Coronavirus in Brasilien: Wie die evangelikalen Kirchen die Krise benutzen

Zwei Beiträge zum Kreuzzug der Pfingstbewegung und zur evangelikalen Politik in Brasilien in der Corona-Krise

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Anhänger der Igreja Universal do Reino de Deus verteilen Hilfspakete an Bedürftige während der Corona-Krise
Anhänger der Igreja Universal do Reino de Deus verteilen Hilfspakete an Bedürftige während der Corona-Krise

Wie die evangelikalen Kirchen die Corona-Krise dazu benutzen, das Staatsvakuum zu besetzen

Die evangelikale Welt muss im Zentrum der öffentlichen Debatte und der Corona-Epidemie in Brasilien stehen. Die Evangelikalen relativieren stärker den Ernst von Covid-19 und stimmen in höherem Maße der Regierung Bolsonaro zu als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich eine Umfrage von Datafolha. Diese religiöse Gruppierung dürfte in den kommenden Jahren die Anzahl der Katholiken in Brasilien übertreffen, so die Schätzung der Statistikbehörde Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (IBGE)

Die größte Herausforderung in dieser Debatte über Religion und Politik ist es vielleicht, die üblen Auswirkungen der Gier einiger Pastoren aufzuzeigen, ohne in das verallgemeinernde und von Vorurteilen beladene Narrativ zu verfallen, das die gesamte evangelikale Welt verteufelt. Denn diese evangelikale Welt ist vielfältig und weist ihre eigenen internen politischen Streitigkeiten auf.

In den vergangenen Wochen haben Pastoren wie Edir Macedo und Silas Malafaia dem Kampf gegen die Corona-Epidemie einen schlechten Dienst erwiesen, indem sie gegen die Isolation Stellung bezogen und der Furcht vor leeren Kirchen Ausdruck gaben, in denen Spenden gesammelt werden, die aber auch sozialen Zusammenhalt stiften. Mehr noch, es gibt immer mehr Memes und Videos auf WhatsApp von Pastoren, die Scharlatane sind und die erklären, dass der gläubige Mensch immun gegen die Krankheit sei und dass es sich bei der Epidemie um eine satanische Angelegenheit handele, um eine göttliche Rache. Und dann gibt es noch jene, die Rezepte zur Heilung anbieten.

Über seine Basis hinaus betrieb Malafaia gemeinsam mit seiner Gruppe der evangelikalen Fraktion Lobbyarbeit für Bolsonaro, der diesem Sektor immer mehr zuneigt und somit ständig gegen die Verfassungsgebote des laizistischen Staates verstößt. Der Präsident verfügte sogar, dass die Kirchen nicht geschlossen werden dürften, da sie einen grundlegenden Dienst anböten.

Bolsonaro stellt sich auf eine sehr wirksame Weise auf die Seite der Gläubigen, wenn er zum Beispiel in der Sendung "Programa do Ratinho" sagt, dass die Kirche manchmal das Einzige sei, was die Leute hätten. Der Präsident bat auch um einen landesweiten Fastentag, um das Corona-Virus mit dem Glauben zu bekämpfen. In Whatsapp-Gruppen der fanatischsten Bolsonaro-Anhänger erscheint dieser in Memes nicht nur als Erlöser Brasiliens, sondern der gesamten Menschheit. All dies geschieht, während der Präsident in einem der gefährlichsten Momente der brasilianischen Geschichte die Wissenschaft zugleich leugnet, sie herausfordert und ein verzerrtes Bild von ihr zeichnet.

Alternative im Kirchenespektrum?

Die Verbindung mit dem Gläubigen ist von elementarer Bedeutung dafür, dass sich Bolsonaro an der Macht halten kann. Solange ihm dies gelingt, wird seine Basis gestärkt und wahrscheinlich auch größer. Die evangelikalen Kirchen etablieren sich in diesem Moment der Krise als eine Alternative für die verwundbarsten Teile der Bevölkerung, indem sie sowohl emotionalen Beistand als auch fürsorgliche Hilfe anbieten.

In letzter Zeit haben Aktionsgruppen und Nichtregierungsorganisationen Lebensmittelkörbe mit dem Nötigsten in den Vierteln an den Stadträndern in ganz Brasilien verteilt. Aber sie reichen kaum an die Aktionen der Igreja Universal heran, die wie in einer Art Kriegszustand handelt und mit spektakulären Bildern ihre humanitäre Hilfe inszeniert. Die Evangelikalen zeigen Präsenz und verkaufen sich als jene, die tatsächlich an der sozialen Basis agieren. Je größer die Krise, desto mehr brauchen die Menschen die Igreja Universal und umso mehr schließen sie sich Bolsonaro an.

Auf der anderen Seite muss, wie die Forscherin Ana Carolina Evangelista vom Instituto de Estudos da Religião (Iser) und Pastor Fábio Bezerril zeigten, mit der Vorstellung aufgeräumt werden, dass die großen, auf das Geld versessenen Kirchen und Pastoren wie Silas Malafaia und Edir Macedo alle Evangelikalen repräsentieren. Fábio selbst ist, wie viele andere auch, ein linker Gläubiger, der den Gläubigen – in Gottesdiensten für das Smartphone oder in WhatsApp-Botschaften – sagt , dass die Wissenschaft ein Geschenk Gottes sei und ihr daher gefolgt werden solle.

Mit dem Gesagten will ich darauf aufmerksam machen, dass es bei den evangelikalen Kirchen eine Rationalität gibt, die deutlich stärker organisiert ist, als es sich der vorurteilsbeladene gesunde Menschenverstand vorstellen will. Es gibt eine evangelikale Welt jenseits der Scharlatan-Pastoren und des Bolsonaro preisenden Fanatismus.

Wie Ana Carolina Evangelista hervorhebt, zeigen die Zahlen von Datafolha, dass der Unterschied zwischen Evangelikalen und der allgemeinen Bevölkerung, was den Kampf gegen das Coronavirus betrifft, in vielen Punkten gar nicht so groß ist. Die Forscherin betont jedoch, dass der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Gruppen in der Unterstützung Bolsonaros liegt. Dies stimmt Evangelista zufolge mit der in jüngster Zeit zu beobachtenden Tendenz einer Bolsonarisierung der Menschen an der Basis während der Corona-Krise überein.

Die Zustimmung für Bolsonaro steigt

Die Analyse von Evangelista wird durch die vorläufigen ethnographischen Daten bestätigt, die ich und Lucia Scalco derzeit in einer Gegend am Stadtrand von Porto Alegre erheben. Wir trafen dort auf mehr Bekenntnisse zu Bolsonaro als auf Enttäuschung.

Besorgt über die Auswirkungen des Coronavirus auf Gesprächspartner, die wir seit mehr als einem Jahrzehnt begleiten, entschieden wir uns dafür, einige Untersuchungsaspekte in unseren Netzwerken wieder aufzunehmen. Unser Austausch steht noch ganz am Anfang, daher hat hier nichts abschließenden Charakter. Auch ist es nicht möglich, quantitative Verallgemeinerungen vorzunehmen. Aber wir beginnen damit, einige mögliche Tendenzen zu untersuchen und Hypothesen für die öffentliche Debatte aufzustellen, besonders jene, die schwer verdauliche Daten mit sich bringen können. Es gibt etwas, das uns überraschte: eine Ambivalenz zwischen dem Verständnis der Wichtigkeit der sozialen Isolation und der gleichzeitigen Anerkennung der Verpflichtung zur Arbeit. Genau hier erhält Bolsonaro Zustimmung.

Diese Tatsache kann weitgehend mit der Vermittlerrolle der evangelikalen Kirchen, die in vielen Kommunen eine große Rolle spielen und nun in der Coronakrise als ein zentraler Akteur in Erscheinung treten, in Verbindung gebracht werden.

Die alte Polarisierung zwischen den Prototypen des "Arbeiters und/oder des Unternehmers" einerseits und jener des "Vagabunden" andererseits taucht erneut auf. Wir nehmen wieder wahr, auch wenn das noch zaghaft geschieht, dass Streitereien zwischen jenen entstehen, die Bolsa Família-Zahlungen erhalten und ihre Hoffnung darauf setzen, ein neues Leben mit bis zu 1.200 Real Basiseinkommen für das Nötigste beginnen zu können. Dieser Teil der Bevölkerung träumt, schmiedet Pläne und lässt sogar die Traurigkeit hinter sich, da die nächste Geldüberweisung naht.

Aber es gibt auch viele Leute wie die Kleinhändler, die nicht wissen, ob sie ein Einkommen in der Höhe der Bolsa Família-Zahlungen durch eigene Arbeit erreichen können. Diese Menschen denken, dass die Finanzhilfe eine "Ungerechtigkeit" zwischen jenen verstärkt, die arbeiten wollen. Viele aus dieser Gruppe meinen, dass es ungerecht und auch nicht machbar sei, mit dem Arbeiten aufzuhören. Sie leugnen allerdings nicht die Pandemie. Und es gibt einige Kirchen, unter denen sich auch neupfingstlerische Gruppierungen befinden, die den Unternehmergeist befördern und die dieses Thema aufgreifen werden, wobei sie ein Bewusstsein für das Einhalten des Sicherheitsabstands (social distancing) schaffen (oder auch nicht) und die Notwendigkeit der Arbeitstätigkeit betonen.

In diesem Sinne erscheint Bolsonaro selbst einigen jener Gesprächspartner, die ihn nicht gewählt haben, als jemand, der in der Krise richtig handelt, und der die Bedürfnisse des Volkes berücksichtigt. Sicher kann sich diese Situation komplett verändern, wenn es bei diesen Arbeitern zu Hause die ersten Todesfälle gibt, die noch nicht einmal über aufbereitetes Wasser verfügen.

Vieles deutet darauf hin, dass das aktuelle Szenario für Bolsonaro und für sein Eindringen in breite Volksschichten günstig sein könnte. Dies geschieht dadurch, dass er den "brasilianischen Arbeiter" in landesweiten Verlautbarungen hochleben lässt. Wie wir wissen, ist dies falsch, weil Bolsonaros Regierung in der Praxis gegen das Volk agiert. Aber wenn wir Opposition betreiben wollen, nutzt es nichts, die Augen zu verschließen und zu glauben, dass Bolsonaro sich infolge seiner eigenen Dummheit selbst zerstören wird, besonders inmitten der Pandemie.

Die Menschen greifen auf verschiedene Informationsquellen zurück und wechseln zwischen diesen hin und her. Das Fernsehen und die Zeitungen warnen vor der Gefahr des Coronavirus. Das Meme wiederum sagt, dass das Virus "chinesisch" sei und gekommen sei, um die Welt zu beherrschen. Im Fernsehen relativieren Bolsonaros Reden die Notwendigkeit der sozialen Isolation, die viele Leute für übertrieben halten und die nicht umzusetzen sei, da sie ihre Überlebensbedürfnisse missachte. Die Kirchen wiederum handeln in dem Grenzbereich zwischen dem Versprechen, die Menschen von dem satanischen Virus zu erlösen, und ihrer Versorgung mit Essen und Medikamenten.

In der heutigen Situation muss jede Maßnahme, die der Bekämpfung des Coronavirus dient, mit der Religion und den materiellen Bedürfnissen der Bevölkerung in Übereinstimmung gebracht werden. Es ist nicht vernünftig, die Evangelikalen als Ignoranten abzustempeln und damit genau jenen Bereich herabzuwürdigen, der in Brasilien das stärkste Wachstum verzeichnet. Es ist einfach die Realität, dass die Evangelikalen sich im Land mehr und mehr durchsetzen. Davor kann man nicht die Augen verschließen.

Wenn wir die Wissenschaft als Waffe im Kampf gegen das Coronavirus verwenden, reicht es nicht aus und ist es noch nicht einmal wirksam, sie einer Bevölkerungsgruppe aufzuoktroyieren, die sich nicht sofort und vollständig diesem Diskurs anzuschließen bereit ist. Darum war es noch nie so wichtig, auf der sozialen und politischen Ebene mit den Evangelikalen zu diskutieren. Noch nie war es so wichtig, dass Wissenschaftler gemeinsam mit den Gläubigen Debatten und Aktionen voranbringen.

Rosana Pinheiro-Machado, Anthropologin und Professorin für Internationale Beziehungen

Übersetzung: Bernd Stößel


Der Kreuzzug der Pfingstbewegung ‒ Die evangelikale Politik in Brasilien und der Welt

Der politisch aggressive religiöse Fundamentalismus ist nicht nur ein Phänomen im Hinduismus oder Islam, sondern auch im Christentum. Dort gewinnen vor allem die (Neo-)Pfingstkirchen weltweit an Einfluss.

In der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA entstandenen christlichen Strömung spielt der Heilige Geist eine zentrale Rolle in Lehre und Praxis, in den meisten theologischen Fragen folgt sie der Tradition des Evangelikalismus (eine theologische Richtung innerhalb des Protestantismus, die auf den deutschen Pietismus, den englischen Methodismus und die Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts zurückgeht).

