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Venezuela: Guaidó-Lager gründet eigenen "Telesur"-Kanal mit Sitz in Miami

Programm soll von USA aus senden. Geld von US-Regierung und Verbündeten in Lateinamerika. Telesur-Präsidentin: Angriff bestärkt uns nur

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Guaidó will einen "Anti-Telesur"-Sender ins Leben rufen
Guaidó will einen "Anti-Telesur"-Sender ins Leben rufen

Caracas. Nach der Ankündigung des venezolanischen Oppositionsführers Juan Guaidó vor wenigen Tagen, den multistaatlichen TV-Sender Telesur zu "übernehmen", hat der Politiker erste Schritte dahin bekannt gegeben. Tatsächlich scheint die medienpolitische Kampfansage zunächst nicht mehr als die Gründung eines konkurrienden Unternehmens zu beinhalten.

Wie Diario Las Américas, die älteste Zeitung für die hispanische Gemeinde in Miami, USA, berichtet, hat Guaidó eine Kommission ins Leben gerufen, die für die "Reorganisation und Rettung" von Telesur zuständig sein werde. Deren Leitung übergab der Oppositionspolitiker an Leopoldo Castillo und Larissa Patiño. Die Kommission soll einen Arbeitsplan vorlegen, um den Betrieb des Fernsehsenders in den nächsten Monaten aufzunehmen.

Castillo wurde bekannt als Moderator von "Aló Ciudadano" des venezolanischen TV-Senders Globovisión. Das Format war als Gegenstück zur Sendung "Aló Presidente" des damaligen Präsidenten Hugo Chávez angelegt und wurde von 2002 bis 2013 ausgestrahlt. Er lebt seit Jahren in den USA und moderiert eine Informationssendung auf MiraTV. Patiño ist Journalistin und arbeitete beim Privatfernsehsender Radio Caracas Televisión.

Äußerungen von Castillo lassen darauf schließen, dass ein Sender mit anderem Namen gegründet werden soll, der sein Programm von Miami aus ausstrahlen und den Betrieb in den kommenden Monaten aufnehmen werde. Gleichwohl firmiert der Kommissionsleiter in einem Wikipediaeintrag als "Präsident von Telesur … seit dem 14. Januar 2020 … wohnhaft in Miami, USA".

Die Idee sei, "dass (der Sender) nicht einfach ein Instrument ist, um den Sozialismus des 21. Jahrhunderts in die Länder zu bringen, sondern eine Option mit demokratischen Werten, Werten der Freiheit, Werten des Fortschritts", wird Castillo zitiert. Das "neue Telesur" werde von der US-Regierung und anderen lateinamerikanischen Ländern finanziert werden. Mit den Ländern der Region würden Abkommen zur Übermittlung des Signals unterzeichnet, und es werde Korrespondenten in ganz Lateinamerika geben, so Diario Las Américas in seinem Bericht.

Nachdem Telesur selbst sich zu den Ankündigungen Guaidós zunächst nicht geäußert hatte, liegt inzwischen eine offizielle Stellungnahme vor. Der Sender beurteilt die Absichten der venezolanischen Opposition als eine Bedrohung der Informationsfreiheit "seitens derer, die sie im Namen der Meinungsfreiheit kidnappen wollen", und fordert "die Bevölkerung, die sozialen Organisationen, Journalisten, Gewerkschaften, die Regierung und Institutionen" auf, die Information als grundlegendes Menschenrecht zu verteidigen.

Wieder einmal richte "das transnationale Kapital mit der Stimme rechter politischer Akteure seine Geschütze gegen dieses Medium".  "Sie wollen sein Sendesignal konfiszieren und eine Kommunikationsplattform abschneiden, die dem Zusammenkommen der Völker gedient hat. Sie wollen in die Zeiten des Schweigens und der Unsichtbarkeit derjenigen zurückkehren, die ihre Rechte einfordern und für eine bessere Welt kämpfen", so die Stellungnahme.

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Patricia Villegas, kolumbianische Jounalistin und Präsidentin von Telesur, zeigt sich selbstbewusst.
Patricia Villegas, kolumbianische Jounalistin und Präsidentin von Telesur, zeigt sich selbstbewusst.

Patricia Villegas, kolumbianische Jounalistin und Präsidentin von Telesur erklärte in der Sendung "Mesa Redonda" des kubanischen Fernsehens, dass "dies nicht der erste Versuch der lateinamerikanischen Rechten ist, die Arbeit der Medien zu stigmatisieren". Nach Bekanntwerden der Pläne hätten sich bereits viele Telesur unterstützende Stimmen erhoben "von Präsidenten, Jounalisten, Analysten bis hin zu Nutzern von sozialen Netzwerken" unter Hashtags wie #VivateleSUR oder #TodosSomosTelesur.

Die Leiterin von Telesur zeigte sich überzeugt, dass es nichts geben werde, was ihren Sender von seinen jounalistischen Aufgaben und Zielen abbringen werde. Man sei das Arbeiten unter schwierigen Bedingungen gewohnt.

In Argentinien war der Sender zwischenzeitlich aus dem Angebot der öffentlich empfangbaren Kanäle verbannt, die De-facto-Regierung von Bolivien hat den Empfang Ende November 2019 unterbunden. In Ecuador, wo das englischsprachige Programm von Telesur produziert wird, steht der Sender seit dem Amtsantritt von Präsident Lenín Moreno unter massivem Druck und wurde aus dem Netz der staatlichen Telekommunikationsgesellschaft genommen.

Telesur strahlt sein Programm nunmehr seit 15 Jahren aus. In Hinsicht auf sein erklärtes Ziel, ein Gegengewicht zu internationalen Fernsehsendern wie CNN (USA) und BBC (Großbritannien) sowie zu den großen privaten Mediengruppen in den lateinamerikanischen Ländern zu schaffen, hat der Sender beachtliche Erfolge vorzuweisen und sich im internationalen Jounalismus Ansehen erworben.

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