Argentinien

Feministische Ideenschmiede in Argentinien

Interview mit einer der Organisatorinnen des jährlichen Nationalen Frauentreffens

argentinien_frauentreffen_2018_demo.jpg

Abschlussdemonstration des 33. Nationalen Frauentreffens in Argentinien
Abschlussdemonstration des 33. Nationalen Frauentreffens in Argentinien

Inspiriert von ihrer Teilnahme am UN-Frauenkongress in Kenia, organisierte eine Gruppe von Frauen in Argentinien 1986 erstmals das Nationale Frauentreffen (Encuentro Nacional de Mujeres, ENM). Das Treffen entstand, um den Stimmen von Frauen Gehör zu verschaffen und Strategien für das Aufbrechen der patriarchalen Strukturen zu entwickeln. Mit Erfolg: Das jährlich an einem anderen Ort Argentiniens stattfindende Treffen gilt als Ideenschmiede zahlreicher politischer Bewegungen und Debatten, die auf den verschiedenen ENMs angestoßen wurden. Ein Beispiel dafür ist die Frauenquote von 30 Prozent für Parteilisten, die Anfang der 1990er Jahre als Novum in Lateinamerika eingeführt wurde. Die Forderung danach entstand auf dem ENM. Auch die nationale Kampagne für das Recht auf legale, sichere und kostenlose Abtreibung geht zunächst auf das Frauentreffen im Jahr 2003 zurück. Vor allem im vergangenen Jahr hat die Kampagne Millionen Argentinierinnen neu mobilisiert.

Seit seinen Anfängen wächst das Treffen stetig. Gestartet mit 300 Frauen, nehmen nun jährlich bis zu 70.000 teil. Die Lateinamerika Nachrichten sprachen mit Viktoria, einer der Organisatorinnen des 33. ENM, das vom 13. bis zum 15. Oktober 2018 in der Provinz Chubut stattfand. Sie berichtet über ihre Mitarbeit im Organisationsteam, von hierarchiefreier Plenumserfahrung, aber auch von polizeilicher Repression.

Von wem und wie wird das ENM jeweils organisiert?

Als ich erfahren habe, dass das Treffen in Chubut stattfinden würde, war mir sofort klar, dass ich mithelfen wollte. Am Anfang hatte ich gar keinen Plan, wie die Organisation ablaufen würde. Ich bin dann einfach zu einem der ersten Organisationsplena gegangen. Das war eine unglaublich tolle Erfahrung, es waren hunderte Frauen aus allen möglichen Orten anwesend. Beim ersten Treffen habe ich erfahren, dass alles im Konsens entscheiden wird. Mir hat sehr gut gefallen, dass es keine Hierarchien gibt. An der Planung des Kongresses waren sowohl „unabhängige“ Frauen – das heißt Frauen, die keiner Partei oder Organisation angehören – als auch organisierte Frauen beteiligt. Während des zweiten Treffens haben wir uns in Kommissionen aufgeteilt, die jeweils verschiedene Arbeiten übernahmen.

Welche Kommissionen gab es und wie lief die Arbeit innerhalb deiner Gruppe ab?

Es gab Kommissionen für Unterbringung, Sicherheit, Finanzen, Organisation, Logistik, Workshops, Öffentlichkeitsarbeit, Kultur und für die Kommunikation zwischen den Provinzen. Ich bin der Kommission Kultur beigetreten. Mit zwei Kolleginnen haben wir 17 Theateraufführungen, sieben Tanzaufführungen und fünf Performances koordiniert. Wir waren insgesamt echt wenige Menschen für die Organisation eines so großen Events. Angefangen haben wir mit mehr als 100 Leuten, am Ende waren wir nur noch 50-60. Am Ende des Kongresses haben wir vor Erleichterung geweint, dass wir die Organisation doch so gut geschafft haben.

argentinien_mapuche_frauentreffen.jpg

Mapuche fühlen sich von der Kongressbezeichnung "nacional“ nicht repräsentiert und fordern eine Änderung in "plurinacional"
Mapuche fühlen sich von der Kongressbezeichnung "nacional“ nicht repräsentiert und fordern eine Änderung in "plurinacional"

Einige Tage vor dem Ereignis wurde ein Dokument der Mapuche über Social Media geteilt. Sie fühlten sich von der Kongressbezeichnung "nacional" nicht repräsentiert und wünschten sich eine Änderung in "plurinacional". Das Plenum habe aber ihre Anliegen ignoriert.

Nein, ignoriert haben wir das nicht. Das wurde sehr viel diskutiert und respektiert. Uns als Organisationsteam steht das gar nicht zu, den Namen zu ändern. Wir sind nur 50 Leute und können gar nicht entscheiden, wie der Kongress in Zukunft heißen soll.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Stadt? Dutzende Schulen öffneten ja zum Beispiel ihre Türen für Übernachtungen und Workshops. Und dann müssen am Wochenende mal 50.000 Feministinnen mehr aufs Klo ...

Chubut hat sich nicht freiwillig für den Kongress gemeldet, sondern jedes Jahr stimmen die Teilnehmenden des ENM über den nächsten Ort ab. 2019 wird das Treffen zum Beispiel in La Plata, im Bundesstaat Buenos Aires, stattfinden. Dort, wo der Kongress dann stattfindet, muss die Stadt die Versorgung gewährleisten, ob sie will oder nicht. Das heißt, die Gesundheitsversorgung muss gewährleistet sein und für die Sicherheit gesorgt werden. Auch das Abwassersystem wird beispielsweise mehr belastet als sonst. Grundsätzliche Dinge, derer du dir erst bewusst wirst, wenn du selber so ein Event mitorganisierst.

Was waren die Reaktionen der Anwohner in Chubut? Also derjenigen, die nicht am Kongress teilgenommen haben? Auf Twitter wurde ja beispielsweise die Angst verbreitet, dass manche Teilnehmerinnen planen würden, frisch geborene männliche Babys in den Krankenhäusern zu töten.

Ich denke, der Kongress hat gezeigt, wer wir sind. Jeder Ort, an dem das ENM stattfindet, macht die Menschen dort sichtbar. Es gibt einige Menschen in Chubut, die begeistert am Kongress teilgenommen haben. Auf der anderen Seite gibt es eben auch Leute, die so einen Scheiß glauben. Das Treffen an sich war auf jeden Fall eine unglaubliche Party. Und was nicht eingetroffen ist, war jene Twittermeldung, die vorab über die Feministinnen in den Medien verbreitet wurden. Was aber geschah, ist, dass die staatlichen Organisationen versagt haben. Alles was die Regierung uns versprochen hat, hat gefehlt. Es gab viel Gewalt gegenüber uns Frauen.

Was ist passiert?

Die Regierung hat uns Sicherheit versprochen, die gab es nicht. Vor allem die gefährlicheren Viertel der Stadt wurden nicht bewacht. Im ohnehin sicheren Teil gab es drei Patrouillen. Dagegen gab es in den drei unsicheren Vierteln zusammen nur eine. Eine Schule, in der Kongressteilnehmerinnen übernachteten, wurde um sieben Uhr morgens mit Steinwürfen attackiert, eine andere Schule ausgeraubt. Alles wurde mitgenommen, Rucksäcke, Klamotten, selbst die Schlafsäcke und Isomatten waren weg.

argentinien_repression_frauentreffen.jpg

Großaufgebot mit Bundespolizei und Militär gegen die Demonstration zum Abschluss des 33. Frauentreffens
Großaufgebot mit Bundespolizei und Militär gegen die Demonstration zum Abschluss des 33. Frauentreffens

Wie hat die Polizei sich sonst verhalten?

Die riesige Abschlussdemo am Sonntagabend war spektakulär, wir hatten unsere grünen Tücher dabei. Die Polizei hatte sich nicht mal darum gekümmert, Straßen dafür abzusperren. Das einzige, was wir von der Polizei erfahren haben, waren Repressionen. Am Ende der Demonstration sind sie mit einem Riesenaufgebot angerückt, unter anderem die Bundespolizei und das Militär, wobei es sich um ein sehr hartes Vorgehen handelte und die Repression zudem eine scheußliche symbolische Bedeutung erhält: Bekanntlich war das argentinische Militär für das Verschwinden und Ermorden von Menschen in der letzten Diktatur verantwortlich. Auch heute noch bringen Polizei und Militär Menschen um und lassen Leute verschwinden. Sie haben zehn Frauen mitgenommen. Die Situation war für die Verhafteten sehr beängstigend. Die Beamten haben sich nicht ausgewiesen und die Frauen zunächst in einen vermeintlichen Raum der Feuerwehr gebracht, in dem sie schikaniert wurden. Unser Organisationsteam hat zum Glück gute Anwältinnen, wodurch die Frauen bald wieder auf freiem Fuß waren. Es gibt in Argentinien viel Gewalt gegen Frauen, rund alle 30 Stunden einen Femizid. Das Encuentro Nacional de Las Mujeres soll dieser Situation etwas entgegensetzen.
 

Viktoria ist als Künstlerin im Theaterbereich und Kulturproduktion in Chubut tätig, was sie dazu motiviert hat, beim ENM 2018 in der Organisation mitzumachen. Zwar hatte sie sich vorher nie als Feministin labeln lassen wollen, aber nach der Erfahrung des ENM, würde sie sich auch selbst so nennen.

Das nächste Treffen

Das 34. Encuentro Nacional de Mujeres wird im Oktober 2019 in La Plata in der Provinz Buenos Aires stattfinden. Da der Ort in einem Ballungsraum liegt, wird mit noch mehr Teilnehmenden gerechnet. In den sozialen Medien sorgt der Name des Kongresses nach wie vor für viel Diskussionsstoff. Dort wird die fehlende Sichtbarkeit von nichtbinären, genderqueeren und trans -Personen oder indigenen Gruppen kritisiert. Die Änderung hin zu einem inklusiveren Namen wird weiter diskutiert und wahrscheinlich beim nächsten Treffen entschieden werden.

Der Text erscheint in der Ausgabe Nr. 536 der Lateinamerika Nachrichten

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr