Hilfskonzept wurde nun von der Bundesregierung und der Gemeinsamen Kommission von Deutschem Bundestag und Bundesregierung erarbeitet. Basierend auf einem Zwei-Säulenmodell sollen demnach Opfer pro Person bis zu 10.000 Euro für Ausgaben für Gesundheit, Pflege und Bildung erhalten können: Bis zu 7.000 Euro in einem vereinfachten Verfahren, bis zu 3.000 Euro bei Vorlage konkreter Verwendungsnachweise.

Empfänger seien deutsche und chilenische Staatsangehörige, die in der "Colonia Dignidad" seinerzeit "ihren tatsächlichen Lebensmittelpunkt hatten, ohne dem Täterkreis zugerechnet zu werden", heißt es auf der Seite des Bundestags. Die Kosten beziffert die Gemeinsame Kommission für den Zeitraum 2019 bis etwa 2024 auf rund 3,5 Millionen Euro. Vorgesehen werden sollen diese Gelder für den Hilfsfonds selbst sowie für die Errichtung und den Betrieb von Anlauf- und Beratungsstellen.

Kritik kam von der Menschenrechtsorganisation Europäisches Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte (ECCHR). Das Konzept berücksichtige nicht die Angehörigen von Verschwundenen und Ermordeten sowie die Forderungen von chilenischen Oppositionellen, die in der Siedlung gefoltert wurden, sagte ECCHR-Jurist Andreas Schüller. Die "Colonia Dignidad" war nach dem Militärputsch in dem südamerikanischen Land 1973 als Folter- und Todeslager genutzt worden.

Opferverbände merkten zudem an, dass die Zahlungen den Opfern nicht aus der Altersarmut helfen würden. Zudem könnten Mitglieder des Regimes von Paul Schäfer wie der ehemalige Sektenarzt Hartmut Hopp in Deutschland weiter mit Straffreiheit rechnen. Hopp war in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbruch zu einer Haftstrafe verurteilt worden. In Deutschland, wohin er daraufhin geflohen war, wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt.

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