Chile / Großbritannien

Britische Verbindungen zum Militärputsch in Chile 1973

Entklassifizierte Dokumente belegen: Britische Labour Regierung bereitete Putsch gegen Allende mit vor

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Der bombardierte Regierungssitz La Moneda am 11. September 1973
Der bombardierte Regierungssitz La Moneda am 11. September 1973

Johannesburg/London/Santiago de Chile. Vor rund 50 Jahren leitete die US-Regierung den Sturz der demokratisch gewählten sozialistischen Regierung unter Salvador Allende ein. Ein Jahr später beschloss der damalige Präsident Richard Nixon, "wir holen Allende von der Bühne". Was lange nicht bekannt war: Die USA kooperierten dabei eng mit der britischen Regierung. Freigegebene Dokumente belegen, dass seit 1964 das britische Außenministerium eine Machtübernahme sozialistischer Kräfte in Chile verhindern wollte.

Kurz nach dem Wahlsieg Allendes am 4. September 1970 war klar, dass die kommenden Jahre von Gewalt geprägt sein würden. Mit einem Attentat auf den Oberfehlshaber der Streitkräfte, René Schneider, begann die CIA ihre Destabilisierungspolitik, welche schlussendlich mit dem Militärputsch vom 11. September 1973 endete. Die britische Regierung unterstützte das Vorhaben Nixons, und war schon davor aktiv gegen einen Wahlsieg von Sozialisten in dem südamerikanischen Land.

Verantwortlich für die Informationsbeschaffung für die Regierung Großbritanniens war das Information Research Department (IRD), welches 1948 innerhalb des Außenministeriums gegründet wurde und ab den 50er Jahren das Ziel verfolgte, kommunistische Bewegungen weltweit auszuspionieren und zu schwächen. 1964, kurz bevor Salvador Allende die Wahl zum Präsidenten gegen den Christdemokraten Frei Montalva verlor, bemerkte das IRD zum ersten Mal die Möglichkeit eines Wahlgewinns sozialistischer Kräfte und betonte die Dringlichkeit, dies auf allen möglichen Wegen zu verhindern.

Von 1964 bis 1970 wurde Großbritannien von der Labour-Partei unter dem Premierminister Harold Wilson regiert. Diese unterstütze die Regierung Frei, welche ein Programm von Sozialreformen durchführte und sowohl für die USA, als auch für Großbritannien ein Bollwerk gegen linksrevolutionäre Kräfte darstellte. Laut der südafrikanischen Online-Zeitung Daily Maverick, die Einsicht in die Dokumente hatte, war die britische Regierung vor allem an den Kupferreserven des Landes interessiert. Das politische Programm der Regierung Allende sah eine Verstaatlichung des Bergbaus vor, der vor allem in US-amerikanischer Hand war.

Zur Präsidentschaftswahl von 1970 stellte sich Allende als Kandidat der Unidad Popular ein weiteres Mal auf. Die IRD arbeitete das ganze Jahr dafür, die Allianz und einen Wahlsieg Allendes zu verhindern, ohne Erfolg. Nachdem der erste Plan der CIA scheiterte, den Ex-Präsidenten Frei zu einem Putsch gegen die neue Regierung zu bewegen, arbeiteten die USA zusammen mit anderen Staaten daran, die innenpolitische Lage zu destabilisieren. Die Anstrengungen endeten schließlich mit dem Militärputsch vom 11. September 1973, bei dem Hawker Hunter, Kampfflugzeuge aus britischer Produktion, das Regierungsgebäude La Moneda bombardierten.

Großbritannien, unter der Tory-Regierung von Edward Heath (1970-1974), anerkannte das Militärregime sofort und nahm freundschaftliche Beziehungen mit der Diktatur unter Augusto Pinochet auf. Als 1974 ein zweites Mal Harold Wilson die Regierung übernahm, führten breite Proteste dazu, dass er die Beziehungen zu Pinochet einfror. Zur gleichen Zeit mussten die Hawker Hunter in Totalrevision. Deren Motoren wurden dafür in die Produktionsstätten von Rolls Royce in Schottland geliefert. Die dortige Gewerkschaft verhinderte in Solidarität mit der gestürzten chilenischen Regierung über Jahre die Reparatur der Motoren. Diesen Kampf schildert der 2018 erschienene Dokumentarfilm Nae Pasarán! von Felipe Bustos Sierra.

Das Thema der chilenischen Militärdiktatur und deren europäische und US-amerikanische Unterstützer wird immer wieder in öffentlichen Debatten und Filmproduktionen aufgenommen. Im Film Colonia Dignidad – Es gibt kein züruck von Florian Gallenberger werden unter anderem die engen Beziehungen der westdeutschen Botschaft zur Militärdiktatur aufgearbeitet. Gleichzeitig rühmen sich Serien wie Invisible Heroes der europäischen Solidarität mit der Aufnahme chilenischer Geflüchteter. Dabei wird häufig die Rolle ehemaliger Staaten des Ostblocks heruntergespielt. Erst jetzt kann, dank der Öffnung zuvor geschlossener Archive, aufgeklärt werden wie weit westeuropäische Regierungen am Putsch und in der Folge auch an den Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren.

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