Kuba / Soziales / Politik

Corona-Impfstoff aus Kuba ‒ Ein Zeichen der Hoffnung für verarmte Länder

Der Schweizer Arzt und Professor Franco Cavalli hat Kuba besucht und sich von der weit fortgeschrittenen Entwicklung des Impfstoffes Soberana überzeugt

kuba_schweiz_franco_cavalli_.jpg

Franco Cavalli traf bei seinem Besuch im November in Kuba auch mit Fachfrauen der Impfstoffentwicklung zusammen
Franco Cavalli traf bei seinem Besuch im November in Kuba auch mit Fachfrauen der Impfstoffentwicklung zusammen

Wenige Tage bevor Mitte November die kommerziellen Flüge mit Kuba wieder aufgenommen wurden, reiste der Schweizer Arzt und Professor Franco Cavalli in das Karibikland. Er überzeugte sich von der weit fortgeschrittenen Entwicklung des kubanischen Covid-Impfstoffes Soberana, der sich bereits in der Testphase 2 befindet. Da der Impfstoff für hohe Temperaturen geeignet ist und deshalb im Gegensatz zu den andern Kandidaten ohne kostspielige Kühlketten gehandhabt werden kann, könnte er für Länder mit geringen Ressourcen eine echte Alternative sein.

Franco Cavalli war einer der ersten europäischen Wissenschaftler, der Kuba nach der strengen Beschränkung besuchen konnte. "Ich habe ein vorbildliches Land im Kampf gegen Covid-19 kennen gelernt. Dieses steht jedoch aufgrund der Pandemie und der Blockade heute vor einer tiefen Wirtschaftskrise", erklärt der Vizepräsident von mediCuba Europe, einem wichtigen Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen des Gesundheitssektors, das in 13 Ländern des Kontinents vertreten ist.

Zwischen März 2020 und dem 30. November spiegeln die offiziellen Zahlen, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigt wurden, eine außergewöhnliche gesundheitliche Realität wider. "Kuba hat 50-mal weniger Todesfälle als die Schweiz und fast 120-mal weniger als Belgien", sagte der renommierte Onkologe, der von 2006 bis 2008 Präsident der Internationalen Union gegen Krebs (UICC) war.

In den vergangenen zehn Monaten verzeichnete der karibische Staat 8.233 Infektionen und nur 134 Todesfälle bei einer Bevölkerung von fast zwölf Millionen Menschen. Dies entspricht einer Auswirkung von 1,18 Todesfällen pro 100.000 Einwohner. Die benachbarte Dominikanische Republik hat eine Rate von 21,92; Deutschland – ein europäisches Beispiel für die Kontrolle der Pandemie – hat 19,68; die Schweiz hat 55,53 und Belgien hat 144,73, immer pro 100.000 Einwohner .

Erfolgreiche Gesundheitsbemühungen

Das öffentliche Gesundheitssystem Kubas, das völlig kostenlos ist, und das Konzept der gemeindebasierten Medizin "hat es ermöglicht, die Pandemie, die wie in vielen Ländern Lateinamerikas und der Karibik verheerende Folgen hätte haben können, erfolgreich unter Kontrolle zu bringen", sagte Cavalli.

Er betont "extreme Bürgerdisziplin. Ich habe nie jemanden ohne Maske gesehen. Gesundheitskontrollen sind systematisch. Beim Betreten einer Einrichtung oder eines öffentlichen Raums messen sie die Körpertemperatur und verlangen eine Händedesinfektion. Vielerorts werden die Schuhe sogar desinfiziert".

Eines der Ziele seiner Reise war es, sich über den Fortschritt des Impfstoffs zu informieren. Soberana 1 hat die erste Phase abgeschlossen. Es wurde an zwei Altersgruppen getestet, eine über 60 Jahre alt und eine jüngere. Phase 2, in der die Wirksamkeit, insbesondere auf der Ebene der Zellreaktion und der Antikörper gemessen wird, ist im Gange. Sie gehen davon aus, dass sie gegen Ende des Jahres mit Phase 3 beginnen werden, dass diese bis Ende März beendet sein wird, und planen, das Impfserum ab Mitte 2021 anzuwenden. Es gibt ein zweites Projekt, den Impfstoff Soberana 2, das ebenfalls im Gange ist.

"Kuba hat seit vielen Jahren in die biomedizinische Forschung investiert. Seine Forscher verfügen über enorme Erfahrung auf diesem Gebiet. Sie haben zum Beispiel den weltweit ersten Impfstoff gegen Meningokokken entwickelt", erklärt der Schweizer Professor. Das Finlay-Institut, mit dem er während seines jüngsten Aufenthalts enge Kontakte unterhielt, ist eines der 32 Zentren, die den Wissenschaftspool Havannas (BioCubaFarma) bilden, der insgesamt etwa 20.000 Menschen beschäftigt.

Eine der Besonderheiten Kubas ist es, dass Forschung und industrielle Produktion zusammengelegt wurde. Biotechnologie-Exporte seien eine wichtige Ressourcenquelle für das Land, sagte er. Ein Beispiel: Ein großer Teil des lateinamerikanischen Marktes für Erythropoietin (EPO), das für die chronische Behandlung von Anämie, Nierenfunktionsstörungen und Behandlungen nach Chemotherapien unerlässlich ist, wird durch ein kubanisches Produkt gesichert.

