Eine Bewegung in den Kinderschuhen

Die Bewegung #YoSoy132 und ihr Einfluss auf die Präsidentschaftswahlen in Mexiko

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Protestaktion von #YoSoy132 in Mexiko-City
Protestaktion von #YoSoy132 in Mexiko-City

Hier ziemt es, jeden Argwohn zurückzulassen,
Jede Feigheit muss hier ersterben (Dante, Die Göttliche Komödie)

Vom Zusammenbruch der medialen "Traumfabrik"1

Der Erfolg der Jugendlichen, die die Bewegung #YoSoy132 (IchBin132) bilden, hat im Wahlkampf die politische Szene in Mexiko erschüttert. Sechs Jahre lang wurde sie von der Regierung unter Felipe Calderón und seinen Verbündeten bestimmt: von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), der Grünen Ökologischen Partei Mexiko (PVEM), der Partei Neue Allianz (PANAL), der US-Regierung, sowie von multinationalen Konzernen, unter denen insbesondere die Fernsehsender Televisa und TV Azteca hervorstechen. Gemäß des Plans soll der Wahlkampf unter den beiden wichtigsten rechten Parteien PAN und PRI ausgemacht werden; ihr Siegeskandidat Peña Nieto soll das Rennen mit großem Abstand gewinnen und den Kandidaten der progressiven Linken auf einen entfernten dritten Platz verbannen. Auf diese Weise soll die Fortsetzung und Radikalisierung der Strukturreformen der Rechten gesichert und damit auch die Legitimität des alten oligarchischen Regimes der Parteien PAN und PRI bekräftigt werden, das den Übergang zur Demokratie noch nicht geschafft hat.

Doch nun ist das Projekt der rechten Kräfte gescheitert, die Präsidentschaft fortzusetzen. Die Jugendlichen der Bewegung 132 (M132) haben entschieden verhindert, dass Peña Nieto und das oligarchische Regime durch die Wahlen legitimiert werden. Ebenso haben sie jede Möglichkeit zerstört, den Prozess der nationalen Beschäftigung bzw. Rekolonialisierung zu rechtfertigen, der sich in Mexiko im Namen des freien Marktes seit 30 Jahren abspielt.

Ohne Legitimierung durch die Wahlen sind die politischen Krisen nach den technischen Staatsstreichen in den Jahren 1988 und 2006 und dem Aufstand der Zapatistas 1994 nur schwer zu überwinden. Ohne einen überzeugenden Wahlsieg werden die antidemokratischen, rechtswidrigen und autoritären Züge des Regimes ans Licht kommen, was eine Zerrüttung des Staatsapparates und der ihn stützenden Medien zur Folge hat. Ohne eine Bestätigung durch die Wahlen ist es unmöglich, weiter zu verbergen, dass das oligarchische Regime aus den Parteien PRI und PAN auf dem Weg ist, eine neue zivil-militärische Diktatur mit einem kriminellen Wirtschaftssystem zu errichten.

In dem aktuellen System ist der Staatsterror2 zum Angelpunkt der sozialen und territorialen Kontrolle der Politik geworden, die diesen unter dem Deckmantel eines Krieges gegen die Kriminalität praktiziert. Analysten, ebenso wie Vivente Fox, Felipe Calderón und George Bush im Jahr 20063, sprechen hier von einem Krieg der 4. Generation.4 Zahlreiche Intellektuelle haben gezeigt, dass in der staatlichen Terrorkampagne institutionelle Kräfte, De-facto-Kräfte, das Militär, die Polizei, Konzerne und kriminelle Banden zusammenarbeiten, die unter der Obhut der mexikanischen und US-amerikanischen Regierungen mittels CIA, DEA und weiteren Organismen operieren.5

In dieser neuen Art von Krieg, die im Falle Mexikos als Staatsterror bezeichnet werden muss, spielen die Medien eine dominante, leitende Rolle, die sie in der Vergangenheit nicht hatten. Sie fungieren nicht mehr nur als Unterstützer oder Verbündete, sondern nehmen eine führenden Rolle bei der Entwicklung von Strategien für den Kampf gegen die sogenannten "inneren Feinde" ein. Man kann sagen, dass Unternehmen wie Televisa und Azteca als Söldner von Regierung, Konzernen und Einzelpersonen wie Peña Nieto operieren, mit dem Unterschied, dass "Glücksritter" einzig und allein an der Bezahlung interessiert sind, ungeachtet dessen, ob sie die Ziele und Ideologie ihrer Herren teilen. Im Unterschied dazu steht die Führungsetage dieser Fernsehsender auf der gleichen Seite wie die rechte Regierung, für die sie arbeitet, und teilt grundsätzlich deren Ziele und Ideologien.