Die Pfingstbewegung entwickelte im Laufe ihrer Geschichte eine besondere Tendenz zu mitreißenden, sehr wirksamen charismatischen Predigten. Das kommt an und wird auch politisch instrumentalisiert, am stärksten derzeit in Brasilien und den USA, aber keineswegs nur dort.

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"Bischof" Edir Macedo empfing Präsident Bolsonaro am 1. September 2019 im "Salomontempel" der Igreja Universal do Reino de Deus in São Paulo, um ihn zu segnen und für Brasilien zu beten
"Bischof" Edir Macedo empfing Präsident Bolsonaro am 1. September 2019 im "Salomontempel" der Igreja Universal do Reino de Deus in São Paulo, um ihn zu segnen und für Brasilien zu beten

Anfang des 20. Jahrhunderts verließen evangelikale pfingstlerische Missionarinnen und Missionaren die USA, um die Welt zu bekehren, vor allem in Lateinamerika, Afrika und Südostasien.

Der erste Missionar kam 1910 nach Brasilien und gründete in São Paulo die Congregação Cristã (Kongregation Christi). Ein Jahr später waren es zwei in den USA evangelisierte Schweden, die in Belém die Assembléia de Deus (Versammlung Gottes) gründeten. Im Jahr 1950 riefen US-Missionare von der International Church of the Foursquare eine zweite Gruppe von Pfingstkirchen in Brasilien ins Leben. Sie verkündeten den Nationalen Kreuzzug der Evangelisierung in São Paulo und gründeten später die Igreja do Evangelho Quadrangular (Kirche des vierseitigen Evangeliums, 1953), Brasil para Cristo (Brasilien für Christus, 1955) und andere Kongregationen. Alle diese Kirchen predigten die göttliche Heilkraft durch die Taufe, benutzten das Radio zur Verbreitung ihrer Vorstellungen und bereiteten den Weg für das, was zwei Jahrzehnte später als Neopentekostalismus oder Neopfingstbewegung bekannt wurde.

Diese kam in der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre auf. Gemeinsam sind den alten und neuen Pfingstkirchen das Predigen der göttlichen Heilkraft sowie der spirituelle Krieg gegen den Teufel und seine Repräsentantinnen und Repräsentanten auf der Erde. Viele predigen eine Theologie des Wohlstandes (Wer gottgefällig lebt, wird reich) und glauben, dass ein Christ wohlhabend, gesund, glücklich und erfolgreich in seinen Unternehmungen sein sollte. Sie verbreiten ihre Vorstellungen durch alle elektronischen Medien und benutzen modernste Marketingstrategien zur Propaganda und Kommunikation. Und sie sind ungeheuer erfolgreich dabei, den Zehnten einzutreiben (jeder Gläubige muss zehn Prozent der eigenen Einkünfte an die Kirche zahlen).

Verschiedenste Strömungen

Die Pfingstbewegung ist ein komplexes und vielfältiges Phänomen, da es anders als im Katholizismus keine oberste Glaubensbehörde gibt, die definiert, was rechtgläubig ist. So gibt es etwa evangelikale Kirchen für die Reichen und andere, die sich speziell an die Armen richten. Im Jahr 2001 gründete ein lesbisches Paar die Cidade de Refúgio, die sich um eine lesbische Gemeinde kümmert. Und ein schwules Paar gründete 2013 die Igreja Cristã Contemporânea für homosexuelle Gläubige beiderlei Geschlechts. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrheit und vor allem die großen Neopfingstkirchen in Brasilien in Fragen der Sexualmoral extrem reaktionär und dezidiert homophob auftreten.

Seit den 1990er-Jahren übt der Neopentekostalismus einen immer stärkeren Einfluss in der brasilianischen Gesellschaft und Politik aus. Dafür gibt es verschiedene Gründe, darunter den Übergang von einer Militärdiktatur zu zivilen Regierungen, eine Änderung der pfingstlichen Doktrin weg von sich selbst zugewandten hin zu in die Welt gerichteten Kirchen, was eine tiefgreifende Einmischung in soziale und politische Problemfelder ermöglichte, der nach den zunächst hohen Erwartungen an die zivilen Regierungen einsetzende Vertrauensverlust in die Politik und die Politikerinnen und Politiker und zuletzt die Abwesenheit des Staates in sozialen Fragen.

