Die jüngste Widerstandsbewegung in Kolumbien

Die jungen Widerständler:innen sind keine Vandalen, wie die Regierung predigt, sondern der Keim einer radikalen partizipativen Demokratie

erste_linie_portal_de_la_resistencia.jpg

Protest Mitte Mai auf dem "Portal de la Resistencia" in Bogotá: die Erste Linie vorn
Protest Mitte Mai auf dem "Portal de la Resistencia" in Bogotá: die Erste Linie vorn

Laut der kolumbianischen Regierung von Iván Duque steckt hinter der sozialen Explosion, die das Land seit dem 28. April erlebt, "ein vorsätzlicher, systematischer, städtischer Terrorismus".

Genau das waren die Worte des Verteidigungsministers Diego Molano direkt am Anfang des Generalstreiks. Dieser "Terrorismus niedriger Intensität" sei von der ELN-Guerilla und den Dissident:innen der Farc finanziert. Der ultrarechte Ex-Präsident und Mentor von Duque, Álvaro Uribe, versicherte ebenso, dass "die eingeschleusten Vandalen" von Venezuela gefördert würden.

Auch den oppositionellen Präsidentschaftsanwärter Gustavo Petro präsentiert die kolumbianische Presse als dunklen Drahtzieher der Proteste, allen voran die Zeitschrift Semana, die seit dem Redakteur:innen-Wechsel im November zu einem propagandistischen Medium der Regierung wurde. Parallel dazu tauchen die Protestler:innen, die vor allem Jugendliche sind, in den Leitmedien sehr oft in Verbindung mit Plünderungen, Sachbeschädigungen und Blockaden auf. Auch die grüne Bürgermeisterin von Bogotá, Claudia López, äußerte in den ersten Protesttagen: "Jeden Tag haben wir immer weniger Mobilisierung und mehr Vandalismus". Sie riet, "dem Protest eine Orientierung zu geben".

Ein Teil der kolumbianischen Gesellschaft will also die jungen Protestierenden als furiose, destruktive Chaoten verstehen, die entweder Spielfiguren von manipulativen Oppositionellen und der Guerilla oder ganz einfach nur orientierungslos sind. Wer sich ihre "Widerstandpunkte" jedoch anschaut, die sie gemeinsam aufgebaut haben, wird eine hoch organisierte Bevölkerung feststellen, die autonom und basisdemokratisch Entscheidungen trifft und solidarisch agiert.

Wer sind sie?

Es sind vor allem die Jugendlichen der Städte. Kleinbäuerinnen, indigene und afrokolumbianische Gemeinden sowie Gewekschaften, Organisationen von Opfern, Umweltaktive und viele mehr haben sich in den letzten Wochen auch stark mobilisiert, nachdem das Streikkomitee zum Generalstreik aufgerufen hat. Allerdings sind junge Menschen der Groß- und Kleinstädte die treibende Kraft der jüngsten Protestbewegung. Ein großer Teil von ihnen, wenn nicht der größte, wohnt in den Slums und lebt völlig außerhalb des ökonomischen Systems. "Es sind empörte Jugendliche, die viele Gründe haben, auf die Straße zu gehen", sagt Luisa gegenüber amerika21. Sie ist Aktivistin der Student:innenbewegung an der Nationalen Universität Kolumbiens (Unal) und in den Widerstandspunkten Bogotás aktiv.

"Sie wollen arbeiten, wollen studieren, wurden aber von der Regierung im Stich gelassen", klagt der Aktivist aus Cali Sebastián Mantilla gegenüber diesem Portal. Einige von ihnen suchten Zuflucht in den Drogen oder müssten stehlen.

Ein berühmter Internet-Meme bringt die Charakterisierung der junge Widerständler:innen auf dem Punkt: "Sie haben sich mit der Generation angelegt, die nichts zu verlieren hat. Weder eine Wohnung, noch Arbeit, noch Gesundheit, noch eine Rente. Wir haben nichts. Wovor sollen wir da noch Angst haben?" So liegen emblematische Widerstandspunkte von Cali wie Puerto Resistencia (Hafen des Widerstands) und Puerto Madera (Holz-Hafen) im armen Stadtteil Aguablanca. "Es ist der vernachlässigste Teil der Stadt", so Sebastián. Dorthin sind in den letzten Jahrzehnten wegen des bewaffneten Konflikts viele afrokolumbianische Vertriebene aus dem pazifischen Hinterland geflüchtet.

Das extreme Prekariat der jungen Protestler:innen aus den Slums, das sich während der Pandemie weiter verschlimmert hat, ist auch in Medellín zu sehen. Alejandro, einer von ihnen, erzählt amerika21, er habe gesehen, wie Demonstrant:innen aus purer Schwäche inmitten eines Protestes in Ohnmacht gefallen sind, weil sie tagelang nichts gegessen haben.

Ein anderer Teil der jungen Protestler:innen, die zur Stärkung der Widerstandspunkte beitragen, besteht aus Hochschulstudent:innen. Sie bringen ein politisches und soziales Bewusstsein mit sich, das sie in den Kämpfen der Student:innenbewegung der letzten Jahrzehnte entwickelt haben. Einige von ihnen wohnten in den Widerstandszonen, andere nicht, seien aber regelmäßig dort präsent, erzählt Luisa. "Es ist schön zu sehen", sagt sie, wie "ein bereichernder Austausch" in den Widerstandszentren "kollektiv stattfindet". Auch Hochschuldozent:innen beteiligten sich. "Zum Beispiel haben wir in unserem Institut für Soziologie die Initiative der gemeinschaftlich selbstorganisierten Suppenküchen (Ollas comunitarias) in einigen Stadtteilen vorangetrieben. Anlässlich der Suppenküchen haben wir in den Vierteln Räume für Diskussionen unterstützt", so Luisa.

In Cali stellt die Universität von Valle del Cauca (Univalle) einen der Widerstandspunkte dar. Auch Studierende anderer Universitäten in dieser Stadt haben sich schnell dem Generalstreik angeschlossen. Zur massiven Teilnahme von Student:innen und sogar von Jugendlichen reicher Schichten in den ersten Tagen der Proteste hat laut Sebastian eine Aktion des angesehenen DJ Juan de León beigetragen. Er hat die starke Polizeigewalt im Norden von Cali für 106.000 verbundene Zuschauer live gestreamt, so Sebastián. Dabei hat offenbar die Polizei den jungen Demonstranten Nicolás Guerrero erschossen. Das Livestream dokumentierte, wie der schwerverletzte 26-Jährige von anderen Protestierenden weggetragen wurde.

Die Ausstrahlung löste auch bei jungen Leuten der "Schichten" (Estratos) 4, 5 und 61 Empörung aus, sagt Sebastian. Sie verließen die "Seifenblase", in der sie bis dahin lebten und gingen auf die Straßen. Plötzlich standen Psychologie-, Medizin- Jurastudent:innen da und organisierten die Proteste so mit, "dass wir uns gegenseitig halfen, um zusammen Widerstand leisten zu können."

Laut dem Politologen Ariel Ávila gibt es eine dritte Gruppe von jungen Protestteilnehmer:innen: Die Arbeitslosen. Sie waren bereits im ökonomischen System integriert, hatten einen Job, den sie aber während der Pandemie verloren haben. Die Arbeitslosigkeit ist auf 14,2 Prozent gestiegen. Das ist die zweitgrößte der Region hinter Brasilien. Und die Armut beträgt in Kolumbien aktuell 42 Prozent.

Welche Verbindung haben sie zu den etablierten linken Bewegungen und Parteien?

"Wir gehören keinem politischen Sektor an, sondern haben uns spontan organisiert", sagt Alejandro aus Medellín. Auch ein Vertreter der Widerstandsvereinigung von Cali (Unidad de Resistencias de Cali, URC) versichert: "Bei uns dringen Politiker oder politische Parteien nicht durch". Eine Sprecherin des selbsterrichteten Volksversammlungsplatzes Portal Resistencia (Endstation Widerstand) in Bogotá betont: "Wir wollen hier keine politischen Parteien".

Die Protestbewegung ist eher aus autonomen Organisationen entstanden, die sich seit der Protestwelle vom Ende 2019 gebildet haben: Zum Beispiel die Fanfußballclubs in Cali, die vor den Protesten verfeindet waren und nun gegen die Polizeigewalt zusammenhalten, die Bewegung der Graffiti-Künstler:innen in Bogotá, Umweltgruppen oder feministische Kollektive.

Unter den Sozialaktiven gäbe es trotzdem sicherlich welche, die einer Partei oder Bewegung angehören, erklärt Luisa. Aber keine der organisierten Strukturen von Protestler:innen unterstützten als Gruppe eine bestimmte Partei oder bestimmte Kandidat:innen. Ganz klar ist aber, dass sie alle "anti-uribistisch" sind: Sie missbilligen die ultrarechte Partei Centro Democrático und ihren Anführer, Álvaro Uribe, der Mentor von Präsident Iván Duque ist.

Die jungen Widerständler:innen, insbesondere die Slums-Bewohner:innen, misstrauen dem Staat und dem politischen System im Allgemeinen, auch "den Linken, die sich an die Staatsbürokratie angepasst haben", sagt der Aktivist Felipe aus Cali gegenüber amerika21. Damit sind zum Beispiel "linke Senatoren" gemeint, die sich in solchen Posten "verewigt haben".

Auch wenn linke Poitiker:innen oder Parteien in Kolumbien nie als Zentralregierung regiert haben, werden sie von den Protestler:innen als Teil der Staatsmacht gesehen, die sie unterdrückt. Gleichzeitig hoffen sie auf einen Regierungs- und Parlamentswechsel, der Uribe endgültig entthront. So wirbt die URC in Cali dafür, dass die Bürger:innen sich jetzt für die nächsten Wahlen anmelden und wenn es soweit ist, ihre Stimme nicht verkaufen, wie es in der politischen Kultur des kolumbianischen Klientelsystems üblich ist.

Stattdessen regen URC-Sprecher:innen dazu an, "bewusst die besten Kandidaten zu wählen". Auch die Idee, eigene Kandidat:innen für den Stadtrat, den Kongress und sogar für die Präsidentschaft zu stellen, stehe im Raum, so Sebastián gegenüber amerika21.

Politiker:innen von linken Parteien und Bewegungen wie Unión Patriótica, Polo Democrático, Colombia Humana sowie einige wenige der Grünen Partei haben stets die Proteste unterstützt. Einige von ihnen haben sich für die Verteidigung von Widerstandspunkten eingesetzt. Andere haben sich der Polizei entgegengestellt und willkürliche Festnahmen von Demonstrant:innen verhindert.

Der Senator der Bewegung "Colombia Humana" (Menschliches Kolumbien, CH) Gustavo Bolívar stellte beispielsweise eine Spendenkampagne für die "Primera Línea" (Erste Linie) auf die Beine, das heißt, für die Protestler:innen, die sich vor die Polizei stellen, um den Rest der Demonstrant:innen zu beschützen. Dafür tragen sie oft Helme, Arbeitshandschuhe, Sicherheitsbrillen und Atemschutzmasken. Mit dem gesammelten Geld kaufte Bolívar 850 Sets von diesen Ausrüstungen für die Ersten Linien landesweit.

Es gibt trotzdem keine organische Verbindung zwischen den jungen Protestler:innen und den linken Parteien. Sie agieren autonom. Dies zeigt sich zum Beispiel an den Straßenblockaden. Während der progressive und momentan aussichtsreichste Präsidentschaftsanwärter, Gustavo Petro, sich für die Aufhebung der Blockaden aussprach, sahen die jungen Mobilisierten in ihnen das einzige effektive Druckmittel auf die Regierung.

Sehr verbreitet unter den Protestler:innen ist die Ablehnung des Nationalen Streikkomitees (Comité de Paro Nacional, CNP). "Das Streikkomitee vertritt uns nicht", sagen Teilnehmer:innen der Protestbewegung immer wieder. Das CNP richtete sich zu sehr an die etablierten Parteien und Organisationen, klagt Luisa. Damit ist die "Koalition der Hoffnung" (Coalición de la Esperanza) gemeint, die sich selbst als "politische Mitte" definiert. Sie ist kritisch gegenüber Uribe, wendet sich gegen die Korruption, will aber keine strukturelle Veränderungen im aktuellen politischen und wirtschaftlichen System.

