Argentinien: Export von Rindfleisch auf Höchststand

Konsum im Land indes rückläufig. Mit Lebensmittelkarten will die neue Regierung zwei Millionen Menschen vergünstigte Preise garantieren

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Rinderzucht in Argentinien: Für das Land oder den Export?
Rinderzucht in Argentinien: Für das Land oder den Export?

Buenos Aires. Der argentinische Fleischmarkt steht vor einer ambivalenten Situation: Die Nachfrage Chinas hat die Fleischproduktion im vergangenen Jahr verdoppelt – mehr als 830.000 Tonnen wurden in Container verladen und exportiert –, gleichzeitig können sich immer mehr Menschen in Argentinien inländisches Fleisch aufgrund der steigenden Preise nicht mehr leisten.

Die Volksrepublik China hatte ihre Nachfrage angesichts der grassierenden Schweinepest im Jahr 2019 deutlich erhöht. Nach Angaben des Instituts zur Förderung der argentinischen Rindfleischproduktion (Instituto de la Promoción de la Carne Vacuna Argentina, IPCVA) gingen 75 Prozent der argentinischen Fleischexporte in den ostasiatischen Großstaat. Mit 374.500 Tonnen lag China damit deutlich vor anderen Großabnehmern wie Chile (27.500 Tonnen) und Deutschland (23.400 Tonnen).

Was den gesamten Export von Geflügelprodukten sowie rotem Fleisch von Rind und Schwein angeht, hat Argentinien inzwischen längst die Millionen-Tonnen-Marke überschritten. "Im Vergleich zu den 430.000 Tonnen im Jahr 2016 haben sich die Zahlen praktisch verdreifacht", schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Ramiro Farías.

Die explodierende Nachfrage und die daraus folgenden Investitionen in die Rinderzucht kamen der Politik von Ex-Präsident Mauricio Macri entgegen. Der neoliberale Politiker hatte noch vor seinem Amtsantritt im Jahr 2015 angekündigt, Argentinien mit einer Öffnung des Marktes zurück an die Spitze der Exportweltmeister zu holen. Das sollte dem Land Devisen einbringen und die krisengeschüttelte Wirtschaft stärken. Dafür strich Macri für drei Jahre Abgaben auf Rindfleischpreise, die seine Amtsvorgängerin und heutige erneute Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner einst eingeführt hatte. Im September 2018, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, führte er sie angesichts einer sich verschärfenden Krise teilweise per Dekret wieder ein. Inzwischen hat die neue Regierung von Alberto Fernández die Abgaben für Exporte von Fleisch und anderen wichtigen Agrarprodukten für den Nahrungsmittelmarkt auf neun Prozent festgelegt.

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Das traditionelle "Asado" konnten sich in Argentinien zuletzt immer weniger Menschen leisten
Das traditionelle "Asado" konnten sich in Argentinien zuletzt immer weniger Menschen leisten

Die aktuelle Wirtschaftskrise spiegelt sich in Argentinien auch im Fleischkonsum wieder. Nach wie vor gehört das Land weltweit zu den Spitzenreitern beim Rindfleischkonsum. Doch das "Asado", das traditionelle Grillessen am Wochenende, können sich immer weniger Menschen leisten. Während Rekordexporte verzeichnet wurden, kauften die Menschen in Argentinien im Jahr 2019 rund zehn Prozent weniger Rindfleisch als noch im Vorjahr. Das geht aus Daten der Industrie- und Handelskammer für Fleisch und Fleischprodukte (Camara de la Industria y Comercio de Carnes y Derivados, Ciccra) hervor. Während einige Beobachter das mit einem plötzlichen Kulturwandel erklären und argumentieren, mehr Menschen ernährten sich vegetarierisch oder vegan, zeigt der gleichzeitige Anstieg bei den Verkäufen von Hühnchenfleisch, dass steigende Preise eine wichtige Rolle für diese Entwicklung spielen.

In den letzten 30 Jahren stieg der Konsum von Hühnchenfleisch in Argentinien um 30 Kilo pro Person, während der gleiche Wert für Rindfleisch um 25 Kilo sank. "Es gibt einen einzigen Grund für diese Entwicklung und das ist der Verlust an Kaufkraft", sagte der Präsident der Ciccra, Miguel Schiariti.

Mit mehr als 560.000 Lebensmittelkarten und dem Programm "Argentinien gegen den Hunger" will die neue Regierung in diesem Jahr mehr als zwei Millionen Menschen mit vergünstigten Lebensmitteln versorgen. Die ersten Karten wurden unlängst in den Vororten der Hauptstadt Buenos Aires verteilt.

Die Regierung verhandelt weiterhin mit Vertretern der Fleischindustrie, um zudem einen vergünstigten Fleischpreis zu erwirken.

Die Branche verfolgt derweil aufmerksam die Entwicklungen in China. Nach dem Preissprung von 6.000 auf bis zu 7.500 US-Dollar pro Tonne exportierten Rindfleischs im vergangenen Jahr zahlen chinesische Importeure nun bis zu 35 Prozent weniger, hieß es wenige Tage, nachdem argentinische Medien Schlagzeilen zu den Exportrekorden geschrieben hatten.

Diese neue Entwicklung hat wohl auch mit der Öffnung des chinesischen Markts in Richtung Indien, Hongkong und Vietnam zu tun, zudem wurden weitere Exporteure aus Brasilien zugelassen. "Diese Situation hat einen Preisdruck nach unten ausgelöst, unter dem wir heute leiden", erklärte Ciccra-Präsident Schiariti gegenüber dem Branchenportal Supercampo.

Der Blick richtet sich nun auch auf Australien. Nach den dortigen Waldbränden und den verheerenden Auswirkungen auf Mensch und Natur hofft die argentinische Branche auf neue Märkte, sollte Australien seine Lieferungen von Rind aus Weidehaltung nicht wie zuvor bedienen können.

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