Die freie Berichterstattung und die historische Wahrheit wurden konfisziert und auf ein Schlachtfeld überführt, wo sie von den großen Medien manipuliert werden. Morde, Entführungen, Entlassungen und Bedrohungen der Journalisten, die es wagen, dieses System in Frage zu stellen, passieren nicht zufällig, sondern sind Teil von terroristischen Aktionen gegen den inneren Feind und gegen die Wahrheit. So wird Angst sozial konstruiert. Mexiko ist daher eines der unsichersten Länder der Welt für Journalisten. Die vermeintliche Neutralität und Objektivität der Medienkonzerne existiert nicht.

Trotz dieses mächtigen Feindes hat das Erwachen der Jugendlichen die Lage vor den Wahlen in Mexiko grundlegend verändert. Nach den Mobilisierungen am 11. und 19. Mai gegen den PRI-Kandidaten Enrique Peña Nieto hat sich der Wahlkampf zwischen den Parteien PRI und PAN in einen Wahlkampf zwischen Peña Nieto und López Obrador, Kandidat der moderaten linken Partei, verwandelt, wobei letzterer auf auf breite gesellschaftliche Unterstützung zählen kann.

Seit dem gibt es eine Veränderung der politischen Stimmung und der Machtverhältnisse im Land, ähnlich wie in anderen Ländern Lateinamerikas, in denen die Neoliberalen durch zivile Volksaufstände aus den Regierungsämtern enthoben wurden, die von Parteien, traditionellen und institutionellen Organisationen, sowie unabhängigen sozialen und zivilen Bewegungen ausgingen.

Es ist in Mexiko noch schwieriger als in anderen lateinamerikanischen Staaten, die Oligarchie und ihre Parteien allein durch Wahlen zu überwinden. Ein friedlicher, ziviler Volksaufstand ist ein unverzichtbarer Beitrag zum Wahlsieg einer nicht-oligarchischen Alternative.

Vor dem Durchbruch der Jugendlichen hatte López Obrador nur sehr wenige Möglichkeiten, den PRI-Kandidaten herauszufordern. Die durch die Medien und Meinungsforscher aufgebaute Maschinerie ist zu großen Teilen Dank der Bewegung M132 komplett in den Abgrund gesteuert, und mit ihr der PRI-Kandidat, was die multinationalen Konzerne und Reformtreiber, die die Plünderung des Landes vollziehen wollen, in echte Bedrängnis geführt hat. Die vorderste Front ihrer Armee in dieser Schlacht, die privaten Medien, sind eingeknickt.

Mit dem Zusammenbruch der medialen Verschwörung haben Peña Nieto und das alte PRI-PAN-Regime die Wahlen und damit auch die Möglichkeit, ihr Herrschaftssystem zu legitimieren, bereits verloren. Unter diesen neuen Umständen können sie weder die Legitimität noch die Legalität eines Wahlsieges rechtfertigen. Nachdem die virtuelle Überlegenheit von Peña Nieto zerstört wurde, ist die allgemeine Auffassung in der öffentlichen Meinung jetzt, dass der PRI-Kandidat nur noch durch Wahlbetrug und Staatsstreich Erfolg haben kann.

Das Tier ist in die Ecke getrieben, und hat deshalb zu einer bösartigen Gegenoffensive angesetzt. Die mediale Kampagne gegen die gesamte oppositionelle Bewegung schreitet voran. Der Einsatz von Gewalt und Einsatzkommandos gegen diejenigen, die eine Konfrontation mit Peña Nieto wagen, wird immer häufiger. Die Steuerung des Bildes in den Medien, um die große Anzahl an Teilnehmern zu verschweigen und die informelle Schieflage in Bezug auf die Demonstration am 10. Juni gegen Peña Nieto, die diese Proteste als eine Gedenkveranstaltung für das Studentenmassaker 1971 darzustellen versuchte, sind ein Beispiel für die Manipulation der medialen Berichterstattung, die sich vollzieht.

Doch der Gegner wird nicht nur verleugnet, dämonisiert, geschlagen und gespalten. In einem Angriff ist jedes Mittel recht, alles wird ausgenutzt, insbesondere die Schwächen des Gegners: von den Fehlern, dem Übermut und der Intoleranz von Javier Sicilia oder von López Obrador selbst, bis zu den anarchistischen und ultralinken Entgleisungen.

Hinzu kommt die Naivität und Arglist derer, die den Jugendlichen raten, sich auf die rein verfahrensrechtlichen Aspekte des Wahlvorganges zu beschränken, um den Kampf für Demokratie von seinen Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit und nationaler Souveränität zu entkoppeln, sowie von seinem antineoliberalen und tendenziell antikapitalistischen Charakter und seiner Ausrichtung gegen Peña Nieto. Dieser ist gerade der bedeutendste Repräsentant der Partei des Krieges, der Gewalt und des Staatsterrors. Er stellt die lebendige Inkarnation des Hauptfeindes dar: die Oligarchie und der US-amerikanische und spanische Imperialismus.

Die Bewegung M132 hat die Grenzen und die Zerbrechlichkeit der Videokratie aufgezeigt, und den fortschreitenden Prozess der Verwesung des oligarchischen Politik- und Wirtschaftssystems verdeutlicht: seine zutiefst repressiven diktatorischen Tendenzen, sein Unvermögen, das eigene Land unter Kontrolle zu halten, den ungleichen und unfairen Wahlkampf und die Manipulation der Berichterstattung. Wir befinden uns auf gewisse Weise wieder in den Jahren 1988, 1994 und 2006 und haben nun die Möglichkeit, die Oligarchie im Zuge des Wahlkampfes zu besiegen. So können wir die neoliberale Katastrophe und die neokoloniale Ausbeutung stoppen.

Angesichts von Wahlbetrug und Verrat: Können wir das rechte Diktat besiegen?

Es gibt keinen Raum für Illusionen, die "Besitzer von Mexiko" haben zwar eine wichtige Schlacht verloren, aber nicht den Krieg. Sie werden sich mit einer möglichen Wahlniederlage nicht zufrieden geben, sondern den Medienterror verstärken. Sie sind es gewohnt, zu siegen und die komplette Hoheit zu haben. Gleichzeitig betreiben sie jede Art von Wahlbetrug: gekaufte Stimmen, Transporte von gekauften Wählern zu den Wahlbüros, Urnenfüllung mit gefälschten Stimmzetteln, Verschwindenlassen von Wahlunterlagen, technische Fallen und der generelle Einsatz von staatlichen und selbsternannten Sicherheitskommandos.

Zwar geht es bei diesen Wahlen nicht um die wirtschaftliche Macht der mexikanischen Oligarchie und des ausländischen Kapitals oder deren politische Vorrechte, doch ihre Pläne zur Besetzung und Enteignung des Landes, die angesichts der weltweiten Rezession notwendig sind, um ihre Profite zu maximieren, sind in Gefahr, wenn sie im Zuge von zivilen Aufständen die Regierungsmacht verlieren. Dieser Vorgang findet schon jetzt statt. Da sie nicht dumm sind, investieren sie einen Großteil ihrer Mittel in das Ziel, ihre Feinde zu spalten, ihre Motive zu zerpflücken und ihre allgemeinen Forderungen untergehen zu lassen. Sie wollen die Proteste für ihren Wahlbetrug und die Auferlegung ihres Diktats missbrauchen.

In erster Linie belagert die mexikanische Oligarchie die dynamischste und am schwersten beherrschbare Bewegung M132, indem sie versucht, diese auf eine Studentenbewegung zu reduzieren und ihre Ausweitung zu einer Volksbewegung, einer mexikanischen Volksversammlung, zu verhindern. Wenn sie das erreichen, verringern sie gleichzeitig die Chancen von López Obrador. An zweiter Stelle üben sie Druck auf die von Obrador angeführte Bewegung aus, damit sie innerhalb der engen Rahmenbedingungen für die Wahlen bleibt, die die Rechte selbst verhängt hat. Und sie setzten darauf, dass die Basis der progressiven Koalition aus PRD, PT, MC und MORENA, die politische Praxis nicht übertritt, in der "die Massen" lediglich als Druckmittel ohne eigene Richtung, politische Autonomie oder Programmatik fungieren.

Wir müssen uns des Ausmaßes an Kraft bewusst sein, das wir benötigen, um den Wahlbetrug und das Diktat zum Scheitern zu bringen. Diese Aufgabe gleicht der des Absetzens und des Sturzes einer Regierung oder eines Präsidenten. Das Ausmaß an Mobilisierung und innerer Stärke muss ähnlich dem in Brasilien, Argentinien, Ecuador oder Bolivien sein. In Mexiko war das Problem nie die Größe der Bewegung, sondern ihre Ausrichtung. Doch der erste Schritt, nachdem der Anfang gemacht ist, muss immer das Wachsen der Teilnehmer und ihre Ausrichtung sein. Insbesondere, wenn wir wirklich eine friedliche und rechtmäßige Lösung suchen.