Die Gewerkschaften, die hinter dem CNP stehen, sehen die jungen Protestierenden als wenig kämpferische und an die traditionelle Politik angepasste Organisationen, die "mit dem Zentralstaat immer nur über Krümel verhandeln", klagt Felipe gegenüber amerika21. Ihre politische Agenda sei weit entfernt von den Forderungen der Leute auf den Straßen. "Sie bringen uns gar nichts", sagt eine der "Mütter in der Ersten Linie" aus dem Portal Resistencia in Bogotá. "Das sind nicht die Leute, die wir für den Dialog mit der Regierung wollen."

Wie organisieren sie sich?

Die spontane Teilnahme vieler Jugendlicher aus den armen Vierteln bei der "sozialen Explosion" verwandelte sich schnell in robuste, solidarische Organisationsformen des Widerstands. "Dieser Moment ist historisch für Kolumbien und wunderschön", sagt Alejandro aus Medellín gegenüber amerika21. Leute, die vielleicht apolitisch waren, lernten sich gegenseitig bei den Demos kennen, sie fingen an, sich zusammenzuschließen, bildeten "Erste Linien" und vernetzten sich miteinander. So entstünde eine neue Gemeinschaft, erzählt der Medelliner.

Die Treffpunkte für Kundgebungen, Straßenblockaden und Demonstrationszüge wurden zu permanenten Widerstandspunkten, wo sich hunderte bis tausende Menschen im ersten Monat der Proteste fast täglich versammelten. Einige dieser Plätze waren bereits im Jahr 2019 zu Brennpunkten der damaligen Proteste geworden. Zum Beispiel der emblematische "Puerto Rellena" (Blutwursthafen) in Cali, den die Protestierenden damals in "Puerto Resistencia" (Hafen des Widerstands) umbenannten.

Im ersten Monat des Generalstreiks gab es in Cali bis zu 25 Widerstandstellen mit Namen wie "Loma de la Dignidad" (Hügel der Würde), "Puente de las Mil Luchas" (Brücke der Tausend Kämpfe) oder "Paso del Aguante" (Übergangsweg des Durchhaltens). Früher hießen sie jeweils "Loma de la Cruz" (Hügel des Kreuzes) "Puente de los Mil días" (Brücke der Tausend Tage) und "Paso del Comercio" (Übergangsweg zur Handelszone).

Alle Blockadestellen hatten eine Aufgabenteilung, so Felipe gegenüber diesem Portal: "Da ist die Erste Linie, die für die Sicherheit der Personen an der Blockade sorgt. Da sind die ärztlichen Brigaden, die Personen, die sich um die Suppenküchen kümmern, die Kommunikationsgruppe, die Leute, die die Logistik arrangieren, Künstler und Akademiker, die die Tagesordnungen mit Workshops und Vorträgen füllen."

Die Suppenküchen wurden in allen Widerstandspunkten zentral. "Uns brach das Herz, von Jugendlichen zu hören, sie hätten zum ersten Mal drei Mahlzeiten am Tag bekommen", erzählt Sebastián. Die Brigaden von jungen Mediziner:innen oder Medizinstudierenden ihrerseits haben eine minimale Gesundheitsversorgung in die Widerstandspunkte gebracht, zu der viele Einheimische keinen Zugang hatten – nicht mal in Zeiten der Pandemie.

Die Gesundheitsbrigaden funktionieren oft unter Beschuss der Polizei auch als Sanitätskräfte. Sie verarzten oder reanimieren. Viele Opfer von Polizeigewalt wollen nicht ins Krankenhaus, weil sie dort in der Regel festgenommen werden. Sogar psychologische Unterstützung haben freiwillige Psychologiestudent:innen in einigen Punkten organisiert, erzählt Sebastián. Die Widerständler:innen seien ja permanent dem Terror der Polizei und der bewaffneten Zivilgruppen unterworfen.

Auch in anderen Städten Kolumbiens haben sich Widerstandspunkte gebildet. Zum Beispiel im "Parque de la Resistencia" (Park des Widerstands) in Medellín, der vor dem 28. April "Parque de los Deseos" (Park der Wünsche) hieß. In Bogotá ebenso, etwa im Stadtbezirk Usme (Bogotá) an der "Puente de la Dignidad" (Brücke der Würde), die früher "Brücke Colsubsidio" hieß, oder in den Stadtbezirken Suba, Ciudad Bolívar und Vororten Soacha, Madrid Engativá, unter anderen.

Einer dieser Punkte in Bogotá ist der Platz "Portal de las Americas" (Endstation der Amerikas), der in "Portal de la Resistencia" (Endstation des Widerstands) unbenannt wurde. Er war am Anfang der "sozialen Explosion durch das Militär und die Polizei in eine militärische Einsatzzentrale verwandelt worden, wo sie mit einem Kriegshelikopter landeten, Polizeipanzer parkten und Militärangehörige stationierten.

Daraufhin besetzten sozialaktive Gruppen des Stadtbezirks den Platz und erklärten ihn zu einer "humanitären Zone". Sie benannten ihn "Al calor de la olla" (An der Hitze des Kochtopfs) wegen der Suppenküche, die sie dort einrichteten und die bis vor wenigen Tagen circa 700 Personen täglich ernährte. Mit der Besetzung blockierten sie die Endstation des umstrittenen Bussystems "Transmilenio".

Außer der humanitären Zone beherbergt Portal de la Resistencia andere Kollektive, die Menschenrechts- und Kulturveranstaltungen, sportliche Aktivitäten oder Workshops über die Rechten der Frauen und der LQTB-Gemeinschaft oder über die Umwelt durchführen. Eine Erste Linie ist dort auch aktiv.

Zu den Gemeinsamkeiten der Widerstandsbewegungen landesweit gehört die Ablehnung von zentralen Anführer:innen. Alles wird horizontal organisiert. "Wir wollen keinen herausragenden Anführer", sagt Sebastián. "Was wir haben, sind verschiedene Gruppen von Anführern, die sich miteinander verbinden". In diesem Sinne "gibt es einen Koordinator für die Erste Linie, einen für das Essen, einen, der die Spenden empfängt, einen, für die pädagogischen Aktivitäten, für die Kommunikationen usw."

Auch eine der Sprecher:innen von Portal de la Resistencia preist die Abwesenheit von hierarchischen Strukturen in den organisatorischen Dynamiken der dortigen Protestgemeinde. "Ich finde, es ist ein wunderschöner Platz, weil hier alles horizontal ist", sagt sie. "Niemand macht hier den anderen Vorschriften. Es sind die Leute vom Viertel selbst, die mit Vorschlägen kommen". Wenn diese Anklang finden, werden sie umgesetzt.

Die Blockade

Mittlerweile hat die Regierung die meisten Blockaden durch die Polizei und das Militär gewaltsam räumen lassen. Im ersten Monat der "sozialen Explosion" waren sie landesweit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Parallel trieben die Regierung und die etablierte Presse eine Medienkampagne voran, in der sie die Blockaden als Bedrohung für "das Leben, die Ernährungssicherheit und die Gesundheit" der kolumbianischen Bevölkerung darstellten.

Nicht alle Straßensperren haben die Protestler:innen in Cali durchgeführt, erklärt Sebastián. Vor allem nach dem gewaltsamen Einmarsch des Militärs und der Polizei Ende Mai. Leute, die nicht zur Protestbewegung gehörten, bekamen 60.000 Pesos (circa 15 Euro), damit sie Straßen blockieren. Die auftraggebenden Personen sollen Angehörige der Regierungspartei Centro Democrático sein. Ein Uber-Fahrer habe Sebastián erzählt, in seinem Viertel kassierten Leute, die sich als Protestler:innen ausgeben, 10.000 Pesos (circa 2,5 Euro) dafür, Bewohner:innen ins Viertel hinein- und hinausfahren zu lassen. "Das geht nicht", sagt Sebastián. An den Straßensperren der Protestler:innen "wurden nie Transitgebühren kassiert."

Bei den Sperrungen von Stadt- und Landstraßen ging es den Protestierenden nicht um ein Geschäftsmodell sondern um die Unterbrechung der normalen Aktivitäten, um sich so Gehör zu verschaffen. Alle Protestler:innen, mit denen amerika21 sprach, argumentieren, dass die gewöhnlichen Demos nicht reichen, um eine Reaktion der Regierung hervorzurufen. Es sei notwendig, "unbequem" zu werden, sagt Luisa. "Manchmal ist es notwendig, Tatsachen zu schaffen, vor allem in diesem Land, wo wir für gewöhnlich nicht gehört werden".

"In der Vergangenheit haben wir riesige Demos gemacht und es kam nichts dabei heraus", erinnert sich Sebastián. "Straßen zu sperren, war der einzige Weg, damit die Regierung uns Aufmerksamkeit schenkt". Tatsächlich hatte sich Duque nach enormen Demonstrationen Ende 2018 gegenüber der Studierendenbewegung zu Investitionen im Bildungssystem verpflichtet, die er bislang doch nicht gemacht hat.

Andrés aus Medellín sagt gegenüber amerika21 das gleiche: "Die Blockaden sind zum einzigen Mittel dafür geworden, dass die lokalen oder nationalen Regierungen auf die Mobilisierung aufmerksamer werden. Wenn es keine Blockade gibt, bleibt sie praktisch unbemerkt." Felipe aus Cali seinerseits versichert: "Die Blokade ist die einzige Alternative zur schon abgedroschenen Demonstration, die letztendlich beim Staat keine Aufmerksamkeit hervorbringt."

Auf der anderen Seite hat es keine "totale Unterversorgung mit Lebensmitteln" gegeben, erklärt Luisa. Die Protestierenden haben immer wieder die Blockaden unterbrochen beziehungsweise "humanitäre Entsperrungen" durchgeführt. Der "Diskurs der Unterversorgung" sei eine Strategie der Regierung, um die Protestbewegung zu delegitimieren. Ähnliches berichtet Sebastián. Es hat Engpässe für bestimmte Lebensmittel in Großsupermärkten gegeben. Personen im Wohlstand seien tatsächlich mehr davon betroffen gewesen, räumt Sebastián ein, denn es fehlte ihnen an "Lachs, Wein oder teurem Käse".

"Sie sollen mir nicht erzählen, dass innerhalb eines Monats alle Unternehmen pleite sind", sagt Sebastián. Die Zeit des Lock-Downs war viel länger, argumentiert der Aktivist. Die Regierung wollte aber den Kleinunternehmen nicht helfen, hat hingegen Milliarden von Pesos in den Kauf von Polizeipanzern investiert und hat sich nicht um Impfungen für alle bemüht oder für eine Grundrente für Bedürftige, um die Wirtschaft zu reaktivieren. Es sei deshalb "völlig falsch", zu sagen, dass das Land wegen der Blockaden pleiteging. "Und während sie über 'Unterversorgung' sprachen, sahst du um die 15 Militärhelikopter über Cali herumfliegen. Wieso nutzte die Regierung sie denn nicht lieber dafür, Essen zu transportieren?"

Die Erste Linie

So wie in Chile schlossen sich vor allem junge Leute zusammen, um die Mitprotestler:innen vor Angriffen der Polizei zu beschützen. Oft vermummen sie sich, um nicht von der Polizei oder polizeilichen Paramilitärs identifiziert zu werden. In einem Land, in dem der Staat oft Protestierende willkürlich strafrechtlich verfolgt, tötet oder verschwinden lässt, bedeutet die Vermummung eine Sicherheitsmaßnahme. In Wirklichkeit gibt es mehr als eine Linie. In manchen Widerstandspunkten ist die Rede von vier. In Cali, von sechs. Sebastián erklärt die Aufteilung in Cali:

Die erste Linie ist defensiv ausgerichtet. Außer Schutzelementen wie extradicke Arbeitshandschuhen, Schutzbrillen, Helmen und Atemschutzmasken, die alle in den ersten vier Linien tragen, halten die Leute der ersten Linie einen Schutzschild. Die zweite Linie ist offensiv ausgerichtet. Dort sind die Jugendlichen mit Holzstöcken, Steinen und Farbe, mit denen sie die angreifenden Polizist:innen bewerfen. Gegebenenfalls werfen sie auch Molotov-Cocktails. Die Ausrüstung ist die gleiche wie in der ersten Linie.

Die dritte ist die Linie der Unterstützung. Sie ist dafür zuständig, die geschossenen Tränengaskapseln zur Polizei zurückzuwerfen oder sie abzudecken oder zu löschen. Sie sammelt die Steine für die zweite Linie und baut Barrikaden auf. Die Angehörigen der dritten Linie halten eine Lösung aus Wasser mit Natron sowie Milch bereit, die sie in die Augen spritzen, um dem Tränengas entgegenzuwirken.

erste_linie_beim_gehen.jpg

Leute, die vielleicht apolitisch waren, lernten sich gegenseitig in den Demos kennen, sie fingen an, sich zusammenzuschließen und bildeten "Erste Linien"
Leute, die vielleicht apolitisch waren, lernten sich gegenseitig in den Demos kennen, sie fingen an, sich zusammenzuschließen und bildeten "Erste Linien"

In der vierten Linie sind die Sanitäter:innen und die Leute, die sich um die Bergung der Verwundeten kümmern. "Hier sind die jungen Medizinstudent:innen oder Krankenpfleger:innen", sagt Sebastian. Sie leisten erste Hilfe, geben Verletzten Spritzen und transportieren Verletzte auf Tragbahren. In der fünften Linie sind die Versorger:innen. Sie besorgen Steine, Essen, Wasser, Medizin und alles, was nötig ist, um die anderen Linien zu versorgen.

Die Mitstreiter:innen, die von zu Hause aus Inhalte der Proteste viral machen und gezielt "der Welt die Barbarei der Regierenden zeigen", bilden die sechste Linie. Da sind auch Leute, die vor Ort alles aufzeichnen. Da sind junge Expert:innen in Kommunikation, Grafikdesigner:innen und Influencer:innen. "Weil Medien wie Caracol und RCN alles verstecken, müssen wir mittels der sozialen Medien zeigen, was hier passiert", so Sebastián.

Frauen beteiligen sich an allen Linien. "Die Kraft, die wir organisatorisch haben, verdanken wir sehr den Frauen", versichert ein Mitglied der Ersten Linie der Kleinstadt Buga. "Dieser Streik ist feministisch. Darüber gibt es keine Zweifel", äußert ein Sprecher der Ersten Linie des Widerstandspunkts "Übergangsweg des Durchhaltens" in Cali. Sehr populär war die Bildung einer "Ersten Linie der Mütter" bei der "Endstation des Widerstands" in Bogotá (amerika.de berichtete).

Volksversammlungen

Die Volksversammlungen sind Treffen, in denen Stadtteil- oder Dorfbewohner:innen Forderungskataloge ausarbeiten, aber auch Protestaktionen planen, über die Aktivitäten der Widerstandspunkten wie die Suppenküchen, die Sportwettkämpfe, die Kulturveranstaltungen usw. diskutieren und zusammen entscheiden. "In jedem der 20 Stadtbezirke Bogotás, zum Beispiel Suba, Engativá, Usme usw., organisieren die Einwohner:innen Volksversammlungen. Sie selbst bestimmen die Diskussionsthemen, ihre Ansprüche, die kommunikativen Strategien für die Mobilisierung", berichtet Luisa gegenüber amerika21.

volksversammlung_medellin_ankuendigung.jpg

Ankündigung von Volsversammlung in Medellín
Ankündigung von Volsversammlung in Medellín

Das Gleiche passiert landesweit. In den Stadtbezirken Medellín (Comunas) sowie in den Gemeinden der gesamten Region Valle de Aburrá, zu der Medellín gehört, haben die Protestierenden Volksversammlungen mit 40 bis 100 Teilnehmer:innen durchgeführt, erzählt Andrés diesem Portal. Die gesammelten Ergebnisse wurden dann in größeren Versammlungen auf der Ebene des gesamten Valle de Aburrá diskutiert und vereinheitlicht.

Auch in Cali gab es an jedem Widerstandspunkt Volksversammlungen, sagt Felipe. Sie ermöglichten den Dialog innerhalb der Gemeinschaft. Die Häufigkeit variiert. In Uniresistencia beispielsweise, dem Widerstandpunkt an der Universität von El Valle, fanden täglich Versammlungen statt.

Der Verlauf ist bei allen ähnlich. Eine Koordinationsgruppe ruft zur Versammlung auf und erstellt die Tagesordnung. Wer will, ergreift das Wort. Bei Uneinigkeit wird abgestimmt. Bei großen Versammlungen wie in der Nationalen Universität mit bis zu 2.000 Teilnehmer:innen können die Diskussionen sehr mühsam werden, gesteht Luisa.

Im Portal Resistencia in Bogotá machten sich Aktivist:innen der humanitären Zone "Al calor de la olla" Gedanken darüber, wie sie einen Forderungskatalog bei Versammlungen mit circa 1.000 Menschen vereinfachen könnten. Sie wollten keine "15-stündigen, anstrengenden Versammlungen, denn wir verstehen, dass die Leute arbeiten und nicht ewig Zeit haben, um 15 Stunden lang an einem Tag zu debattieren", erzählt Dani. Sie sammelten die Anliegen der Teilnehmer:innen in drei Versammlungen, teilten sie dann in die Kategorien "kurzfristig", "mittelfristig" und "langfristig" sowie nach den adressierten staatlichen Stellen in "lokale Ebene", "Ebene des Hauptstadtdistrikts" und "nationale Ebene" auf.

