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12.09.2017 Kolumbien / Politik

Farc in Kolumbien: von der Guerilla zur Bewegungspartei?

Die neue Linkspartei Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (Alternative revolutionäre Kraft des Volkes) steht vor zahlreichen großen Herausforderungen
Das Logo der neuen Partei "Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común" (Farc)

Das Logo der neuen Partei "Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común" (Farc)

Quelle: twitter.com

Vom 27. August bis zum 1. September tagten rund 1.200 Delegierte der ehemaligen Guerillaorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc) im Zentrum der Hauptstadt Bogotá. Das Ziel der Zusammenkunft war es, eine neue politische Partei zu bilden, die sich links und revolutionär, aber auf einem demokratischen Wege der Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums sowie der politischen Partizipation widmet.

Die Stimmung auf dem ersten Parteitag der Farc war ausgelassen und erinnerte an eine große Familienfeier. Die Mehrheit der Anwesenden kam aus den 26 Übergangszonen, die zur politischen und ökonomischen Reintegration der rund 8000 Farc-Mitglieder in das Zivilleben dienen. Neben den Ex- Guerilleros waren Vertreter aus sozialen Bewegungen, verschiedener politischer Parteien Kolumbiens und dreihundert internationale Gäste aus Lateinamerika, Asien und Europa anwesend.

Die Wahl der Delegierten der Farc wurde in den Übergangszonen durchgeführt und orientierte sich noch an der politisch- militärischen Struktur: die Ex- Guerilleros sind in Gruppen von zwölf bis vierzehn Personen unterteilt, aus denen dann ein Vertreter gewählt wurde. Die Person mit den meisten Stimmen wurde entsandt. Vor dem Kongress wurden die verschiedenen Dokumente über die politisch-ideologische Ausrichtung, den Namen, die Arbeitsweisen etc. im Rahmen der Einheiten diskutiert und abgestimmt. Jeder so gewählte Vertreter hatte die Aufgabe, die Positionen in der Gruppe zu sammeln und auf dem Kongress vorzustellen.

Unter den Delegierten waren knapp fünfhundert Frauen, die sich auf die zehn Kommissionen aufteilten. So wurde beispielsweise in der Arbeitsgruppe politische Ideen und Konzepte mit dem Vorsitzenden Iván Márquez die Erweiterung der noch aus den sechziger und siebziger Jahren stammenden marxistisch-leninistischen Konzepte mit internationalen Abgeordneten oder Intellektuellen diskutiert. Weitere Arbeitsgruppen wurden zu folgenden Themen angeboten: Statuten der neuen Partei, Programm der Übergangsregierung, Abgeordnete der Farc im Parlament, (neue) Zielgruppen und Methoden, wie diese erreicht werden sollen, internationaler Austausch, Finanzen sowie eine Veranstaltungsgruppe, die sich um die Koordination der Aktivitäten kümmert.

Über den Namen der neuen Partei wurde in den vier Tagen kontrovers diskutiert. Sollte dieser in die Zukunft gerichtet "Neues Kolumbien" heißen und die Vergangenheit nicht mehr betonen oder die Konzepte, Erfahrungen und Ideologien der Guerillabewegung aufnehmen? Die Befürworter eines neuen Namens stellten den Gedanken der Versöhnung und des Aufbruchs in den Vordergrund und wiesen darauf hin, dass in den Medien und in Teilen der Bevölkerung die Farc mit Terrorismus, Geiselnahmen und Drogengeschäften gleichgesetzt und verunglimpft worden sei. Die Befürworter eines Namens, der dem der Farc ähnlich sei, wiesen auf die Bekanntheit, die Kontinuität des politischen Kampfes sowie auch auf die Identität des eigenen Kollektivs hin. Letztlich setzte sich Fuerza Alternativa Revolucionaria del Común (Alternative revolutionäre Kraft des Volkes) durch und erlaubt es somit weiterhin, die Abkürzung Farc zu nutzen. Das neue Logo hingegen hat sich komplett geändert. Die rote Rose bedeutet für die Farc das Symbol der Liebe, der Hoffnung, aber auch die Weiterführung der Auseinandersetzung mit dem Wort. Im Inneren der Rose befindet sich ein roter Stern, der von Blättern umrahmt wird. Die Unterschrift Farc vollendet das Bild. Mit diesem Symbol erweitert die Partei ihre ästhetischen Formen, verabschiedet sich von einem militärischen Auftreten und stellt den Aspekt der Versöhnung in den Vordergrund. Ob und wie die ideologischen Veränderungen im neuen Programm und im Auftreten aussehen, wurde ebenfalls in den Tagen diskutiert und einige Punkte werden im Folgenden vorgestellt.

