Kolumbien: Bewaffnete in Zivilkleidung schießen in Cali auf Indigene, zwölf Verletzte

Angreifer uniformiert in weißen T-Shirts. Polizei unterstützt sie offenbar. Präsident Duque ordnet weitere Militarisierung in Cali an

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"Wir sind die Beschützer der sozialen Proteste", sagt der Cric-Sprecher Giovanny Yule
"Wir sind die Beschützer der sozialen Proteste", sagt der Cric-Sprecher Giovanny Yule

Cali. Am Sonntag haben zivile Personen in Cali auf eine Gruppe des indigenen Regionalrats des Cauca (Cric) geschossen und dabei zwölf von ihnen verletzt. Einer der Videoclips, die die Ereignisse dokumentieren, zeigt einen Polizisten inmitten der Angreifer, während diese schießen.

Die Gruppe war in Fahrzeugen auf dem Weg, Angehörigen eines indigenen Rats zu Hilfe zu kommen, die von anderen bewaffnete Zivilisten auf der Landstraße zwischen Cali und der Kleinstadt Jamundí festgenommen worden waren.

Kurz nach der Attacke kamen die Sondereinheit der Polizei zur Aufstandsbekämpfung (Esmad), das Militär und reguläre Polizist:innen dazu. Sie versteckten und schützen die bewaffneten Zivilpersonen. Dies berichtet der indigene Verband des Nordens von Cauca (Acin), der zum Cric gehört. Die Angreifer trugen alle weiße T-Shirts. Immer öfter greifen in Cali Zivilisten, uniformiert mit weißen T-Shirts, zu Fuß oder aus SUVs heraus mit Feuerwaffen Protestierende an.

Die Polizei schilderte in einem Kommuniqué ganz andere Geschehnisse: "Wir haben auf einen Hilferuf der Bewohner der Zone reagiert, wo sie nach Angaben der Bürger von einer Gruppe von Indigenen angegriffen wurden". Es lägen Videos vor, wie indigene Gruppen in Wohnanlagen eindrängen, mit Feuerwaffen schießen, "zum Terrorismus anstiften" und Wohnungen plündern, heißt es in dem Dokument.

Laut dem Cric habe die Polizei Zivilpersonen engagiert, um in Cali Angst in der Bevölkerung zu verbreiten und Chaos zu erzeugen. Tatsächlich zirkulierten Videos von Zivilisten, die in einen Kleinlaster eilen, während sie von der Polizei begleitet werden. "Nicht der Cric sondern die Nationale Polizei in Zivilkleidung greift an und schießt", teilte die Organisation mit. Leitmedien in Kolumbien verbreiteten allerdings zunächst die Informationen der Polizei.

Die Indigene Mobilisierung oder "Minga" von circa 1.500 Cric-Angehörigen kam nach Cali, um die Proteste im Rahmen des Generalstreiks zu begleiten und mit ihrer gut organisierten "indigenen Wache" (Guardia Indígena) zu beschützen. Davor hatte Cali eine durch die Polizei verursachte Horror-Nacht mit massakrierten Jugendlichen erlebt.

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"Wir sind die Beschützer der sozialen Proteste", sagt der Cric-Sprecher Giovanny Yule. Vor wenigen Tagen haben Protestierende im Stadtteil La Luna die Guardia zu Hilfe gerufen, weil sie von Zivilpersonen mit Feuerwaffen angegriffen wurden. Sie kam und konnte einen der Zivilisten festsetzen. Er gestand, zur Polizei zu gehören. Danach übergab die Guardia ihn einer Menschenrechtskommission.

Der Cric kritisierte den Bürgermeister von Cali, Jorge Iván Ospina, weil er sie stigmatisiere und dadurch gegen sie mobil mache. Vor dem Angriff am Sonntag hatte Ospina die Guardia beschuldigt, Straßenkontrollen an Autos durchzuführen und die Bürger:innen zu stören.

Der indigene Rat prangerte auch die Aufrufe zur Gewalt des ultrarechten Ex-Präsidenten Álvaro Uribe an. Seit Beginn des Streiks hat Uribe in mehreren Statements zu einer gewaltsamen Konfrontation mit der Protestbewegung aufgerufen.

Die Regierungspartei Centro Democrático ihrerseits bat den Präsidenten Iván Duque um einen "kraftvollen und anhaltenden Militäreinsatz" in Cali.

Nach den Angriffen auf den Cric verkündete Duque tatsächlich eine verstärkte Militarisierung der Hauptstadt des Departamento Valle del Cauca an. Kurz danach äußerte sich Uribe in einem Video: "Wir setzen auf die sofortige militärische Übernahme von Cali. Wir hoffen, dass in den nächsten Stunden die Unterlegenheit der Polizei und der Esmad gegenüber dem Terrorismus überwunden wird."

Oppositionelle wie der Präsidentschaftsanwärter Gustavo Petro, den die letzten Umfragen als Favorit zeigen, sehen in der aktuellen Repressionswelle eine große Angst der traditionellen Eliten hinter Uribe, bei den nächsten Wahlen die Macht zu verlieren. Eine Option für sie sei demnach "ein Putsch, um die Wahlen im nächsten Jahr zu verhindern".

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