Die Frage, ob es möglich ist, durch friedliche Mittel das Diktat zu zerstören, gegen Regierung, mexikanische Oligarchie und imperialistische Kräfte, muss bejaht werden. Es ist machbar, das zeigen zahlreiche Beispiele aus anderen Ländern von 1979 bis heute Es ist möglich durch Volksaufstände, durch das Zusammenführen von vielen Akteuren aus unterschiedlichen sozialen und ideologischen Richtungen, die gemeinsam die Tyrannei zerschlagen wollen. Die Menschenmenge, die Masse und eine klare Ausrichtung, können die Maschinerie der repressiven Gewalt ausschalten.

Mit dem Entschluss zu friedlichem zivilen Widerstand wählt man nicht etwa Passivität oder die Abwesenheit von Stärke, Entschlossenheit und Organisation und noch viel weniger die Bestrebungen einzelner, allein über die in Angriff zu nehmenden Aktionen zu entscheiden. Es bedeutet jedoch auch nicht, den anarchistischen und ultralinken Tendenzen freie Zügel zu lassen. In unserem Fall, in dem es darum geht, einen erfahrenen, skrupellosen und mächtigen Feind zu zerschlagen, ist das Thema der Ausrichtung der Bewegung grundlegend, um auf friedlichem Wege einen Wechsel zu erzielen. Die Volksversammlungen, die demokratischen Debatten und die Achtung und die Kontrolle der Repräsentanten sind wesentlich, um die Angriffe von innen und außen zu bekämpfen und abzuwehren.

Wir müssen geistig wach und vorsichtig sein, ohne in Konservativismus zu verfallen, bei dem wir auf die Gewalt des Feind ebenso mit Gewalt antworten. Lasst uns auf der Hut sein, bereit bei Tagesanbruch, lasst uns die Organisation und ihren Zusammenhalt festigen, und durch eine große Beteiligung und eine feste Überzeugung den Sieg unseres Volkes ermöglichen.

Die Erfolge der einzelnen Bewegungen in diesem Prozess: Movimiento Progresista (Progressive Bewegung), M132, SME, Gewerkschaften SME, Bergarbeiter, Proclama por el rescate de la Nación (Aufruf zur Rettung des Staates) unter anderen, reichen nicht, um die notwendige Durchschlagkraft zu garantieren. Wenn auch jeder seinem eigenen Programm folgt, bedarf es nun des Zusammenführens der wichtigsten Standpunkte. Und mehr noch, auch wenn vom Wesen her mehrere Ausrichtungen existieren könnten, wie die zivilen, sozialen und parteilichen Bewegungen, bleibt das Wichtigste die Identitätsstiftung und Einberufung des ganzen Volkes. Es hat bis jetzt nicht gereicht, die Führung den politischen Partien zu überlassen, und es wird auch in Zukunft nicht ausreichen, um die Probleme der Ausrichtung und Organisation dieses Kampfes zu lösen; denn um Erfolgschancen zu haben, muss sich dieser Kampf von dem Streit um Gremien und dem Sektierertum lösen, die momentan unter den sozialen und zivilen Bewegungen herrschen.

Die Umstände sind jetzt reif für das Aufkommen neuer Akteure und für die den nötigen Wandel der traditionellen Akteure, um die Neoliberalen aus der Regierung abzulösen. Danach wird es Gelegenheit geben, um die genaue Richtung der Transformation und die Führungspersonen nochmal neu zu diskutieren.

Wenn uns die Geschichte einholt

Die Bewegung M132 ist kein Zufall, ebenso wenig wie die "Bewegung für einen Frieden mit Gerechtigkeit und Würde" und der Kampf gegen das rückschrittliche Arbeitsgesetz aus dem Jahr 2011 und weitere Initiativen. Sie zeigen den Trend in der mexikanischen Gesellschaft hin zu Volksaufständen angesichts der nationalen Krise; ein Trend, der sich verstärkt hat, trotz des Rücklaufs der sozialen Bewegungen nach der Wahlniederlage 2006. In diesem Sinne bricht M132 mehr als jede andere Bewegung mit der ständigen Defensive in Gremien und bei den Wahlen, nicht jedoch mit den ethischen und politischen Vorstellungen des allgemeinen Interesses und des "Gemeinwohls", die bei den Protesten der letzte Jahre ausschlaggebend waren. Genau deshalb hat sie jetzt die Möglichkeit, den Himmel im Sturm zu erobern, die stockende Geschichte voranzubringen und eine realistische Alternative für die Bewältigung der nationalen Krise aufzuzeigen, eine Chance, die die "Bewegung für den Frieden" verpasst hat. Wenn nicht die Bewegung M132, so werden es andere Initiativen und andere Formen des Protestes sein, in denen sich die Geschichte manifestiert, denn das mexikanische Volk ist nicht, wie manche glauben, masochistisch und hat seine Geschichte nicht vergessen.