Rund 1.200 Delegierte der ehemaligen Guerillaorganisation Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens (Farc), darunter 500 Frauen, nahmen am Kongress zur Parteigründung teil

Quelle: Claudia Luzar

(Neue) Fundamente der neuen Partei

Nach der Aussage von Alexander Pastor Mora aus der Übergangszone Antonio Nariño in Icononzo haben sich weder die Probleme in der kolumbianischen Gesellschaft, noch das Hauptziel der Farc verändert. "Solange einerseits nur einige wenige die Entscheidungen in diesem Land treffen und über den Großteil des Vermögens verfügen und andererseits ein Großteil der Bevölkerung auf dem Land und in der Stadt marginalisiert ist, werden wir für einen besseres Leben für alle kämpfen". So bleibt ein Schwerpunkt des Programms weiterhin die soziale Gerechtigkeit.

Auf dem Parteitag selbst wurde auf marxistisch-leninistisches Vokabular verzichtet, stattdessen sprach Iván Márquez von "politischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Demokratisierung". So will die neue Partei nicht in eingetretenen Pfaden verweilen, sondern strebt Überlegungen an, den Begriff der sozialen Gerechtigkeit mit dem des Buen Vivir (Gutes Leben) zu verknüpfen.

Dieses Konzept Buen Vivir verfolgt ein Gleichgewicht mit der Natur, die Beseitigung von sozialer Ungleichheit, eine solidarische Wirtschaft und eine pluralistische Demokratie mit neuen Räumen gesellschaftlicher politischer Partizipation. Es verabschiedet sich vom westlichen Wohlstandsparadigma und schlägt alternative Wege des Lebens und Wirtschaftens vor. Das Konzept ist in die ecuadorianische und bolivianische Verfassung als Leitmotiv aufgenommen worden. Pastor Mora wies darauf hin, dass es bei der Suche nach einem guten Leben nicht nur darum gehen könnte, ein Haus zu haben, einer guten Arbeit nachzugehen, sondern den Reichtum des Lebens zu genießen, der sich in Bildung, Kultur, Gesundheit oder dem Verhältnis zur Natur ausdrückt.

In der Guerilla, aber auch in der neuen politischen Partei wird die Bedeutung des Feminismus bzw. der Gleichstellung der Frau betont. Sandra Ramiréz, aktuell Vorsitzende im Nationalen Rat der Partei, berichtet, dass die Farc sich für Frauenrechte, das Recht auf den eigenen Körper, die Gleichberechtigung in der Sexualität und die ökonomische Gleichstellung der Frau einsetzen werde. Sie räumt dabei auch ein, dass es nicht nur darum gehen würde (Frauen-) Quoten zu erfüllen, sondern ein Umdenken in der Partei und der Gesellschaft zu fördern.

Aktuell noch in Diskussionen und auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten lässt sich jedoch jetzt schon beobachten, dass die Farc an der Kritik des kapitalistischen Systems festhält und sich Themen wie Diversität, den Rechten von LGBTI, Afrokolumbianern, Indigenas und dem Schutz der Umwelt widmen wird. Dazu hat bereits ein Austausch mit Vertretern verschiedener sozialer Bewegungen begonnen, der sich in Zukunft weiter fortsetzen wird.