"Ich bin mir in diesem speziellen Fall des SARS-CoV-2-Impfstoffs nicht sicher, ob die Produktionskapazität Kubas ausreichen würde, wenn es sich in einem Teil des Weltmarkts durchsetzen sollte. Da BioCubaFarma jedoch drei Niederlassungen in China hat, habe ich den Eindruck, dass ein Teil der Produktion von dort kommen könnte", reflektiert Cavalli.

Der Schweizer Arzt erinnert sich, in Havanna einen schlüssigen Satz gehört zu haben, der ihn stark geprägt hat: «Wir werden nicht die Ersten sein, die einen Impfstoff haben, aber wir streben an, das erste Land zu sein, das die Impfung seiner gesamten Bevölkerung sicherstellt." Dies ist eine Herausforderung, die angesichts der Fortschritte in der Forschung mittelfristig Realität werden könnte.

Der kubanische Impfstoff, fügt der Schweizer Wissenschaftler hinzu, könnte sogar Grenzen überwinden. Im Gespräch mit mehreren Beamten der WHO/PAHO (Panamerikanische Gesundheitsorganisation) in der kubanischen Hauptstadt "komme ich zu dem Schluss, dass die Hoffnung besteht, dass er in Ländern mit geringen Ressourcen zu erschwinglichen Preisen verteilt werden könnte. Für hohe Temperaturen geeignet – im Gegensatz zu anderen, die sich in klinischen Studien befinden –, ohne ausgeklügelte Kühlketten zu erfordern, könnte das eine echte Alternative zu den Produkten großer Pharmakonzerne sein".

Komplexe Situation

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie für Kuba dürfen nicht unterschätzt werden und haben fast dramatische Auswirkungen. "Wenn man zu den härter werdenden Auswirkungen der Blockade noch die jüngste Entscheidung von Donald Trump hinzufügt, die Überweisungen von Familien aus den USA auf die Insel zu verhindern, ist das Bild doppelt beunruhigend", betont er.

Es gibt alltägliche Eindrücke, die an die Krise erinnern, die die karibische Nation während der Sonderperiode Anfang der 1990er Jahre erlebte. Vielleicht liegt der Unterschied "darin, dass der Brennstoffmangel heute geringer ist als damals". Es ist sehr deutlich zu erkennen, welch große Sparanstrengungen in allen Aktivitäten umgesetzt werden.

Der Tourismus, einer der wesentlichen Wirtschaftszweige, da er zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, ist in den letzten zehn Monaten erheblich eingebrochen. "Erst jetzt wird diese Aktivität wieder aufgenommen, aber mit vielen Vorsichtsmaßnahmen", erklärt Franco Cavalli.

Havannas internationaler Flughafen wurde am 15. November für Linienflüge wiedereröffnet, und einige touristische Regionen, wie Varadero, reaktiviert.

Diese komplexe Situation kann die internationale Solidarität nicht gleichgültig lassen, sagt der Präsident von mediCuba-Europe. Diesem Netzwerk gelang es, in den ersten Monaten der Pandemie 600.000 Euro aufzubringen und das notwendige Material zur Vorbereitung der Tests sowie 25 Lungenbeatmungsgeräte sicherzustellen.

Nun stellte ihm das Finlay-Institut ein Projekt von fast einer halben Million Euro vor, um Instrumente zu kaufen, die sie aufgrund der US-Blockade nicht auf dem Markt bekommen können. Dabei handelt es sich um Instrumente, mit denen nach der Impfung die Veränderung der weißen Blutkörperchen gemessen werden kann, die die Antikörper produzieren, die das Virus direkt bekämpfen.

Fast im Alter von 80 Jahren – und seit mehr als 40 Jahren – hat Franco Cavalli die internationale Solidarität zu einer seiner täglichen Verpflichtungen gemacht. Kuba und Mittelamerika sind seine vorrangigen, wenn auch nicht ausschließlichen Horizonte. Und das, ohne seine kritische Reflexion aufzugeben.

Wie er in einem früheren Interview zum Ausdruck brachte, ist Solidarität weit mehr als das Konzept der "Entwicklungshilfe". Er sagte damals: "Das Konzept ist falsch. Ich stelle den Begriff der Hilfe nicht in Frage. Wir müssen weiterhin zusammenarbeiten und solidarisch sein. Ohne diesen kleinen Beitrag wären die Menschen in diesen Ländern sicherlich noch schlechter dran. Aber was wir nicht sagen können, ist, dass diese Hilfe zur Entwicklung führe. Die Philosophie hinter dem Konzept der 'Entwicklungshilfe' ist falsch. Wir müssen vor allem eine politische Änderung der internationalen Spielregeln fördern."

Und diese neuen Regeln erfordern die Horizontalität Nord-Süd-Nord. Daher die Hoffnung des Präsidenten von mediCuba Europe: Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Pandemie könnte in Zukunft ein in der Karibik entwickelter und hergestellter Impfstoff einen Hoffnungsschimmer für die Vergessenen der großen multinationalen Pharmaindustrie darstellen.

Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr