Das Geschäft mit dem Impfstoff gegen Covid-19

Der Zugang zum Covid-19-Impfstoff wird aufgrund der Patente eingeschränkt, während sich gerade 500.000 Menschen anstecken und 8.000 an dieser Krankheit sterben

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Ein Emoji für Covid vom kubanischen Künstler Carlos Alejandro Chang Falco
Ein Emoji für Covid vom kubanischen Künstler Carlos Alejandro Chang Falco

Als wären die Trostlosigkeit der Ausgangssperre, die Sorge vor neuen Ansteckungen und die Trauer um diejenigen, die von der Pandemie auf eine andere Ebene geweht wurden, nicht genug, empfinden wir auch eine tiefe Empörung, wenn eine der unmenschlichsten Anti-Werte des Kapitalismus hervortritt: aus Leben und Gesundheit ein Geschäft zu machen.

Die USA, die Europäische Union und Großbritannien wehren sich gegen den Vorschlag, den Corona-Impfstoff von geistigen Eigentumsrechten und Patenten auszunehmen. Besagter Vorschlag wurde im Oktober 2020 von Südafrika und Indien bei der Welthandelsorganisation (WTO) eingereicht. Mehr als 100 Länder haben sich bereits angeschlossen. Barrieren für geistiges Eigentum sollen beseitigt werden, damit Unternehmen ihre Technologie und ihr Wissen an andere Produktionsstätten weitergeben, um massenhaft alle Dosen, die zur schnellstmöglichen Immunisierung der Weltbevölkerung benötigt werden, herstellen zu können. Laut Tedros Adhanom, Direktor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ist die Produktionskapazität dafür vorhanden.

Das von den Mitgliedsländern der WTO unterzeichnete Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums (TRIPS) ist nichts anderes als die legale Schaffung von Monopolen, insofern es dem Kapital für Jahre die Exklusivrechte für die Herstellung und Vermarktung einer Ware sichert. Sie argumentieren, dass Patente die einzige Garantie sind, um einen Anreiz für Investitionen in Forschung und Entwicklung zu schaffen.

Mit der Erpressung des Anreizes gibt man den Pharmakonzernen in Wirklichkeit die Macht zu entscheiden, wer lebt und wer stirbt, und außerdem zu entscheiden, wovon wir leben und woran wir sterben werden. Sie sind es, die die Forschungsagenda nach den Kriterien aufstellen, was für sie am profitabelsten ist, und es ist kein Zufall, dass sie Krankheiten chronisch werden lassen.

Es ist sogar so, dass die Forschungsgelder nicht einmal von der privaten Pharmaindustrie selbst aufgebracht werden. Es sind die Regierungen, die traditionell die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Und die Forschungen werden an den Universitäten und hauptsächlich öffentlichen Einrichtungen entwickelt und dann von den Pharmaunternehmen übernommen.

Von den 13,9 Milliarden US-Dollar, die für die Erforschung des Impfstoffs gegen Covid-19 bereitgestellt wurden, haben Regierungen 8,6 Milliarden und gemeinnützige Organisationen 1,9 Milliarden zur Verfügung gestellt, während nur 3,4 Milliarden Dollar von privaten Pharmaunternehmen aufgewendet wurden, gerade einmal 25 Prozent (Airfinity). Dazu rechnen müssen wir noch den sicheren Markt, den Impfstoffe haben, denn tatsächlich haben die Regierungen der sogenannten entwickelten Länder bis Dezember 2020 10,38 Milliarden Dosen vorbestellt.

Das US-Pharmaunternehmen Moderna entwickelte den Impfstoff gegen Covid-19 mit 100 Prozent staatlicher Finanzierung und erhielt dafür 562 Millionen US-Dollar. Bei ihm wurden 780 Millionen Dosen zu einem Durchschnittspreis von rund 31 Dollar pro Dosis vorbestellt, was einen Umsatz in der Größenordnung von 24 Milliarden Dollar bedeutet. Rechnen Sie sich den Gewinn dieser Firma selbst aus.

Pfizer, ebenfalls ein US-Unternehmen, erhielt 268 Millionen Dollar von der Regierung, was etwa 66 Prozent seiner Forschungsausgaben entspricht. Bei ihm wurden 1,28 Milliarden Dosen vorbestellt, was bei einem Durchschnittspreis von 18,5 Dollar pro Dosis einem Umsatz in der Größenordnung von 23,68 Milliarden Dollar entspricht. Bei Astrazeneca/Oxford, mit britischem Kapital, wurden 3,29 Milliarden Dosen vorbestellt, die es zu einem Preis von sechs Dollar je Dosis verkauft. Das Unternehmen wird 19,74 Milliarden Dollar an Einnahmen erzielen, wobei 67 Prozent der 2,2 Milliarden Dollar, die es in die Forschung gesteckt hat, staatlich waren.

