Kolumbien / Politik

Bewaffneter Streik der Guerilla in Kolumbien

Regierung versetzt Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft. Indigene im Cauca: Streik entbehrt jeder Rechtfertigung

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Vom 14. bis 17. Februar findet in Kolumbien ein "bewaffneter Streik" der ELN statt. Auch die wiederbewaffnete Farc-Ep beteiligt sich
Vom 14. bis 17. Februar findet in Kolumbien ein "bewaffneter Streik" der ELN statt. Auch die wiederbewaffnete Farc-Ep beteiligt sich

Bogotá/Norte del Cauca. Die Guerilla Nationale Befreiungsarmee (ELN) in Kolumbien führt einen landesweiten bewaffneten Streik durch. Er ist für 72 Stunden angekündigt und findet vom 14. bis zum 17. Februar statt.

In einer Mitteilung der ELN heißt es, dass die Bevölkerung in ihren Häusern oder an ihren Arbeitsplätzen sowie auf den Feldern sicher sei, jedoch auf jede Art der Beförderung und des Transports verzichten solle. Wer dem zuwider handle und den Streik sabotiere, trage im Fall des Verlusts seines Transportmittels und der Ware die volle Verantwortung. Gleichzeitig respektiere die ELN aber Krankentransporte und Beerdigungen. Die Einheiten der Guerilla seien aufgefordert, sich respektvoll gegenüber den Menschen zu verhalten. Um die Bevölkerung vorzubereiten und keiner "unnötigen Gefahr" auszusetzen, habe man den Streik rechtzeitig angekündigt.

Auch wenn in dem Kommuniqué keine Details dazu erwähnt werden, lässt das Datum darauf schließen, dass mit der Aktion des Befreiungstheologen Camilo Torres Restrepo gedacht werden soll. Torres wurde am 15. Februar 1966 in einem Gefecht im Department Santander getötet, nachdem er sich vier Monate zuvor der ELN angeschlossen hatte. Nach seinem Tod wurde Torres zu einer Ikone der lateinamerikanischen Linken und Befreiungsbewegungen.

Präsident Iván Duque zeigte sich angesichts des Streiks energisch: "Die Terroristen können das Land nicht einschüchtern. Kolumbien schreckt vor den Drohungen keiner einzigen bewaffneten Gruppe zurück; mehr als je zuvor sind wir heute eine standhafte Nation und wehrhafte Demokratie." Polizei und Militär sind in höchster Alarmbereitschaft. "Wir werden nicht zulassen, dass diese Kriminellen die Regierung mit Terrorismus und Anschlägen auf die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur erpressen", so Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo.

Duque hatte die Friedensverhandlungen mit der ELN seit seinem Amtsantritt im August 2018 auf Eis gelegt und im Januar 2019 für beendet erklärt, nachdem die Guerilla ein Attentat auf eine Polizeischule in Bogotá verübt hatte. Seitdem verlangt Kolumbiens Regierung von Kuba die Auslieferung der Verhandlungsdelegation der ELN. Diese befindet sich weiterhin in Kuba und fordert eine Weiterführung der Gespräche. Duque knüpft dies jedoch an die Bedingung, dass die ELN "alle Entführten freilässt und auf alle gewaltsamen Aktionen verzichtet". Laut der Stiftung Ideas para la Paz ist die ELN in den letzten Jahren auf fast 5.000 Kämpfer angewachsen. Am stärksten vertreten sei sie in den Regionen Arauca, Chocó und Norte de Santander.

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Auch die wiederbewaffneten Einheiten der Farc-EP haben an denselben Tagen wie die ELN einen Streik angekündigt. Seit dem 9. Februar kursiert im Departamento Cauca ein entsprechendes Flugblatt. Die Bewegung von Fahrzeugen wird untersagt und bei Zuwiderhandeln mit deren Zerstörung gedroht. Außerdem seien Geschäfte, Märkte, Diskotheken und Kneipen zu schließen. Personen, die sich nicht daran halten, werden zum "militärischen Ziel" erklärt.

Die Vereinigung der Indigenen Autoritäten des nördlichen Cauca (ACIN) hat auf die Drohung mit einem Aufruf zur kollektiven Mobilisierung als Zeichen des Widerstands geantwortet. Darin lehnen die 22 indigenen Autonomiegebiete der ACIN den Streik ab, "der jeder Rechtfertigung entbehrt. Vielmehr bringt er die Dynamiken des Konflikts in unsere Territorien zurück". Auch wenn die Regierung für das Scheitern des Friedensprozesses und die Ermordung von 800 sozialen Aktivisten verantwortlich sei, verurteile die ACIN die Aktionen aller bewaffneter Gruppen in ihrer Region. Die politische Entscheidung zur Fortsetzung des Krieges und der militärische Angriff auf Personen der indigenen Selbstverwaltung könne nicht hingenommen werden.

"Die bewaffneten Gruppen setzen auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer Macht und verletzen die Rechte unserer Gemeinschaften auf unserem eigenen Territorium. Das ist der Grund, weshalb wir ihre Entscheidung zum bewaffneten Streik nicht akzeptieren“, so Rigoberto Muñoz Castillo gegenüber amerika21. Castillo ist Sprecher der indigenen Bewegung in der Region Tacqueyó im Cauca.

Am Freitag, dem ersten Streiktag kam es laut Medienberichten zu mehreren bewaffneten Zwischenfällen, Fahrzeuge brannten und Straßensperren wurden errichtet. Die Aktionen der Aufständischen betrafen den Personen- und Frachtverkehr in der Region Catatumbo in Norte de Santander – die am stärksten betroffen war – sowie in Arauca, Cesar und Cauca.

Eines der schwerwiegendsten Ereignisse, über das lokale Medien berichteten, war ein Angriff im Departamento Cesar, bei dem sechs Polizisten durch einen brennenden Tanklaster verletzt wurden. Die Armee schrieb dies den Rebellen zu. Im Nordwesten Kolumbiens kam es bislang nicht zu Aktionen, jedoch stellten die lokalen Händler in der Region von sich aus ihre Aktivitäten ein.

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