Einige Mitglieder des Zentralen Oberkommandos der Farc auf dem Podium in Bogotá. In der Mitte Iván Márquez

Quelle: Claudia Luzar

"Wir schaffen eine Partei von unten, die auf Versöhnung und Einheit der demokratischen Kräfte durch den Frieden setzt", fasste der frühere Farc-Oberkommandierende Rodrigo Londoño alias Timochenko die Leitidee zusammen. Dazu hat die neue Partei auch beschlossen, sich für Personen zu öffnen, die Interesse an der Arbeit für den Frieden haben, ohne Parteimitglied zu sein oder zu werden. Auch betonte ein Delegierter die Notwendigkeit von internationaler Vernetzung: "Wir sind eine Partei mit einem internationalem Charakter. Über 100 Personen in der Farc sind Ausländer und kommen aus Ecuador, Frankreich, Holland und Italien. Nun möchten wir uns auch international mit linken Parteien über Ideen und Konzepte sowie über eine Zusammenarbeit austauschen. Wir begrüßen alle Menschen, die Hilfe im Friedensprozess leisten wollen, aber auch darüber hinaus sich mit uns für weltweite Lösungen für ein besseres Leben einzusetzen".

Anfangen mit der politischen Arbeit möchte die neue Partei in der Friedenserziehung und der Vorstellung der wesentlichen Punkte im Friedensabkommen. Beim Auftakt des Parteitages betonte Iván Márquez die Bedeutung des Friedensvertrags, der für die Farc ein nicht mehr zu diskutierender demokratischer Fortschritt im Friedensprozess ist und nun gemeinsam mit den Initiativen und sozialen Bewegungen in den Dorfgemeinschaften und den Stadtteilen Schritt für Schritt verbreitet werden muss. Die Qualität und der Erfolg des Abkommens hängen für die Farc einerseits an der Erfüllung seitens der Regierung und des Staates und steht anderseits in direkter Beziehung mit den sozialen Bewegungen und der Verankerung der neuen Partei in Kolumbien. Auch wenn die Umsetzung in den ersten Monaten ein Prozess mit Schwierigkeiten und Hindernissen war, bei dem die vereinbarte Freilassung aller politischen Gefangenen für mehr als 1.200 Inhaftierte noch nicht erfüllt wurde oder die bauliche Infrastruktur in den Übergangszonen noch nicht beendet worden ist, eröffnen die Vereinbarungen viele Perspektiven für die Farc.

Ein weiteres Vorhaben ist das Engagement in der Erinnerungspolitik (memoria historica). So möchten die Ex- Guerilleros in den früheren Konfliktgebieten mit älteren Menschen sprechen und aufzeichnen, wie sie den bewaffneten Konflikt erlebt haben. Am Ende dieses Vorhabens sollen ein eigenes Museum und ein didaktisches Zentrum entstehen.

Vom Kampf in den Bergen zur politischen Arbeit in Stadt und Land

Früher war es in erster Linie "der Bauer aus der Dorfgemeinschaft“, der für den revolutionären Kampf gewonnen werden sollte. Heute ist den Ex- Guerilleros klar, dass die Zielgruppen, die sie erreichen wollen, erweitert werden müssen. In Kolumbien gibt es eine Landflucht und viele junge Menschen versuchen ihr Glück in den großen Städten.

In manchen ländlichen Regionen wird die Entwicklung der Farc zur politischen Partei skeptisch beobachtet. So gesteht sich ein Delegierter auch selbstkritisch ein, dass aktuell ein zentrales Thema das Verständnis für das kolumbianische Volk sein müsse, indem sie offen auf die Menschen zugehen, Ängste und Entfremdungen verstehen und ansprechen müssen. Das Fundament wird weiter die politische Arbeit in den ländlichen Regionen bilden, doch werden zukünftig ebenfalls die ärmeren Stadtteile in den großen Städten, in denen viele sozial Marginalisierte, Vertriebene, aber auch Familien von Ex-Guerilleros leben, in den Fokus genommen werden. Der politische Kampf der Ex- Guerilla war speziell in den Regionen Meta und Tolima verwurzelt, die neue Partei soll nun landesweit verankert werden und damit auch in andere und unbekannte Regionen vordringen. Hier verspricht sich die Partei durch die Nähe zu den sozialen Bewegungen eine Erweiterung ihres politischen Einflusses.

