Kolumbien zählt bereits 15 Massaker in diesem Jahr

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"Das hier ist kein Land, sondern ein Massengrab mit Nationahymne"
"Das hier ist kein Land, sondern ein Massengrab mit Nationahymne"

Bogotá. Die Zahl der Massaker nimmt in diesem Jahr in Kolumbien immer schneller zu. Die Stiftung Frieden und Versöhnung (Paz y Reconciliación, Pares) hat bis zum 4. Februar 14 Fälle verzeichnet, bei denen insgesamt 50 Personen in zwölf verschiedenen Departamentos umgebracht wurden. 2020 fanden laut Indepaz 91 Massaker statt, die meisten davon in Antioquia, gefolgt vom Departamento Cauca.

Das jüngste Verbrechen geschah im Westen des Cauca: Männer mit Langwaffen und in Uniformen der Streitkräfte töteten einen 40-jährigen Kleinbauern und seine zwei heranwachsenden Söhne. Sie wurden zuvor gefoltert. Die Täter sollen zur paramilitärschen Gruppe "Dagoberto Ramos" gehören.

Nur zwei Tage davor wurden in der Gemeinde Argelia, auch in Cauca, drei Leichen entdeckt. Neben ihnen lag eine Notiz, in der die Gruppe "Carlos Patiño" die Opfer beschuldigt, ehemalige Mitglieder der ELN-Guerilla zu sein. Die Bewaffneten der "Carlos Patiño" – so wie die Angehörige der "Dagoberto Ramos" – verstehen sich als Farc-Abtrünnige, handeln aber wie Paramilitärs. Laut lokalen Basisorganisationen soll diese Gruppe mit Unterstützung der Armee in die Region einmarschiert sein, um die ELN zu bekämpfen.

Circa eine Woche davor sind zwölf Stadträt:innen aus der Region geflüchtet. Einer der Gründe war der Mord an dem Stadtrat Fermiliano Meneses. Laut dem Friedensbeauftragten der Regierung, Miguel Ceballos, sei die ELN dafür verantwortlich. Ceballos ist jedoch in der Vergangenheit von Oppositionellen als "Anstifter des bewaffneten Konflikts" kritisiert worden.

Circa 30.000 Menschen wohnen in Argelia. Mit 125 Mordopfern pro 100.000 Einwohner:innen hat die Gemeinde eine der höchsten Mordraten im Cauca. In Bogotá liegt sie bei 14 Personen pro 100.000 Einwohner:innen. Laut offiziellen Zahlen gibt es in Argelia und der Nachbargemeinde El Tambo 10.000 Hektar Kokapflanzungen. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung stellt dieses Gebiet das Zentrum für den illegalen Anbau am Pazifik dar.

Die Region ist nicht nur für den Kokaanbau strategisch. Die lokale Organisation "Netzwerk für das Leben und die Menschenrechte im Cauca" sieht eine Verbindung zwischen der dortigen Gewalt und Erschließungsprojekten, gegen die sich Basisorganisationen wehren. Es gehe um Bergbau, Landstraßenbau und Wasserkraftwerke, hierfür sei es von Vorteil, "die Leute zu vertreiben". Die Gemeinden klagen außerdem über eine enge Allianz zwischen den Streitkräften und der Gruppe "Carlos Patiño".

Wie Pares berichtet, gibt es eine zivile Gruppierung, die sich "Argelia schmerzt" (Argelia duele) nennt und Protestmärsche gegen die Gewalt organisiert, nachdem die Militärpräsenz bislang wenig zur Verbesserung der Situation im Cauca beigetragen hatte. Die Bürgerinitiative versuche darüber hinaus, mit den bewaffneten Fronten in Dialog zu treten. Bisher jedoch erfolglos.

Zu den letzten Massakern zählen auch die Morde an neun Jugendlichen im Departamento Nariño: Einmal waren es fünf junge Männer, deren Leichen in drei Gräbern gefunden wurden, einmal drei Jungen und eine junge Frau. Sie alle stammen aus Cauca und waren einige Tage zuvor verschwunden.

Auch Farc-Demobilisierte werden weiter getötet. Letzte Woche wurde die Leiche des ehemaligen Kämpfers Bryan Javier Secue Ipia in Argelia im Cauca gefunden. Er setzte sich für die Umsetzung des im Jahr 2016 unterzeichneten Friedensvertrags ein und ist dieses Jahr der fünfte von insgesamt über 240 früheren Mitgliedern der Farc-Guerilla, die seit der Vertragsschließung ermordet wurden.

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