Für den Forderungskatalog nahmen sie die kurzfristigen Anliegen und fassten sie zusammen. Daraus entstanden sieben große Themen, nämlich Regierung, Polizei, Gesundheit, Umwelt, Arbeit, Bildung und Kultur. Die Abstimmung führten sie dann in Form eines Referendums durch. Sie arrangierten eine Abstimmungsurne pro Thema, an der die entsprechende Liste der zusammengefassten Forderungen hing und wo alle Kolumbianer:innen oder Ausländer:innen, die älter als sieben Jahre waren, einen Abstimmungszettel mit "ja" oder "nein" ankreuzen und einwerfen konnten. Sie haben 3.001 Stimmen gesammelt. 97,6 Prozent davon stimmten den Forderungen zu.

Was fordern sie in den Versammlungen?

Die Themen sind bei allen Versammlungen nur mit einigen speziellen lokalen Fragen gleich. "Wenn die Bedürfnisse dieselben sind, sind die Forderungen und deren Durchsetzungswege auch gleich", sagt Camilo vom "Übergangsweg des Durchhaltens". Das hieße, "eine Wohnung, Gesundheit, Sport, Kultur, Bildung und Arbeit".

bibliothek_nicolas_guerrero_cali.jpg

Protestierende in Cali verwandelten eine Polizeiwache (CAI) in der Bibliothek "Nicolás Guerrero"
Protestierende in Cali verwandelten eine Polizeiwache (CAI) in der Bibliothek "Nicolás Guerrero"

Tatsächlich wiederholt sich in den Forderungskatalogen aller Versammlungen die endgültige Rücknahme der neoliberalen Steuer-, Arbeitsmarkt-, Renten-, und Gesundheitsreformen der Regierung. Sie verlangen mehr Steuern für den Finanzsektor und Großunternehmen, mehr Festanstellungen und weniger Job-Outsourcing, Senkung des Rentenalters plus höhere Renten, Abschaffung der Gesetzen 100 und 30, die die Vermarktung im Gesundheits- und Bildungswesen ermöglichen. Sie wollen ebenso, dass die Regierung das Besprühen mit Glyphosat sowie das Fracking einstellt.

Die meisten der Volksversammlungen fordern ein vorübergehendes Grundeinkommen, für alle bedürftigen Wirtschaftsopfer der Pandemie. Andere fordern die Umsetzung des Friedensabkommens.

In den Forderungskatalogen sind auch spezifische lokale Anliegen wie die Ausarbeitung einer Lösung zur Müllkippe "Doña Juana" bei "Endstation des Widerstands", den Schutz des Hochlandgebirges (Páramo) von Barragón in der südwestlichen Kleinstadt Tuluá oder der Stopp der Zerstörung des Feuchtgebiets "Juan Amarillo" in Bogotás Stadtbezirk Suba. Die dortige Versammlung fordert die Beendung der Erpressungen des Kleinhandels durch die Polizei und der Kooperation zwischen den lokalen Polizist:innen und den Drogenbanden.

Eine strukturelle Reform der Polizei verlangen alle Forderungskataloge ohne Ausnahme. Die Protestierenden wollen die Abschaffung der berüchtigten Einheit zur Aufstandsbekämpfung der Polizei (Esmad), sowie die Entmilitarisierung der Städte. Alle sind für einen Dialog mit der Zentralregierung oder den Stadtverwaltungen offen, sobald diese mit den brutalen Polizeieinsätzen aufhören, die Verschwundenen finden, die Verantwortlichen für die Toten und Verletzten zur Rechenschaft ziehen und die rechtliche Verfolgung gegen Protestierende einstellen.

Auf dem Weg der Vernetzung

Einen vereinheitlichten Forderungskatalog von allen Widerstandsgemeinden des Landes gibt es aktuell nicht. Viele von ihnen haben aber angefangen, sich miteinander zu vernetzen. Eine wichtige Unterstützung haben sie vom hoch organisierten Cric (Indigene Räte des Cauca) bekommen. Der Cric ist mit hunderten und tausenden Indigenen nach Cali, Medellín und Bogotá gezogen, um die dortigen Widerstandsbewegungen zu unterstützen.

"Es ist Zeit, uns im Sinne einer einzigen Strategie zu vereinigen", sagt Camilo vom "Übergangsweg des Durchhaltens". Anfang Juni haben sich 2.000 Delegierte von vielen Widerstandspunkten Kolumbiens bei einer "Nationalen Volksversammlung" (ANP) in Bogotá getroffen und drei Tage über die Zukunft der Proteste, gemeinsame Forderungen und Handlungswege diskutiert. Die Teilnehmer:innen einigten sich unter anderem darauf, die ANP zum "permanenten Vernetzungsorgan" zu deklarieren, die Widerstandspunkte zu vervielfachen, die Protestierenden jeden Mittwoch zu mobilisieren und völlig unabhängig vom Nationalen Streikkomitee zu agieren. Vom 17. bis zum 20. Juli wird sich die Diskussion in Cali fortsetzen.

Womit werden sie konfrontiert?

"Wir sind Tag für Tag unterwegs , ohne zu schlafen, und sehen dabei, wie sie unsere Freunde, Familien, Geschwister, Cousins, Onkels, Krankenpfleger töten, wie die Scharfschützenkugeln an unseren Ohren vorbei zischen, wir hören die Schreie von unseren Freunden, die im Exito2 gefoltert werden", sagt das Mitglied einer Ersten Linie, Camilo.

Tatsächlich sind die Widerständler:innen mit einer zügellosen Brutalität der polizeilichen und para-polizeilichen Kräfte konfrontiert. Die Regierung veranlasste vom Anfang der Proteste an massive Einsätze der Polizei und in Städten wie Cali auch des Militärs. Dort hat die Repression der Esmad, des Spezialeinsatzkommandos (Goes) und der Kriminalpolizei (Sijin) mehrere Tote und Verletze hinterlassen. Ende Mai hat Duque anhand des Dekrets 575 einen De-Facto-Ausnahmezustand in acht Departamentos und 13 Städten und Gemeinden deklariert. Sie wurden stärker militarisiert.

Die Menschenrechtsorganisation "Temblores" hat während der "sozialen Explosion" 4.285 Fälle von Polizeigewalt registriert. In dieser Zeit hat mutmaßlich die Polizei mindestens 43 Personen getötet. 21 weitere Fälle von Totschlag, die Temblores prüft, könnten auch auf das Konto von Polizei und Paramilitärs gehen.

Die entfesselte Gewalt gegen die Protestbewegung ab dem 28. April findet ihren Ausdruck in mehreren repressiven Verhaltensmustern der Polizei und deren zivilen Verbündete. Zum Beispiel hat sie oft auf Protestierende mit Feuerwaffen geschossen. Allein bis zum 2. Mai haben Polizeiangehörige 20 Menschen offenbar erschossen und durch Schüsse 215 Menschen verletzt.

Die Esmad hat Tränengaskartuschen oder Projektile mit Reizgas, Schock- und Blendmunition mittels der High-Tech-Vorrichtung Venom meistens unvorschriftsmäßig eingesetzt, indem sie sie aus nächster Nähe direkt auf die Körper der Demonstrant:innen schoss. Die Folgen: Tote und Schwerverletzte. Allein in den ersten Monaten der Proteste hat die Esmad 65 Jugendlichen mit Tränengaskartuschen ein Auge ausgeschossen.

Die Esmad ist nachts in Wohnviertel einmarschiert, hat Venom-Projektile abgefeuert, die an den Fenstern und auf den Dächern der Wohnungen explodierten und dabei "ein Gefühl von Terror" bei den Einwohner:innen auslösten. Ebenso ist es üblich, dass die Esmad Tränengas in Wohnungen reinwirft, ungeachtet dessen, ob darin Kinder oder Senior:innen sind. Nach so einem Einsatz ist zum Beispiel ein 86-Jähriger in Risaralda gestorben. In einem anderen Fall in Cali führte das Gas zur Erstickung eines zweimonatigen Babys.

Auch in den Wohnvierteln ist die Polizei nicht davor zurückgeschreckt, mit Feuerwaffen wild herumzuschießen. Vor ihren Angriffen entledigen sich die Polizist:innen sehr oft ihrer Kennzeichnen. Dies macht die rechtliche Nachverfolgung der Exzesse zunichte.

Die jungen Protestler:innen werden außerdem damit konfrontiert, willkürlich festgenommen und von Polizeiangehörigen gefoltert oder sexuell misshandelt zu werden. Über 3.200 Personen hat die Polizei seit dem 28. April festgenommen. Ein Teil von ihnen wurde heimlich in illegale Arrestorte wie Lagerhäuser, Supermärkte und Busstationen gebracht.

Die Widerständler:innen sind aber nicht nur den Exzessen der Polizei sondern auch der Gewalt von bewaffneten Zivilgruppen ausgesetzt. Zum einen geht es um die "klassischen" paramilitärischen Gruppen, wie die "Águilas Negras" (Schwarze Adler), die Protestierende mit dem Tod bedrohen. Auch mit dem Drogenhandel verbundene Killerauftragsbüros von Cali haben Kopfgeld in Millionenhöhe auf alle ausgesetzt, die den Protestierenden Sanitätshilfe leisten. Es sei alarmierend, dass die Verletzten in geheime Häuser transportiert werden müssen, wo die Gesundheitsbrigaden sich hinter verschlossenen Türen verstecken müssen, um dort den Verletzten Hilfe leisten zu können, klagt der Fotoreporter Jahfrann.

Zum anderen geht es um männliche bewaffnete Bewohner:innen von reichen Vierteln in Cali, die mit der Polizei eine Front gegen die Protestierenden gebildet haben. Ein Beispiel ist der Süden von Cali: "Ein Herr der Partei Centro Democrático sagte mir, 'hier im 22. Stadtbezirk gibt es 25.000 Waffen'. Ich dachte zuerst, er meint es nicht ernst", erzählt Sebastián. Kurz danach haben bewaffnete Einwohner:innen in weißen T-Shirts Gruppen von Indigenen des Cric massiv beschossen (amerika21 berichtete).

Nicht nur in Cali sondern landesweit wurde zum Alltag der Proteste, dass Personen aus fahrenden SUVs oder von Motorädern auf eine Kundgebung oder Demonstration schießen, ohne dass die Behörden etwas dagegen unternehmen. "Sie feuern mit ihren Pistolen, Gewehren und Maschinengewehren Tag und Nacht gnadenlos auf die Leute", so Sebastián. In Cali patrouillieren sie nachts mit Langwaffen in den Straßen der rebellischen Viertel.

Besonders offensichtlich war es am 28. Mai in Cali. Zahlreiche Videos zeigen, wie Dutzende von bewaffneten Zivilisten zusammen mit der Polizei mit Kurz- und Langwaffen, teilweise mit Schreckschusswaffen, auf Protestierende schossen oder sie sogar festnahmen. Die para-polizeilichen Angriffe hinterließen 14 Tote und 98 Verletzte, 54 davon durch Feuerwaffen.

Parallel stieg die Zahl der vermissten Jugendlichen an. Aktuell registriert "Defensa de la Libertad" 84 Verschwundene. In den Netzwerken zirkulierten Videos von in den Flüssen schwimmenden Leichen. Zuletzt sind Körperteile in Cali aufgetaucht, darunter der Kopf einer 21-Jährigen in der Kleinstadt Tuluá. Ende Mai prangerte die Ökumenische Kommission die mögliche Existenz von mindestens einem "Hackhaus" (casa de pique) an, wo Menschen zerstückelt werden (amerika21 berichtete).

Problematisch sind auch die "infiltrados". Das sind Personen, die sich in die Proteste einschleusen, sich vermummen, Brand stiften und in Geschäften oder öffentlichen Gebäuden randalieren. In vielen Fällen gehören sie nicht zu den Protestler:innen. "Die Strategie ist alt", sagt Sebastián. Er versichert, dass es dabei um Verbündete der Polizei geht. "Sie selbst sind es, die sich als 'Vandalen' verkleiden". "Wir konnten sie beobachten. Ihre Gesichter kannte ich nicht, aber ich wusste, sie gehören nicht zu unseren Widerstandspunkten." An dem Tag haben sie das Finanzinstitut für Bildungskredite angezündet.