Bei Johnson&Johnson wurden 1,27 Milliarden Impfstoffdosen bestellt, die es zu einem Preis von zehn Dollar je Dosis verkauft. Das Unternehmen wird damit einen Umsatz von 12,7 Milliarden Dollar erzielen, nachdem es eine Investition von 819 Millionen Dollar getätigt hat, die zu 100 Prozent staatlich finanziert wurde.

Die übrigen Impfstoffpreise reichen von vier bis 37 Dollar je Dosis: SputnikV zehn Dollar, Sanofi/GSK zehn bis 21, Novavax 16, Moderna 25 bis 37, Sinovac 13 bis 29 Dollar je Dosis.

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Der Impfstoff gegen Covid-19 ist ein rundes Geschäft, anscheinend das beste in diesen Zeiten: Die Investition für die Forschung übernehmen die Regierungen, die die Mittel an die privaten Pharmaunternehmen vergeben haben; diese haben einen garantierten Markt, weil dieselben Regierungen die Impfstoffe bei den von ihnen finanzierten Unternehmen vorbestellt haben; der gesamte Gewinn geht an diese meist privaten Pharmakonzerne. Und sie sind auch diejenigen, die dank des Monopols, das von denselben Regierungen durch das TRIPS-Abkommen gewährleistet wird, für Jahre die Exklusivität der Produktion und Vermarktung besitzen.

Diese Einschränkung beim Zugang zum Impfstoff als eine Folge der Patente geschieht, während sich gerade 500.000 Menschen infizieren und 8.000 an dieser Krankheit sterben. Ist das nun die menschenverachtendste Darbietung des Kapitalismus oder nicht?

Während in den einkommensstärksten Ländern heute eine Person pro Sekunde geimpft wird, haben die meisten Länder noch nicht einmal eine einzige Dosis verabreicht (Oxfam). Von den bisher verimpften 128 Millionen Impfstoffdosen wurden mehr als drei Viertel in nur zehn Ländern verabreicht, die 60 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts repräsentieren. Fast 130 Länder mit 2,5 Milliarden Menschen haben noch nicht einmal mit der Impfung begonnen (WHO).

Es wird geschätzt, dass bis Mitte des Jahres nur drei Prozent der Bevölkerung in den Ländern mit den geringeren Ressourcen geimpft sein werden; und im besten Fall bis Ende 2021 (Oxfam) ein Fünftel. Das wiederum würde nicht nur die Erholung der Wirtschaft dieser Länder, sondern auch der Lebensbedingungen ihrer Bevölkerungen verzögern. Die USA haben 25 Prozent aller weltweit verfügbaren Impfstoffe erhalten und die Europäische Union 12,6 Prozent.

Die Dreistigkeit der USA, der EU und Großbritanniens ist so groß, dass sie sich, um ihre Pharmakonzerne zu bevorzugen, weigern, Patente freizustellen, obwohl sie sich 2001 innerhalb der WTO darauf geeinigt haben, die geistigen Eigentumsrechte im Falle von Notfällen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu lockern: "Wir sind uns einig, dass das TRIPS-Abkommen die Mitglieder nicht daran hindert und auch nicht hindern sollte, Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit zu ergreifen. Dementsprechend bekräftigen wir unser Bekenntnis zu TRIPS und bekräftigen, dass selbiges in einer Weise interpretiert und umgesetzt werden kann und sollte, die das Recht der WTO-Mitglieder unterstützt, die öffentliche Gesundheit zu schützen und insbesondere den Zugang zu Medikamenten für alle zu fördern."

Welchen größeren Notfall kann es für die öffentliche Gesundheit geben als eine globale Pandemie, die, man entschuldige die Redundanz, durch ein hochansteckendes und tödliches Virus verursacht wird?

Als ob all das noch nicht genug wäre, ist es irritierend zu wissen, dass bei einem Durchschnittspreis von 15 Dollar pro Dosis und unter der Annahme, dass zwei Dosen des Impfstoffs an die 7,7 Milliarden Erdenbewohner verabreicht werden, 231 Milliarden Dollar nötig wären, um die gesamte Weltbevölkerung zu immunisieren. Das ist ein Betrag, der nicht einmal fünf Prozent dessen ausmacht, was die 2.000 Milliardäre des Planeten dank des Geldes, das die Regierungen in den Aktienmarkt gesteckt haben, an der Pandemie verdient haben ‒ während 500 Millionen Menschen neu zur Liste der Armen dazu kamen, die bereits bei vier Milliarden liegt.

Alí Primera1 sagte: "Helft ihr, helft der Menschheit, menschlich zu sein."

Pasqualina Curcio aus Venezuela ist Ökonomin und Autorin u.a. bei Últimas Noticias

  • 1. Alí Primera (1941 – 1985) ist ein bekannter Liedermacher aus Venezuela, der vor allem rebellische und politische Lieder schrieb, um auf die Ungerechtigkeit unter der damaligen venezolanischen Regierung und auf die imperialistische Politik der USA aufmerksam zu machen
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