Argentinien, Brasilien und Paraguay von schwerer Dürre im Paraná-Becken betroffen

Trinkwasser- und Energieversorgung, Schiffsverkehr und Landwirtschaft sind gefährdet. Zu den Ursachen gehören auch Klimawandel und massive Abholzungen

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Staureservoir Cantareira im Großraum São Paulo. Bereits 2015 war die Wasserversorgung durch eine extreme Dürre gefährdet
Staureservoir Cantareira im Großraum São Paulo. Bereits 2015 war die Wasserversorgung durch eine extreme Dürre gefährdet

Asunción/Brasília/Buenos Aires. Der Schiffsverkehr in Paraguay auf dem für den Waren- und Gütertransport zentralen Paraná-Fluss ist wegen der Dürre im Großraum des Wassereinzugsgebiets des Paraná nahezu zum Erliegen gekommen. Daher einigten sich Paraguay, Argentinien und Brasilien darauf, für einen Zeitraum von sieben Tagen mehr Wasser aus dem Staudamm Itaipú zu entlassen, um den Wasserstand im Paraná ein wenig zu erhöhen.

In den argentinischen Provinzen des Wassereinzugsgebiets des Paraná, Missiones und Corrientes, melden die Behörden Probleme mit der Trinkwasserversorgung wegen der Niedrigstände der Flüsse. Aus Brasilien kommen erschreckende Meldungen über ebenfalls deutliche Niedrigstände der Flüsse und Stauseen.

Im Mai hat es in weiten Teilen der brasilianischen Bundesstaaten des Paraná-Wassereinzugsebiet São Paulo, Minas Gerais, Mato Grosso do Sul und Goiás insgesamt 27 Millimeter geregnet. Dies entspricht nur rund einem Viertel des zu dieser Jahreszeit anfallenden Durchschnittsbetrags. Der nationale Wetterdienst hat daher zum ersten Mal in seiner Geschichte für den Großraum des Paraná-Beckens den Wasser- und Dürrenotstand ausgerufen. 2015 wurde der Südosten des Landes von einer extremen Dürre heimgesucht (amerika21 berichtete), die die Trinkwasser- und Energieversorgung im Dreieck der drei Millionenmetropolen São Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte bedrohte. Nun trifft die schlimmste Dürre seit 92 Jahren das Paraná-Einzugsgebiet.

Dies hat Folgen für die Landwirtschaft, die Ernten sind bedroht und treiben die Preise in die Höhe. Gleichzeitig steigen dadurch die Preise für Futtermittel, sodass auch die für Geflügel und Schweinefleisch in die Höhe gehen, wie Marktanalyst:innen warnen.

Auch die Energiewirtschaft ist hart getroffen. Die Energieversorgung Brasiliens hängt zu 65 Prozent von der Wasserkraft ab. Ende Mai 2021 lag das verbliebene Potential der Stromerzeugung bei den Wasserkraftwerken in der Region Südost/Mitte-West nur noch bei 32,11 Prozent.

Neben massivem Wasserverbrauch durch Industrie und Agrobusiness tragen vor allem der Klimawandel und die Vernichtung großflächiger Waldsysteme zu der gegenwärtigen Wassernot bei.

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Das hat auch mit dem Problem der ausbleibenden "fliegenden Flüsse Amazoniens" zu tun. Den Begriff prägte der Meteorologe José Antonio Marengo Orsini. Er und seine Kolleg:innen aus acht Ländern hatten in den Jahren 2002 und 2003 Ballone mit Sensoren ausgestattet, in Amazonien starten lassen. So konnten sie die vorherrschenden Luftströmungen je Jahreszeit nachvollziehen. Das Ergebnis: In den Sommermonaten driften die in Amazonien durch Evaporation entstehenden Wolken in einer Höhe von unter 3.000 Metern und mit einer Geschwindigkeit von durchschnittlich 50 km/h zunächst gen Westen, wo sie an den Anden geblockt werden und dann gen Süden/Südosten abgelenkt werden – bevor sie sich über dem Südosten und Süden Brasiliens, über Uruguay, Paraguay und dem Norden Argentiniens abregnen. "Diese Strömungen sind wie fliegende Flüsse, die Feuchtigkeit vom Norden nach Süden tragen", sagte Marengo damals.

Antonio Nobre vom nationalen Forschungsinstitut für Raumfragen INPE erklärte den Zusammenhang der Wasserknappheit im Süden mit der Rodung: In Amazonien verdunsten jeden Tag 20 Milliarden Tonnen Wasser. In dem Regenwald bietet das vielschichtige Blattwerk der Pflanzen auf einem Quadratmeter Bodens das Acht- bis Zehnfache an potentieller Verdunstungsfläche. Während ein Baum bis zu 300 Liter Wasser je Tag verdunsten könne, liege die Rate bei Weideland nur bei einem Achtel dieses Werts, so Nobre. Der Begriff der Fliegenden Flüsse meint demnach den Vorgang der täglichen Verdunstung zu Wolken von 20 Milliarden Tonnen Wasser durch Amazoniens Blattwerk, von dem 50 Prozent sich in Amazonien selbst wieder abregnen und zehn Milliarden Tonnen gen Westen ziehen, an den 6.000 Meter hohen Anden blockiert und von dort nach Süden getrieben werden und sich über dem Wassereinzugsgebiet auch des Großraums São Paulo abregnen. Werde die Verdunstung in Amazonien durch Rodung und Umnutzung durch industrielle Landwirtschaft gemindert, so mindert dies auch die Regenfälle für die Wassereinzugsgebiete im Süden und Südosten des Landes.

In den letzten 40 Jahren wurden in Amazonien im Durchschnitt drei Millionen Bäume je Tag gerodet. Versiegen die "fliegenden Flüsse Amazoniens", so sitzen der Süden und Südosten Brasiliens mit seinen Millionenmetropolen, Nordargentinien ebenso wie Uruguay und Paraguay auf dem Trockenen.

Doch die Politik der Regierung von Jair Bolsonaro setzt auf andere Antworten. Der Minister für Bergbau und Energie, Bento Albuquerque, sagte: "Wir leben in einer Wasserkrise wegen der fehlenden Investitionen in unsere Wassereinzugsbecken, die für die Erhaltung unserer Stauseen grundlegend sind. Mit dem Kapitalisierungsprozess werden wir in der Lage sein, neun Milliarden Reais in diese Gebiete zu investieren, die für uns von grundlegender Bedeutung sind, um Bedingungen für die nachhaltige Entwicklung des Landes zu haben". Brasilien brauche einen wettbewerbsfähigeren Markt, um die nötigen Investitionen zu tätigen, aber die staatliche Firma Eletrobras habe heute nicht die finanziellen Möglichkeiten dafür. "In den nächsten zehn Jahren werden wir Investitionen von etwa 370 Milliarden Reais haben. Seit 2014 hat Eletrobras an keiner Erzeugungs- und Übertragungsauktion mehr teilgenommen, weil das Unternehmen seine Investitionskapazität verloren hat."

Die Lösung laut dem Minister: Privatisierung der Eletrobras.

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