Präsident der Ukraine ruft Lateinamerika zum Abbruch von Handelsbeziehungen mit Russland auf

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Der ukrainische Präsident Zelenskyj sprach über Videokonferenz in Chile (Screenshot)
Der ukrainische Präsident Zelenskyj sprach über Videokonferenz in Chile (Screenshot)

Santiago. Der ukrainische Präsident Wolodimir Zelenskyj hat sich zum ersten Mal in einer öffentlichen Rede an Lateinamerika gewendet und die Länder der Region aufgerufen, ihre Handelsbeziehungen mit Moskau abzubrechen.

Die Katholische Universität Chiles hatte ihm die Gelegenheit gegeben, von Kiew aus per Videokonferenz zu sprechen. Die Online-Nachrichtenseite Emol und die Grupo de Diarios América, ein regionaler Zusammenschluss einflussreicher Medien, übertrugen den Auftritt live.

Zelenskyj forderte neben der Einstellung aller Handelsaktivitäten mit Russland auch, russische Touristen nicht mehr einreisen zu lassen. Im Übrigen bat er das Publikum, "die Wahrheit über diesen Krieg in Ihrem Land und in Ihrer Region zu verbreiten."

Der ukrainische Präsident schlug darüber hinaus vor, lateinamerikanische Länder sollten auf der Basis von Städtepartnerschaften junge Menschen schicken, um sie beim Wiederaufbau der Ukraine zu beteiligen.

Russland hat in den vergangenen Jahren seine Beziehungen zu den Ländern der Region unter anderem im technologischen, wirtschaftlichen und militärischen Bereich ausgebaut. In der Landwirtschaft spielt in Brasilien und anderswo die russische Produktion und Lieferung von Dünger eine bedeutende Rolle.

Chiles Präsident Gabriel Boric und seine Außenministerin Antonia Urrejola waren zu der Veranstaltung in der Universität eingeladen, nahmen jedoch nicht teil. Boric hatte Zelenskyj bei einem Telefonat im Juli zugesichert, die Ukraine könne "auf die Unterstützung Chiles in humanitären Fragen zählen".

Anfang Juni war ein Vorschlag der Republikanischen Partei Chiles gescheitert, Zelenskyj zu einer Rede im Parlament einzuladen. Senator Daniel Núñez von der Kommunistischen Partei Chiles, die zum Regierungsbündnis gehört, hatte das Ansinnen "absolut unverantwortlich" genannt, da "die Außenbeziehungen eine Angelegenheit des Präsidenten der Republik sind".

Vor Wochen lehnte das regionale Wirtschaftsbündnis Mercosur, dem Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay angehören, es ab, dem ukrainischen Staatschef auf einem Gipfeltreffen des Blocks das Wort zu erteilen.

Die meisten lateinamerikanischen Länder sind nicht bereit, die Sanktionen der Regierungen der USA und der Europäischen Union (EU) gegen Russland mitzutragen. Darunter die Schwergewichte Mexiko, Brasilien und Argentinien. Die politische Ausrichtung der jeweiligen Regierung steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund.

Im April stimmten mehrere lateinamerikanische und karibische Länder gegen den Ausschluss Russlands aus dem UN-Menschenrechtsrat. Andere enthielten sich.

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador (Amlo) kritisierte den Vorgang heftig (amerika21 berichtete). Was hätte die Weltorganisation "nicht alles tun können, bevor der Krieg ausbrach, um die Parteien zusammenzurufen", so Amlo. Dies sei jedoch nicht geschehen. Er verurteilte den Einmarsch Russlands in die Ukraine, warnte jedoch vor der Untergrabung von Möglichkeiten einer Einigung zur Beendigung des Krieges.

Brasiliens früherer Präsident und aktueller Präsidentschaftskandidat Luiz Inácio Lula da Silva (Lula) übte im Mai scharfe Kritik an der EU, den USA und am ukrainischen Präsidenten (amerika21 berichtete). Sie seien mitverantwortlich für den Krieg in der Ukraine.

Brasiliens rechtsgerichteter Präsident Jair Bolsonaro verteidigte die Beziehungen mit Russland gegen Kritiker. Brasilien führt 85 Prozent seines Bedarfs an Düngemitteln aus der Russischen Föderation ein. Der Krieg bereite nicht nur Brasilien Probleme, sondern noch viel mehr Europa, so Bolsonaro.

Kurz vor einem Telefonat mit Zelenskyj Mitte Juli hatte er in einem CNN-Interview erklärt, dass er ihm die "Malwinen-Lösung" vorschlagen werde, um den Konflikt mit Russland beizulegen. Der Malwinen-Krieg zwischen Argentinien und Großbritannien im Jahr 1982 endete mit der Kapitulation der argentinischen Truppen.

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