Indigene Zeremonie auf dem Bolívar-Platz in Bogotá

Quelle: twitter.com

Kultur und Politik am Plaza de Bolívar

Der Parteitag endete am 1. September mit einem Abschlusskonzert und dem Auftritt Timochenkos auf dem Plaza de Bolívar. Mehr als 10.000 Personen fanden sich bei Sonnenschein am Nachmittag zum Konzert der Versöhnung ein, um die bekannten nationalen und internationalen Künstler, darunter Ky-Mani Marley, ein Sohn von Bob Marley, Jhonny Rivera, die Rapperin Ana Tijoux aus Chile oder das Orquesta Aragón, aber auch Künstler der Farc zu erleben. Die Veranstaltung wurde von vielen Ex- Guerilleros und ihren Familien besucht, die es feierten, gemeinsam und ohne Angst an diesem Ort zu sein. Studenten, Mitglieder der früheren verbotenen kommunistischen Partei, Friedensaktivisten und viele Neugierige füllten den Platz. Die rote Rose, das neue Logo der Farc, strahlte über der Kathedrale und dem Justizpalast. Gegen 19 Uhr ertönten die Rufe nach Timochenko, der als Redner vorgesehen war. Er verkündete den Anfang einer politischen Partei, die mit der Nachricht des Friedens, der Versöhnung, der Einheit und der Gerechtigkeit antritt. Er beendete seine knappe Rede mit den Worten, dass es in der Geschichte Kolumbiens nicht mehr nötig sein dürfe, dass ein Kolumbianer zu den Waffen greifen muss. "Wir wollen keinen weiteren Tropfen Blut aus politischen Gründen vergießen". Die Zuhörer applaudierten. Daraufhin betraten Indigene die Bühne und führten ein Ritual der Versöhnung durch. Abschließend folgte noch eine bekannte kolumbianische Sängerin. Am 2. und 3. September wurden 15 Mitglieder in den Nationalen Rat der Farc-Partei gewählt, darunter vier Frauen.

Herausforderungen und Chancen für die neue Partei

Die eigentliche Arbeit kommt für die Delegierten nach dem Kongress. Zunächst müssen sie die Diskussionen und Ergebnisse in ihren Einheiten vermitteln und gemeinsam überlegen, wie diese in den Übergangszonen, in den Dörfern und Städten umgesetzt werden können. Eine Schwierigkeit sieht ein Delegierter darin, den "Zugang und das Vertrauen der Bevölkerung wieder zu erlangen und diese mitzunehmen im Friedensprozess, aber auch auf unserem Weg der gesellschaftlichen Veränderung. Dies ist nicht einfach, denn es gibt viel Apathie der Jugend in den Städten und auch Vorbehalte auf dem Land."

Die Farc haben in den vergangenen Monaten eine professionelle Medienarbeit etabliert, die nach innen und für die Sympathisanten sehr gut funktioniert. Schnell lernten die Ex- Guerilleros mit Video, Whatsapp-Gruppen, Facebook und Twitter umzugehen. Die Medienarbeit nach außen, in der konservativen kolumbianischen Medienlandschaft, gestaltet sich schwieriger. Feste Ansprechpartner, nationale und internationale Kontakte zu Medienvertretern wären günstig. Eine weitere Herausforderung ist für die neue Partei die Neuorganisation in einer nicht militärischen Organisation und eine Demokratisierung der internen Strukturen, damit sich auch andere demokratische Kräfte sowie Vertreter von sozialen Bewegungen in der neuen Partei organisieren können. Die politischen Kulturen zwischen Stadt und Land, Lesben-, Trans - und Schwulenbewegungen, Studierenden, Indigenen und Afrokolumbianern sind höchst unterschiedlich. Der Farc-Partei müsste es gelingen, diese unter einer neuen politischen Idee und einem Konzept zu vereinen.

Die größte Herausforderung ist jedoch, das politische Engagement als Partei nicht mit dem Leben bezahlen zu müssen und Todesopfer der extremen Rechten im Land zu werden. Diese Herausforderung hat nicht allein die Farc zu meistern, sondern die kolumbianische Regierung sowie die nationale wie internationale Zivilgesellschaft.

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