Venezuela / Politik

Was bedeutet Chavismus?

Hugo Chávez hat für Venezuela und Lateinamerika eine "Politik der Befreiung" entwickelt

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Mural in Caracas. Von links nach rechts: Marulanda (Farc), Fidel Castro, Che, Mao, Lenin, Marx, Jesus, Simón Bolívar, Alexis Gonzalez und Kley Gomez (ermordete Militante des Kollektivs Alexis Vive), Simón Rodríguez, Hugo Chávez, Guaycaipuro
Mural in Caracas. Von links nach rechts: Marulanda (Farc), Fidel Castro, Che, Mao, Lenin, Marx, Jesus, Simón Bolívar, Alexis Gonzalez und Kley Gomez (ermordete Militante des Kollektivs Alexis Vive), Simón Rodríguez, Hugo Chávez, Guaycaipuro

Ist es angebracht sich die Frage zu stellen 'was ist Chavismus', wo dieser doch seit vielen Jahren täglich in Venezuela praktiziert wird? Die Antwort lautet: Ja. Denn obwohl es stimmt, dass der Chavismus seit mehr als fünfzehn Jahren auf ganz natürliche Weise umgesetzt wird, ist ein Moment gekommen, in dem wir von der Praxis zur Theorie übergehen müssen. Und die politische Wissenschaft setzt voraus, dass wir, um zur Theorie überzugehen, ausgehend von einer konkreten Erfahrung mittels der Analyse fähig werden, auf die objektive Gleichung zu schließen, die diese Praxis allgemeingültig machen kann. Um sie aus dem 'hier und jetzt' herauszunehmen und dafür zu sorgen, dass diese Erfahrung 'an jedem Ort und zu jeder Zeit' möglich wird. Ohne Theorie endet jede Praxis ‒ insbesondere auf politischem Gebiet ‒ in der Folklorisierung… bevor sie dann ganz verschwindet. Außerdem sollten wir berücksichtigen, dass der Chavismus, den wir nicht studieren, gegen uns studiert werden wird. Was also bedeutet Chavismus?

Der Chavismus ist das Zusammentreffen verschiedener, von den Libertadores [den Anführern der Befreiungskämpfe gegen den Kolonialismus] eröffneter Wege und mehrerer durch viele Vertreter sozialer Träume initiierter Versuche, die in einem Knotenpunkt zusammen laufen: Im Denken von Hugo Chávez.

Wie alle Revolutionen hat die Bolivarische Revolution eine Architektur, in der eine Reihe von wichtigen unterschiedlichen Kräften wirken, die zusammengeführt und vereint eine radikal innovative politische Dynamik bilden.

Als Hugo Chávez im Jahre 1999 an die Macht kommt, hat er keine große Partei hinter sich; er wird zur Führungsfigur einer sehr vielfältigen popularen Bewegung, die Militärs, Ex-Guerilleros und sehr bunt gemischte linke Kräfte umfasst. Und er schafft es, durch einen Diskurs der Neubegründung die Unterstützung des Volkes zu gewinnen: die Neubegründung Venezuelas, die die ureigenste Basis des Chavismus ist. Denn im harten Kern der chavistischen Philosophie finden wir die Rückgewinnung des Konzeptes der Nation, und die Wiederherstellung und Verteidigung des Stolzes auf das Land.

Chávez entwickelt für Venezuela und Lateinamerika, was wir eine "Politik der Befreiung" nennen könnten, so wie wir auch sagen, dass es eine "Theologie der Befreiung" gibt. Das Ganze mit einer Vorzugsoption für das Volk, die Armen und die einfachen Leute. Mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit zur politischen Pädagogik treibt Chávez eine massenhafte populare Politisierung voran und konzipiert eine Politik der Volksbefreiung, in der das Volk, mit politischem Bewusstsein ausgestattet, sein eigenes Schicksals bestimmt.

Mit seinem unglaublichen Urteilsvermögen und geleitet von einem sehr ausgeprägten politischen Gespür ahnt Chávez, dass die aktuelle Epoche es ermöglicht, ganz neue Wege einzuschlagen. Und auf diese Weise gelingt es ihm, eine neue Geschichte der Hoffnung auszuarbeiten und dem demoralisierten venezolanischen Volk zu vermitteln.