Vor allem im Südosten Brasiliens breitete sich der Evangelikalismus aus, später im Norden und in der Mitte des Landes, während der Nordosten den katholischen Traditionen treu bleibt und auch der Süden nur geringe evangelikale Zuwächse aufweist.

Die wichtigsten drei Kirchen der Pfingstbewegung sind die Assembléia de Deus (AD), die Igreja Universal do Reino de Deus (IURD oder Universal) und die Igreja Evangelho Quadrangular (IEQ). Keine wuchs so schnell und in so kurzer Zeit wie die 1977 von Edir Bezerra Macedo in Rio de Janeiro gegründete IURD, die heute fünf Millionen Anhängerinnen und Anhänger zählt. Die IURD und die AD unterstützten die Wahlkampagne des ultrarechten Jair Bolsonaro massiv.

Macedo ist heute Multimilliardär. Ihm gehört die zweitgrößte Mediengruppe Brasiliens, die Rede Record, außerdem Zeitschriften, Filmgesellschaften und Finanzinstitutionen. Auch die meisten anderen Pfingstkirchen benutzen die Religion als Deckmantel zur Gründung eines "Unternehmens" mit dem Ziel, Geld zur persönlichen Bereicherung ihrer Führerinnen und Führer zu sammeln oder um soziale und politische Macht zu erwerben. Nach einer Erhebung der brasilianischen Presseagentur Agência Popular schulden mehr als tausend religiöse Organisationen den Finanzbehörden fast eine halbe Milliarde Reais. Wohl auch deshalb streben die Pfingstkirchen eine totale Steuerbefreiung an, ein Ansinnen, dem sie mit der Wahl Bolsonaros näher gekommen sind.

Um evangelikaler Pastor oder Pastorin zu werden, braucht man kein theologisches Studium, sondern vor allem Charisma und Organisationstalent sowie die Fähigkeit, den Kirchenmitgliedern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Dabei bringen die Anhängerinnen und Anhänger der IURD die größten Summen auf, obwohl die meisten nur ein geringes Einkommen haben. Investiert werden die Geldmittel in den Bau neuer Tempel, in Immobiliengeschäfte, kommerzielle Aktivitäten rund um die religiöse Arbeit, in den Unterhalt einer großen Anzahl von Predigerinnen und Prediger und, ganz massiv, in die Propaganda und den "elektronischen Evangelikalismus". Hinzu kommt die Bereicherung der Kirchengründer.

Silas Malafaia, der führende Pastor der Vitória em Cristo (Sieg mit Christus), eine eng mit der AD verbundene Kirche, ist der drittreichste Pastor Brasiliens. Er tritt auch als "Televangelista" auf und ist bekannt für seine politischen Interventionen, seine Hasspredigten und sein vulgäres Vokabular, wenn es um Themen wie Feminismus, die Rechte von Homosexuellen, Schwangerschaftsabbrüche sowie gegen die Presse und die Linke geht. Bei den Wahlen 2012 war er evangelikaler Wahlkampfleiter des gemäßigt konservativen Kandidaten José Serra (PSDB) für das Bürgermeisteramt von São Paulo und unterstützte die Wahl von 24 Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und 16 Stadträten in sieben Bundesstaaten. Bei den Wahlen 2014 führte er den Wahlkampf für Aécio Neves (ebenfalls PSDB), als der sich um das Präsidentenamt bewarb. Im Jahr 2018 unterstützte er dann Jair Bolsonaro.

Ein anderer charismatischer und sehr einflussreicher Evangelist ist Senator Magno Malta, Pastor der Kirche Assembleia de Deus Vitória em Cristo. Malta ist wegen Falschaussage und Folter angeklagt. Der frühere Busschaffner Luiz Alves de Lima wurde gefoltert und fast umgebracht, nachdem ihm vorgeworfen worden war, seine eigene Tochter vergewaltigt zu haben. Im Jahr 2009 präsentierte Magno Malta, der an der Untersuchung direkt beteiligt gewesen war, der lokalen und nationalen Presse Alves de Lima als Vergewaltiger. Er erreichte, dass der Fall in Fernsehen, Radio und Zeitschriften riesige Schlagzeilen machte und er selbst als Held gefeiert wurde, der die Vergewaltigung aufgedeckt und den Schuldigen bestraft hatte. Als sich herausstellte, dass die Vorwürfe falsch waren, wurde Luíz Alves de Lima 2016 von allen Anklagepunkten freigesprochen. Er ist in Folge der Folter teilweise erblindet.

Malta verbündete sich zunächst mit Ex-Präsident Lula da Silva, war später Wahlkampfleiter von Dilma Rousseff, ebenfalls von der Arbeiterpartei PT. Als sich Bolsonaros Wahlsieg abzeichnete, stieg er für ihn in den Wahlkampf ein. Bolsonaro versprach ihm dafür ein Amt, löste dieses Versprechen aber nach seiner Wahl nicht ein.

Politischer Einfluss

Wer dagegen ein Amt bekam, nämlich das Ministerium für Frauen, Familie und Menschenrechte, war die Pastorin Damares Alves von der Kirche Evangelho Quadrangular. Sie ist eine der beiden Frauen im Kabinett Bolsonaros. Die Pastorin ist bekannt für ihre polemischen Erklärungen, wie zum Beispiel: "Die Mädchen von der Insel Marajó werden vergewaltigt, weil sie keine Unterhosen tragen." Sie startete eine Kampagne, um Sex unter Jugendlichen zu verhindern. Damit will sie die "Legalisierung der Pädophilie" bekämpfen. Damares ist vermutlich die stärkste unter den Persönlichkeiten, die die neue konservative Welle in Brasilien nach oben geschwemmt hat. Ihre oft absurden und widersprüchlichen Äußerungen finden einen großen Widerhall in der religiösen Bevölkerung in den Armenvierteln der Großstädte.

Der evangelikale Anthropologe Ricardo Lopes Dias stieg zum Leiter der Stabsstelle der Indigenenbehörde Funai für isoliert lebende und erst kürzlich kontaktierte Gemeinschaften auf und trat erst auf massiven Protest zurück . Lopes Dias war von 1997 bis 2007 in der fundamentalistischen US-Organisation "Mission Neuer Stammesgruppen Brasiliens" (Missão Novas Tribos do Brasil, MNTB) aktiv, die seit den 1950er-Jahren brasilianische Indigene evangelisiert. Die Mitglieder der MNTB glauben, dass Christus erst dann ein zweites Mal zur Erde herabsteigen wird, wenn auch der letzten Person auf der Erde das Evangelium verkündet wurde. Nach Forschungsarbeiten von Xilonem Clarke von der NGO Survival wurden die Indigenen gewaltsam sesshaft gemacht, ihre Haare wurden abgeschnitten und sie mussten "westliche" Kleidung tragen. Sie wurden gezwungen, in den Niederlassungen der Missionare zu arbeiten, und ihnen wurde gesagt, sie müssten ihrem Glauben abschwören. Als Folge davon verloren einige Indianergruppen ihr Land und viele Indigene starben an Krankheiten, die von den Missionarinnen und Missionaren eingeschleppt worden waren.

Heute verfügt die 2003 gegründete Evangelikale Parlamentarische Front (Frente Parlamentar Evangélica, FPE) im Kongress über die meisten Stimmen. Sie ist unter dem Namen Bancada Evangélica bekannt. In ihr finden sich Senatorinnen, Senatoren und Abgeordnete der Mitte und der Rechten. Sie arbeiten zusammen gegen Gleichberechtigung, Sexualerziehung, die Entkriminalisierung von Abtreibungen, die Ehe von Lesben und Schwulen und stellen sich gegen die Strafverfolgung von Gewalt gegen Homo-, Bi- oder Transsexuelle.

Der Politologe João Luis Binden hat in seiner Doktorarbeit die Zusammensetzung der Bancada Evangélica untersucht: "Es sind überwiegend Gläubige der Pfingst- beziehungsweise der Neopfingstbewegung (65 Prozent), vor allem der beiden Kirchen Universal do Reino de Deus und Assembleia de Deus. Es sind überwiegend Männer (91 Prozent), Verheiratete (90,8 Prozent), ihr Bildungsgrad liegt unterhalb dem der anderen Mitglieder des Parlaments." Zusammen mit der Bancada Evangélica agieren im Nationalkongress noch die Bancada Armamentista (Rüstungsbefürworter) und die Bancada Ruralista (Großgrundbesitzer), zusammen bilden sie die parteiübergreifende Bancada BBB (Bala, Boi e Bíblia – Gewehrkugel, Rind- und Bibelfraktion). Sie beherrschen den Kongress.