Bilanz der Errungenschaften

Auf der einen Seite haben die enormen Protestaktionen des ersten Monats der "sozialen Explosion" nachgelassen. Dabei spielen sicherlich die Zeit und die Repression der Regierung eine wichtige Rolle. Die meisten Blockaden haben die Polizei und das Militär mit Blut und Schwert aufgehoben und das Streikkomitee hat die Mobilisierungen vorübergehend ausgesetzt.

Auf der anderen Seite hat die Protestbewegung, die im Gegensatz zum Streikkomitee auf den Straßen bleiben will, vieles erreicht: Zum einen ein neues Selbstbewusstsein: Bislang habe das Establishment alles bestimmt, sagt ein Sprecher der URC. "Wir galten immer als ungebildet, ignorant und als Personen ohne genügend Intellekt für diese Sachen". Er meint damit das Dekret 0304, wodurch die Stadtverwaltung unter anderem die URC als Ansprechpartner anerkennt und sich zu einer Reihe von Garantien für die Proteste verpflichtet. "Das hier zeigt, dass wir uns doch dafür eignen, Rechtsvorschriften zu gestalten."

In diesem Sinne hat die landesweite Protestbewegung innerhalb der ersten anderthalb Monate schon mehrere Siege erzielt: Die Rücknahme der neoliberalen Steuer- und Gesundheitsreform, der Rücktritt des Finanzministers, der Außenministerin, des Polizeipräsidenten von Cali sowie eine weltweite Sichtbarkeit der diktaturähnlichen Zustände Kolumbiens.

Eine weitere Errungenschaft betrifft das Symbolische. Die Protestierenden haben die Ordnung des öffentlichen Raums umgestürzt, indem sie ihn umdeuteten. Und zwar durch die Besetzung von Polizeiwachen (CAIs) und deren Verwandlung in Bibliotheken, durch das Stürzen von Statuen, die die koloniale Ordnung ehren, und durch die Errichtung von selbstgemachten Monumenten zu Ehren des Widerstands. Ebenso durch das Umbenennen von Straßen, Brücken und Plätzen in Namen, die auf den Widerstand anspielen und durch die Blockaden, bei denen sie den Verkehrsfluss bestimmten.

Ihnen gelang es außerdem, eine nie vorher gesehene breite Unterstützung der Bevölkerung zu erhalten. 74 Prozent der Kolumbianer:innen befürworten die Proteste. "Ich fühle, dass die Leute in diesem Streik ein größeres politisches Bewusstsein erlangt haben", sagt Luisa. "Selbst die Leute, die früher solche Sachen wenig billigten, haben nun angefangen, sich dafür zu interessieren." Dies drückt sich auch in materieller Unterstützung aus. Die Sprecher:innen aller Widerstandspunkte sagen immer wieder, dass sie ohne die Spenden, die Lebensmittel, die Medikamente, Matratzen, Decken und vieles mehr, die ihnen viele Menschen bringen, nicht so lange hätten durchhalten können.

Aber die wichtigste Errungenschaft ist vielleicht die Erfahrung der gemeinsamen Selbstregierung. "Es wäre wichtig und sehr schön, dass dieser Streik die Lehre hinterlassen würde, dass jede Person sich politisch betätigen kann ohne ein Politiker zu sein", sagt Alejandro gegenüber amerika21, "und dass die Macht der Bevölkerung gehört. Sie soll vorschreiben, was in jedem Sektor zu tun ist: Im jedem Viertel, in jeder Kommune."

Wie oben beschrieben, haben die Protestgemeinden Lösungen für die Bedürfnisse ihres gemeinsamen Alltags im Widerstand gefunden und umgesetzt. Die Volksversammlungen wurden in diesem Sinne zum Organ der Selbstverwaltung. In einigen Fällen gingen die Debatten über die unmittelbaren Protestaktionen hinaus und befassten sich mit Überlegungen über mittelfristige gemeinschaftliche Produktionsprojekte, die Kleinhändler:innen und Kleinunternehmer:innen verbinden.

Vom Inhalt der Forderungen her ist die Protestbewegung im Grunde genommen nicht antisystemisch. Während die sozialen Bewegungen der 1970er-Jahre zum Beispiel Enteignungen forderten, Landbesetzungen machten und den Sozialismus anstrebten, verlangen die heutigen Protestierenden nichts anders als das, was in der kolumbianischen Verfassung schon steht: Recht auf Gesundheit, Arbeit, Bildung, eine Altersrente und nicht erschossen zu werden, wenn sie demonstrieren.

Doch in den Formen, wie sie das alles fordern, brechen sie mit klassischen Dynamiken der Mobilisierung im Land und mit den Erwartungen des politischen Systems an sie. Sie wollen nicht mehr nur "den richtigen" Kandidaten wählen – was sie, wenn es soweit ist, sicherlich machen werden –, sondern bauen Strukturen einer radikalen partizipativen Demokratie auf.

Trotz der bevorstehenden repressiven Zeiten und trotz einer verstärkten Diskreditierungskampagne, auf die die Regierung weiterhin alles setzt, hat die jüngste Protestwelle tiefgehende Veränderungen im kollektiven Bewusstsein verankert, die schwer umkehrbar sind.

* Aus Sicherheitsgründen der interviewten Personen nennen wir die meisten von ihnen hier mit geänderten Vornamen.

  • 1. In Kolumbien sind die Stadtviertel in „Estratos“ eingeteilt, die von 1 bis 6 gehen. Die Kennzeichnung bezieht sich auf den materiellen Zustand der Wohnungen, Straßen und Plätze des Viertels. “Estrato“ 1 bezeichnet die ärmsten und 6 die reichsten Stadtzonen.
  • 2. Die Nachbarn des Cali-Stadtteils Calipso berichteten, dass sie in der Nacht vom 19. Mai Schreie aus der Filiale der Supermarktkette „Éxito“ hörten. Später haben Delegierte der Nachbarschaft drinnen Blutflecken gefunden. Das Medium Canal Dos stellte fest, dass der Supermarkt zu einer Polizeieinsatzzentrale geworden war.
Unterstützen Sie amerika21 mit einer Spende via Flattr