In diesem Sinn ist der Chavismus ein Narrativ, das den Venezolanern erklärt, wer sie sind, wonach sie streben können und was ihre Rechte sind. Er ist eine neue Erklärung, die eine Antwort auf alte Fragen gibt: Was ist die venezolanische Gesellschaft? Was sind ihre Probleme? Wer sind die Opfer? Wer sind die Schuldigen? Was sind die Lösungen? Und diese neue Geschichte wurde Tag für Tag, Rede für Rede mit enormer kommunikativer Wirksamkeit von Hugo Chávez dargelegt, der zu einem intellektuellen und charismatischen Bezugspunkt wurde.

Und das geschah, indem der Chavismus einen innovativen lateinamerikanischen politischen Weg darstellte, der sich von der ewigen konzeptuellen europäischen Bevormundung befreite und emanzipierte. Eine Politik, die zum ersten Mal echt, ursprünglich und aus erster Quelle ist und nicht Spiegel oder Kopie dessen, was auf anderen Kontinenten und in anderen Kulturen gemacht worden ist.

Auch in diesem Sinne ist der Chavismus eine revolutionäre Option. Es handelt sich dabei um das innovativste und kühnste Projekt, dass es in Venezuela seit Simón Bolívar gegeben hat. Es ist das einzige Projekt des Friedens, der Entwicklung, der Gerechtigkeit und der Prosperität für das venezolanische Volk seit 1811.

Was heißt es Chavist zu sein? Chavist sein heißt als Lebenseinstellung bolivarisch sein, denn es bedeutet, Antiimperialist, Antikolonialist und ein wirklicher Republikaner zu sein. Es bedeutet auch zamoranisch und robinsonarisch zu sein, das heißt sich dem politischen Denken der Gründer der Republik anzunähern, weil der "Baum der drei Wurzeln" ein wesentliches Konzept des Chavismus darstellt, das Chávez auf folgende Weise definierte: "Da ist zuerst die bolivarische Wurzel von Simón Bolívars Vorstellung von Gleichheit und Freiheit und seiner geopolitischen Vision der Integration Lateinamerikas; dann die zamoranische Wurzel durch Ezequiel Zamora, den General des souveränen Volkes und der zivil-militärischen Einheit; und schließlich die robinsonarische Wurzel durch Simón Rodríguez, den Lehrer Bolívars, den 'Robinson', den Weisen der Volksbildung und wiederum die Freiheit und die Gleichheit." Chávez hat diesen drei Wurzeln noch weitere hinzufügt: zum Beispiel Miranda und Sucre. Und später noch andere mehr wie José Martí, Che Guevara und Fidel Castro…

Aber Chavist zu sein bedeutet auch, zutiefst christlich zu sein. Chávez hat uns das wahre Christentum als Teil unseres Lebens, unseres Wesens und unserer Werte hinterlassen. Wenn man all dies zusammenfügt könnte man sagen: ich bin Chavist, weil ich ein Unabhängigkeitskämpfer bin, weil ich Demokrat, Patriot, Christ, Revolutionär, weil ich antioligarchisch, antikapitalistisch und antiimperialistisch bin. All das ist gewiss, all das ist wahr, aber keine dieser Bestandteile hat einen Sinn, wenn wir nicht daran denken, wer dem ideologische und politische Kohärenz gegeben hat: Hugo Chávez ist der Urheber dieser revolutionären Synthese.

Deshalb stimmen wir, wenn wir sagen "Ich bin Chavist", mit einem ganzen Projekt überein, mit einem ganzen System von Ideen, einem ganzen politischen Programm, das die Bibel der Zukunft für Venezuela ist, eine Zukunft der Prosperität, des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Ethik. Und vor allem dem Sozialismus als Lebensform.

Chavist sein bedeutet auch, unsere Verfasstheit als Bolivarianer, Lateinamerikaner und Revolutionär anzunehmen. Sich als Chavist zu verstehen heißt, sich als 'Sozialist des 21. Jahrhunderts', das heißt als christlicher Sozialist, als humanistischer Sozialist und als demokratischer Sozialist zu verstehen. Es bedeutet mit beiden Beinen in Venezuela zu stehen und sich als authentischer Internationalist am Universellen zu orientieren.

Ein wahrer Chavist zu sein, heißt vollständig und radikal bolivarisch zu sein und zu wünschen, dass die Ideen Simón Bolívars zukünftig ihre Wirkung entfalten. Und die einzige Form, militanter Chavist zu sein, besteht in der Übernahme des revolutionären Projekts, das uns der Comandante Chávez hinterlassen hat.

Hugo Chávez war ein pragmatischer Führer, der es verstand, seine Handlungsweisen den historischen Umständen anzupassen, der niemals die zu erreichenden Ziele vergaß und der stets seinen Prinzipien treu war. Wenn Venezuela es vermocht hatte, in der Vergangenheit Ruhmestaten zu vollbringen und zu einer der wichtigsten Nationen Lateinamerikas zu werden, dann weil es durch ein hohes Ideal auf ein gemeinsames Ziel hin bewegt wurde, davon war er überzeugt. Umgekehrt wusste Chávez auch, dass die Venezolaner ständig unter der Versuchung leiden, sich in ihren inneren (politischen, sozialen, intellektuellen) Zwistigkeiten und Spaltungen zu verzetteln, was sie - nach chavistischer Sichtweise - ständig Gefahr laufen lässt, zu Fall zu kommen und auf der Rutschbahn der Dekadenz auszugleiten.

Folglich muss Venezuela, um das Beste von sich selbst zu geben und sich an die Spitze der lateinamerikanischen Nationen zu setzen, durch einen historischen Anführer und ein großartiges Projekt vereint werden und durch politische, militärische, ökonomische und soziale Institutionen (in einem wirkungsvollen Gleichgewicht der Gewalten) organisiert werden, die entschlossen sind, interne Kämpfe zu vermeiden.

Man muss auf der Tatsache bestehen, dass im Schoße des Chavismus eine patriotische Philosophie des Humanismus existiert, die ein Erbe des Christentums und der Theologie der Befreiung ist. Der chavistische Humanismus ist gleichzeitig ein Ziel der Größe Venezuelas, weil die Botschaft, die das Land an die Welt richtet, auf tiefe Weise humanistisch ist. Und eine Folge der Sozialpolitik, deren erstes Ziel ist, die Nation zusammenzubringen.

Der Chavismus hat verschiedene historische, philosophische und politische Dimensionen. Vom ideologischen Gesichtspunkt aus nimmt der Chavismus, wie schon gesagt, das politische Handeln von Hugo Chávez auf und fasst seine politischen Gedanken und die Lehren zusammen, die sich aus seinen Reden und seinen Schriften ableiten lassen.

In seinem politischen Handeln ist der Chavismus von den folgenden großen Leitlinien gekennzeichnet:

  • nationale Souveränität und Unabhängigkeit; Ablehnung der Dominanz irgendeiner imperialistischen Supermacht, insbesondere der USA. Chávez sagte: "Niemand kann das Heimatland verstehen und es verteidigen, der nicht weiß, dass sein größter Feind der nordamerikanische Imperialismus ist";

  • Ablehnung jedweder selbsternannten ökonomischen oder finanziellen Supermacht (IWF, Weltbank, Welthandelsorganisation). Die Unabhängigkeit wird nicht nur auf politischem Gebiet verteidigt, sondern auch in wirtschaftlichen, geopolitischen, kulturellen, diplomatischen und sogar militärischen Bereichen.

  • Solide staatliche Institutionen wie die der 5. Republik, wie sie in der Verfassung von 1999 festgelegt sind;

  • eine starke Exekutive und eine gewisse Personalisierung der Politik, um der Unfähigkeit des Parteiensystems entgegenzuwirken;

  • eine starke und stabile exekutive Macht, die dem Präsidenten der Republik eine vorrangige Rolle zugesteht;

  • eine direkte Beziehung zwischen dem Präsidenten und dem Volk, über die vermittelnden Stellen hinweg, dank einer 'partizipativen' Konzeption von Demokratie mit häufigem Rückgriff auf Volksentscheide und Wahlen und dem interaktiven Dialog zwischen Anführer und Volk mittels einer einzigartigen Nutzung der Massenkommunikationsmedien;

  • eine zivil-militärischen Verbindung, deren Schnittstelle der Präsident selbst ist, der das Beste der zivilen fortschrittlichen Bewegungen und die patriotische Intelligenz der Militärapparate koordiniert; die Streitkräfte sind dem Projekt der nationalen Entwicklung im Rahmen der zivil-militärischen Einheit aufs Engste verbunden;

  • die nationale Unabhängigkeit und die Würde Venezuelas;

  • die nationale Einheit aller Venezolaner ‒ über politische oder traditionelle regionale Differenzen hinaus, die früher die Ursache für Spaltung und Niedergang waren ‒ in einer direkten Beziehung zwischen dem Anführer und dem Volk, die durch die sozialen Politiken von Inklusion und sozialer Gerechtigkeit zusammengehalten wird;

  • die Priorität der Politik vor anderen (ökonomischen, administrativen, technischen, bürokratischen, etc.) Erwägungen;

  • die Respektierung der Autorität des Staates;

  • eine tiefe Bereitschaft zur sozialen Gerechtigkeit;

  • der Eingriff des Staates in die Wirtschaft;

  • der Antikolonialismus und das Recht auf die Selbstbestimmung der Völker;

  • die Reaktivierung der Opec und eine Koordinierung der Erdölpolitiken der produzierenden und exportierenden Länder;

  • die lateinamerikanischen Integration als beständiger Horizont und ideologischer Imperativ, der von Simón Bolívar selbst vorgeschrieben wurde und die Schaffung von konkreten Strukturen für die Integration (Alba, Unasur, Celac, Petrocaribe, Telesur);

  • die Konzeption einer multipolaren Welt ohne Hegemonien; was den Sieg über das Projekt unipolarer imperialer Hegemonie erfordert, um den weltweiten Frieden und das "Gleichgewicht des Universums" zu garantieren. Eine multizentrische und pluripolare Welt muss vorangebracht werden. Chávez bezeichnete dies als das vierte große historische Ziel des 'Plan de la Patria', sein Regierungsprogramm für den Zeitraum 2013-2019;

  • eine Süd-Süd-Diplomatie mit einer Verfielfachung der Verbindungen mit den Ländern des Südens mittels der Bewegung der Blockfreien und horizontaler Allianzen: Südamerika ‒ Afrika (Asa) und Südamerika ‒ Arabische Länder (Aspa). Chávez unterstützte auch die Brics-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) und setzte sich für ein Bündnis Venezuelas mit dieser Gruppe ein, um eine multipolare Welt zu festigen;

  • die nationale Solidarität zwischen Bürgern und Gebieten und die lateinamerikanische Solidarität;

  • Respekt vor den Nationen, die kulturelle Vereinigungen sind, die von der Geschichte gestaltet worden sind und Bollwerke der Völker gegen die Imperialismen darstellen;

  • die Ablehnung der Doktrin des wirtschaftlichen Neoliberalismus; die Präferenz für eine durch den Staat orientierte Wirtschaft mit Blick auf eine zukunftsgerichtete und strukturierende Entwicklung (mit anspruchsvollen öffentlichen Projekten, der Nationalisierung strategischer Sektoren, Ernährungssouveränität, etc.);

  • einen 'Staat der Sozialprogramme' (Estado de las Misiones)1 aufbauen, um direkter auf die verschiedenen sozialen Forderungen des Volkes antworten zu können;

  • Vorankommen in Richtung auf ein Zurückdrängung des Kapitalismus (der Ausbeutung einer Klasse durch eine andere) und die Definition eines bolivarischen und humanistischen Sozialismus, in Demokratie und Freiheit, der, außer den Arbeitern einen weitreichenden sozialen Schutz zu gewährleisten, ihnen durch den Zugang sowohl zu den Entscheidungen des Betriebes als auch zu den Erträgen derselben Macht verleiht.

Eines der Hauptziele des Chavismus ist, die Venezolaner mit der Heimat zu versöhnen, sie zu vereinen und einen Staat mit mehr Souveränität, Verwaltungseffizienz, Gerechtigkeit und Gleichheit aufzubauen.

Der Chavismus vereint Männer und Frauen jeglicher politischer Herkunft rund um das große Projekt eines 'kraftvollen Landes' und das voluntaristische Handeln eines Anführers. Zur Erreichung der vorgesehenen Ziele stützt sich der Chavismus auf die Methode des Pragmatismus und die Ablehnung ideologischer Korsetts. Seine beiden Hauptachsen sind dabei: innere Einheit im Dienst eines ehrgeizigen patriotischen und sozialen Projekts sowie Unabhängigkeit und der Entwurf einer 'Potenz Venezuela' in Lateinamerika und in der Welt.

