Opfer der Colonia Dignidad verklagen chilenischen Staat

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Proteste vor der deutschen Botschaft in Santiago gegen Straflosigkeit im Fall der "Colonia Dignidad" am vergangenen Samstag
Proteste vor der deutschen Botschaft in Santiago gegen Straflosigkeit im Fall der "Colonia Dignidad" am vergangenen Samstag

Santiago. 117 Opfer der Sekte Colonia Dignidad haben in Chile angekündigt, im Juli Klage gegen den chilenischen Staat einzureichen. Die Klägerinnen und Kläger waren als Angehörige der Sekte oder Gefangene Sklaverei, Zwangsarbeit und Entführung ausgesetzt. Ein Anwalt der Opfer, Winfried Hempel, kündigte an, dass durch die Klage mehr als eine Million US-Dollar pro Person für die mehr als 40 Jahre andauernde Tortur als Entschädigung für irreparable Schäden geltend gemacht werden soll.

Bei einer Demonstration vor der deutschen Botschaft in der chilenischen Hauptstadt protestierten am vergangenen Samstag rund 50 Angehörige von mutmaßlich in der Colonia Dignidad ermordeten und bis heute verschwundenen Personen gegen die Einstellung eines Verfahrens in Deutschland in dieser Sache. Einer der Vertrauten von Paul Schäfer, Hartmut Hopp, war in Chile wegen Beihilfe zu sexuellem Missbrauch zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er setzte sich nach Deutschland ab, um so der Abbüßung seiner Strafe zu entkommen. Einem von Chile angestrebten Vollstreckungsverfahren mit dem Ziel, dass Hopp seine Strafe in Deutschland verbüßt, wurde nicht nachgekommen. Eigene Ermittlungen stellte die zuständige Staatsanwaltschaft Krefeld im Mai ein. Die Sprecherin des Verbandes der Angehörigen der Verschwundenen der Maule-Region, Myrna Troncoso, bezeichnete den Vorgang als "skandalöse Kapitulation vor der Verbrechensgeschichte der Colonia Dignidad, mit der Deutschland der Straflosigkeit die Türen öffnet." Zwar habe es vonseiten der Bundesregierung und des Bundestags in den vergangenen Jahren Fortschritte auf diskursiver Ebene gegeben, jedoch habe dies keine konkreten Ergebnisse gebracht, um die Aufarbeitung voranzubringen.

In der von deutschen Aussiedlern gegründeten Sektensiedlung im Süden Chiles herrschte ein jahrzehntelanges Schreckensregime mit Zwangsarbeit, der Verabreichung von Psychopharmaka an die Bewohner und systematischem Kindesmissbrauch. Das Militärregime unter Augusto Pinochet ließ dort politische Gefangene foltern und verschwinden. Obwohl bereits in den 1960er Jahren Siedler aus der Sekte fliehen konnten und von den Zuständen berichteten, blieben sowohl chilenische als auch deutsche Behörden jahrzehntelang untätig. Möglich war dies unter anderem aufgrund der Verbindungen hochrangiger Sektenmitglieder zu deutschen Politikern und Diplomaten. Auch die deutsche Botschaft in der Hauptstadt Santiago blieb weitgehend untätig, wenn über die Verbrechen berichtet wurde. Sektenführer Paul Schäfer war im Jahr 2006 in Chile zu 20 Jahren Haft verurteilt worden und starb 2010 im Alter von 88 Jahren im Gefängnis.

Anfang Juni hatte die Bundesregierung ein Konzept für einen Hilfsfonds für die Opfer der deutschen Sektensiedlung in Chile vorgelegt. Dieses sieht Geldzahlungen für einen Teil der Opfer vor. Allerdings sollen die Angehörigen von Verschwundenen und Ermordeten sowie die Forderungen von chilenischen Oppositionellen, die in der Siedlung gefoltert wurden, nicht berücksichtigt werden.

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