Im August 2019 besuchte, finanziert von US-Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo, eine Delegation fundamentalistischer Christen aus den USA Brasilien. Ihr Ziel: den brasilianischen Kongress zu evangelisieren, das heißt, Politikerinnen und Politiker für eine Pro-US-amerikanische Politik zu gewinnen. Der US-Pastor Ralph Drollinger, Gründer der Capitol Ministries, der die evangelikale Politik im US-Kongress und weltweit in den Regierungen und Parlamenten vorantreiben will, predigt Folgendes: "Sie, als öffentliche Dienstleister, helfen Sie mit, die säkularen, anti-biblischen Bestrebungen in Richtung Pazifismus und Nichteinmischung zu verhindern! Schließlich führen sie zu einer Steigerung des globalen Chaos!" Seine Mission besteht darin, Politikerinnen, Politiker und Staatsbedienstete zu einer christlich-evangelikalen Sicht der Politik zu "bekehren", die perfekt mit der US-amerikanischen Ultrarechten harmoniert.

Weltweite Vernetzung

Die Evangelikalen mobilisieren sich auch innerhalb der Vereinten Nationen. Die brasilianische Vereinigung Evangelikaler Juristen (Anajure), in der sich 700 Lehrkräfte, Richterinnen, Richter, Rechts- und Staatsanwältinnen und -anwälte zusammengeschlossen haben, hat einen "besonderen Beraterstatus" in der UNO beantragt. China und Kuba haben sich dagegen ausgesprochen, aber es sieht so aus, dass sie damit durchkommen. "Dann können wir auch innerhalb der UNO Einfluss nehmen, so wie wir bereits innerhalb der Organisation Amerikanischer Staaten agieren. Das ist ein wichtiger Schritt für unsere internationale Mission", sagt Uziel Santana, Präsident der Vereinigung.

Laut Santana entstand die Anajure 2008/2009 als Reaktion der Religiösen auf einige Gesetzesvorhaben im damaligen Kongress. Dazu gehörte das PL 122, das vorsah, Homophobie unter Strafe zu stellen. Anajure will bis heute verhindern, dass Homosexualität nicht mehr als Krankheit angesehen wird. Ein weiteres Ziel ist die Verabschiedung des Familienstatuts, das unter anderem definiert, dass eine Familie die soziale Keimzelle ist und aus der Vereinigung von Mann und Frau hervorgeht. Mithilfe eines privilegierten Status bei der UN hoffen die Evangelikalen, Unterstützung für ihre ultrakonservativen Ziele in Brasilien und international zu erhalten.

Der Neopentekostalismus gewinnt weltweit an Einfluss. In Lateinamerika ist er nicht nur in Brasilien, sondern auch in Kolumbien, Mexiko, Peru, der Dominikanischen Republik und Venezuela längst ein relevanter politischer Faktor. Allein die Universal do Reino de Deus verfügt über mehr als 14.000 Pastoren und ist in über 100 Ländern aktiv.

In Europa ist sie am stärksten in Portugal vertreten, wegen der Sprache und weil es dort viele brasilianische und afrikanische Migrantinnen und Migranten gibt. Im Dezember 2017 kam dort die Verstrickung der IURD in ein System illegaler Adoptionen brasilianischer Kinder ans Licht. Daraufhin gab es mehrere Reportagen im portugiesischen Fernsehsender TVI unter dem Titel O segredo dos deuses (Das Geheimnis der Götter), in denen eine ganze Serie von Unregelmäßigkeiten der Universal aufgedeckt wurde, die die portugiesische Justiz beschäftigen.

In Deutschland ist die IURD in elf Städten präsent, darunter in Hamburg, Köln, Frankfurt und München. In Berlin hält die IURD ihre Gottesdienste in der historischen Nazareth-Kirche auf dem Leopoldplatz ab, im Herzen des Wedding. Im Jahr 2019 versuchte die IURD die Kirche zu kaufen, was der grüne Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel verhinderte: "Die Präsenz der IURD ist weder eine Bereicherung für unseren Bezirk noch für die Umgebung", meinte von Dassel. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Gläubigen der Pfingstkirchen, in den letzten beiden Jahren um zwölf Prozent.

Viviane de Santana Paulo lebt in São Paulo und in Berlin. Sie ist Dichterin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Essayistin.

Übersetzung: Laura Held

Beide Beiträge sind zuerst in den Brasilien Nachrichten 161 erschienen

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