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Farc-Guerilla in Kolumbien nimmt bewaffneten Kampf wieder auf

Vize-Kommandant Iván Márquez kündigt Rückkehr zu den Waffen an. Kritik von gleichnamiger Farc-Partei. Präsident Duque kündigt Militäroffensive an

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Kolumbien vor neuem bewaffneten Konflikt? Iván Márquez verliest Manifest der neuen Farc-Guerilla
Kolumbien vor neuem bewaffneten Konflikt? Iván Márquez verliest Manifest der neuen Farc-Guerilla

Bogotá. Drei Jahre nach der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc-EP) haben führende Köpfe dieser Guerillaorganisation den bewaffneten Kampf wieder aufgenommen. Der zweithöchste Kommandant der ehemaligen Farc-Guerilla, Iván Márquez, veröffentliche in der Nacht zum heutigen Donnerstag ein Video, in dem er zusammen mit anderen ehemaligen Guerillaführern "eine neue Phase des bewaffneten Kampfes" ankündigt.

Der Guerillakrieg werde "unter dem Schutz des universellen Völkerrechts wieder aufgenommen, das es erlaubt, sich mit Waffen gegen Unterdrückung zu wehren", sagte Márquez, dessen Aufenthaltsort seit einem Jahr unbekannt ist. Man strebe ein "zweites Marquetalia" an, erklärte er unter Anspielung auf die Geburtsstätte der ersten Farc-Guerilla im Jahr 1964.

Die Organisation hatte Ende 2016 in der kubanischen Hauptstadt Havanna nach langen Verhandlungen ein Friedensabkommen mit der damaligen Regierung von Manuel Santos unterzeichnet. Die amtierende Nachfolgeregierung unter Präsident Iván Duque, einem politischen Ziehsohn des Hardliners Álvaro Uribe, der Kolumbien von 2002 bis 2010 regierte, setzte das Abkommen jedoch kaum mehr um und versuchte sogar, es in Teilen wieder zu revidieren. Politisch bekämpfte er die Farc-Partei (Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común – Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes, Farc), die aus der Guerilla hervorgegangen war. Zugleich wurden mindestens 150 Ex-Kämpfer und Familienangehörige der entwaffneten Organisation Opfer politischer Morde.

Das Video von Farc-EP-Kommandant Márquez wurde auf einer neuen Website hochgeladen, die anscheinend als Portal der neuen bewaffneten Gruppe geschaffen wurde. Auf einem Transparent im Hintergrund ist der volle Name der ehemaligen Guerillaorganisation zu lesen: Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Armee des Volkes. Márquez ist zusammen mit anderen ehemaligen Kommandanten wie Jesús Santrich, El Paisa und Romaña und einer Gruppe bewaffneter Männer und Frauen zu sehen.

Márquez bezeichnet die Entscheidung, zu den Waffen zurückzukehren, als "Fortsetzung des Guerillakampfes" und "Reaktion auf den Verrat des Staates an dem Friedensabkommen von Havanna". Seine Gruppierung werde ein Bündnis mit der Guerillaorganisation Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional, ELN) und versprengten Einheiten der ehemaligen Farc-Guerilla anstreben.

In dem Manifest heißt es, die neue Guerilla richte sich nicht gegen Soldaten oder Polizisten, die "die Interessen der Bevölkerung respektieren". Die neue Organisation werde sich vielmehr gegen "die korrupte Oligarchie, Mafia und Gewalt" zur Wehr setzen. Man werde zugleich einer neuen Strategie folgen und "nur auf Angriffe reagieren". Auch wollen die Guerilleros von der umstrittenen Methode der Entführungen absehen, um Lösegeld zu erpressen. Die neue Guerilla sei am "Dialog mit Geschäftsleuten, Viehzüchtern, Händlern und den wohlhabenden Menschen des Landes interessiert, um einen Beitrag von ihnen zum Fortschritt der ländlichen und städtischen Gemeinschaften zu erreichen".

Der Vorsitzende der Farc-Partei, Rodrigo Londoño, bekannt als Timochenko, bat Kolumbien und die internationale Gemeinschaft um Vergebung für das Verhalten seiner ehemaligen Mitstreiter. "Jeder von uns fühlt Scham, denn wir haben gelernt, die Vereinbarungen zu erfüllen und die Versprechen zu halten", sagte er in Bezug auf den Friedensprozess. In einer Mitteilung wies die Farc-Partei darauf hin, dass die Entscheidung der Dissidenten zur Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes die Vereinbarungen von Havanna verletze. Man teile "kein einziges Wort" des von Márquez vorgetragenen Manifestes.

Der ehemalige Präsident (2002-2010) Álvaro Uribe schrieb auf Twitter: "Hier gab es nie einen Frieden, sondern nur Straffreiheit für einige, die für grausame Verbrechen mit hohen Kosten für den Staat verantwortlich sind". Uribe ist einer der Hauptgegner des von der Regierung von Juan Manuel Santos mit den Farc unterzeichneten Abkommens.

Kolumbiens amtierender Präsident Duque hat indes einen Militäreinsatz gegen die Guerilleros um Márquez angekündigt. Eine eigens geschaffene Sondereinheit werde die Rebellen verfolgen. Sie werde von Sonderermittlern und dem Geheimdienst unterstützt, so Duque am Donnerstag in einem Video vom Präsidentenpalast aus. Laut Duque müssten sich die Kolumbianer darüber im Klaren sein, dass man es nicht mit der Entstehung einer neuen Guerilla zu tun habe, "sondern mit den kriminellen Drohungen einer Bande von Drogen-Terroristen, die den Schutz und die Unterstützung der Diktatur von [dem venezolanischen Präsidenten] Nicolás Maduro genießen".

Jairo Cala, ein ehemaliges Mitglied der Farc-Guerilla, bedauerte die Neugründung der Untergrundorganisation. Er sei überzeugt, dass der in Havanna vereinbarte Friedensprozess "allen Gruppen außerhalb des Gesetzes" eine Chance biete. "Wir haben einen Friedensvertrag unterzeichnet und nun müssen wir dafür kämpfen, dass er im Rahmen bestehender Gesetze erfüllt wird", so Cala, der dem Parlament im Verwaltungsbezirk Santander angehört.

"Die mangelnde Unterstützung der kolumbianischen Regierung für die Wiedereingliederung von Ex-Kombattanten sowie die regelmäßigen Angriffe auf wichtige Justizinitiativen haben wenig dazu beigetragen, das Vertrauen in das Friedensabkommen zu stärken", schrieb die in Washington ansässige US-Menschenrechtsorganisation Wola. Die Morde an demobilisierten Kämpfern habe die Kritik derjenigen bestärkt, die sich gegen eine Abgabe der Waffen gewandt haben, hieß es von den US-Lateinamerika-Experten. Es sei derzeit unklar, wie viele der über 13.000 demobilisierten Ex-Kämpfer der Farc der Aufforderungen nachkommen, sich der neuen Guerilla anzuschließen.

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