Der Chavismus ist folglich ein System von Denken, Wille und Aktion. Er geht von Tatsachen und konkreten Umständen aus; er handelt ohne Vorbestimmung durch eine Doktrin oder eine Ideologie. Voluntarismus gegen Fatalismus; Aktion gegen Passivität, gegen Aufgabe und Verzicht.

Für Chávez steht Venezuela an erster Stelle. Sein politisches Handeln besteht darin, die Bedingungen zu schaffen, dass das Heimatland das Beste von sich selbst geben kann. Und dies wird nur erreicht, wenn das venezolanische Volk rund um ein Projekt von sozialem Fortschritt vereint ist, das von einem charismatischen Anführer definiert wird, der es in Richtung auf sein großes historisches Ideal vorantreibt.

Der Chavismus ist nicht nur eine echte politische Doktrin, sondern ist vielmehr gelebte Geschichte und das Denken eines außergewöhnlichen Mannes, der die venezolanische Gesellschaft bis in ihre tiefsten Strukturen hinein geprägt hat.

Das chavistische Denken hat als ideologische Grundlagen verschiedene Wurzeln, die sich miteinander vermischen, um eine neue fortschrittliche venezolanische Ideologie zu bilden. Sie ist durch das Fehlen von Dogmatismen gekennzeichnet, um sich von den gescheiterten sozialistischen Experimenten im Europa des 20. Jahrhunderts zu unterscheiden. Deshalb sprach Chávez, um sie von dem abzugrenzen, was 1980 von der Arbeiterklasse Polens zurückgewiesen wurde, oder was 1989 mit der Mauer von Berlin zum Einsturz kam, oder was 1991 mit dem Fall der Sowjetunion implodierte, vom "Sozialismus des 21. Jahrhunderts". Es geht um einen in Lateinamerika entstandenen Sozialismus, der sich an unserer Zeit ausrichten muss, und daher fügte ihm Chávez neue Grundlagen hinzu: die partizipative Demokratie, den Feminismus und ökologisches Bewusstsein.

Dieser "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" wird als mit dem Privateigentum vereinbar angesehen, obwohl er andere sozialistische und solidarische Eigentumsformen wie die Kooperative und die kollektive Unternehmensführung befördert. Auch erklärt er sich mit Patriotismus und ökonomischem Nationalismus kompatibel. Chávez zögerte nicht bei der Nationalisierung großer, in Händen ausländischen Kapitals befindlicher Unternehmen in strategischen Bereichen und er setzte patriotische und kompetente Venezolaner an die Schaltstellen dieser entprivatisierten Betriebe.

Der "Sozialismus des 21. Jahrhunderts" ist genauso mit dem sozialen Christentum vereinbar. Chávez macht sich die Parole der Sandinisten zu Eigen: "Zwischen Christentum und Revolution gibt es keinen Widerspruch" (Cristianismo y revolución, no hay contradicción). Ausgehend von der Prämisse, dass die wahre Identität des Christentums die Befreiungstheologie ist. Nicht umsonst betonte Chávez, dass Jesus Christus der erste Sozialist der Neuzeit sei und dass das "Reich Gottes" hier auf Erden errichtet werden müsse.

Aus all dem lässt sich ableiten, dass der Chavismus berufen ist, in Venezuela auf natürliche Weise eine Hegemonie auszuüben ‒ aufgrund seiner Fähigkeit, die intellektuelle und moralische Richtung der Gesellschaft anzuführen. Und weil er die politische Wiedergewinnung einer Demokratie ermöglicht hat, in der Regierung, Armee und Volk nun gemeinsam an der Ausweitung der sozialen Rechte und der gerechten Umverteilung der Reichtümer des Landes beteiligt sind.

  • 1. Als "Misiones" werden die zahlreichen Sozialprogramme der Regierung bezeichnet, die seit 2003 gemeinsam mit Basisinitiativen in den Bereichen Bildung, Ausbildung, Gesundheit, Kultur, Landwirtschaft, Wohnungsbau, Lebensmittelversorgung sowie für Ältere, Mütter, Obdachlose und Drogenabängige... gestartet worden sind
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