Die Diskussion, ob die Bewegung M132 nur eine Mode ist, nur ein zorniger Protest der Studenten der Iberoamerikanischen Universität, oder auf strukturelle Gründe zurückzuführen ist, ist überflüssig, denn sie ging offensichtlich aus beidem hervor. Ihre strategische Projektion wird von der Durchschlagskraft und der Kohärenz ihres politischen und kulturellen Handelns und dem Grad der Überzeugung abhängen, die ihre täglichen Vorschläge und Aktionen erreichen.

Die organisierten Jugendlichen sind eine Folge von Ungerechtigkeit, der ständigen Krise der mexikanischen Wirtschaft, des nationalen Notstandes und dem sozialen Unmut, der in der Aussage "Wir haben die Schnauze voll" (Estamos hasta la madre) des Aktivisten Javier Sicilia zum Ausdruck kommt. Sie stehen für den langen Weg der Kämpfe des mexikanischen Volkes für Demokratie, soziale Gerechtigkeit und nationale Unabhängigkeit. Diese Forderungen sind unter den derzeitigen Umständen die einzige Art, um auf der Seite der Mehrheit für Freiheit und Sozialismus zu kämpfen. Die Bewegung M132 setzt die demokratischen Forderungen fort, die seit Ende der 50er Jahre durch Proteste der Eisenbahnführer, Lehrer, Telegrafisten und Ölarbeiter fest in der Geschichte des Landes verankert sind.

Aus diesem Grunde vereint sie das ganze Erbe der friedlichen und bewaffneten Widerstände, von Volk und Studenten, wie zum Beispiel in den Jahren 1968 und 1972.

Die Demokratie und die Achtung der formellen und vermeintlichen Verfassung sind seitdem der Antrieb für die Kämpfe des mexikanischen Volkes und der deutliche Beweis, dass die oligarchische Herrschaft, die auf Monopolkapitalismus beruht6, nicht mit den menschenwürdigen und nationalen Bestrebungen der Mexikaner und Mexikanerinnen vereinbar ist.

Dennoch bahnt sich in dieser Kontinuität ein Bruch an. Wenn sich die Repräsentanten der M132 in die Tradition von Magón, Villa und Zapata stellen, gehen sie einen Schritt weiter als die bisherigen Bewegungen, ob progressiv, anti-oligarchisch oder sozialistisch. Das platziert die Bewegung jenseits des progressiven Liberalismus auf eine Linie mit den Indigenenaufständen unter der Führung von Hidalgo, Morelos und Guerrero; eine Richtung, die heute von einigen Postkapitalismus genannt wird. Es stellt sie an die Seite der radikalen Strömungen, der Aufständischen, die über 500 Jahre lang die Geschichte Mexikos geprägt haben, des anderen Mexikos, des eigentlichen, des angeblich vergessenen. Schließlich stellt es sie in die Mitte derer, die auf den Grund, an die Wurzel der Probleme gehen wollen. Etwas anderes ist auch kaum denkbar, denn das Ausmaß des sozialen Elends drängt auf die Suche nach radikalen Lösungen, die ohne eine massive und zutiefst demokratische Beteiligung keinen nennenswerten Erfolg hätten. Die aktuelle Krise ist größer als die der Unabhängigkeit, Neuordnung und Revolution; sie hat keine Lösung, wenn wir nicht den Strick fester ziehen, wenn wir nicht kreativ sind, nicht erfinderisch. Die einfache Wiederholung der liberalen Rezepte oder der eurozentrischen sozialistischen und kommunistischen Dogmen wird uns in Sackgassen ohne Zukunft führen.

Zu wissen, was oder wer wir als Volk sind, ist der Ausgangspunkt eines neuen Bewusstseins; es erfassen, fühlen und verstehen, ist der nächste Schritt. Aus dem liberalen und bürgerlichen Eurozentrismus oder aus dem Dogmatismus der europäischen Sozialisten, kann man höchstens die kulturelle Prägung lernen, und auf welche Art sie unsere Identität beeinflusst. Übernehmen kann man sie nicht. Wir können den Ausweg nur dann finden, wenn wir den seit jeher Leidtragenden Vorrang geben: den Indigenen, den Arbeitern, den Jugendlichen und den Frauen. Einen anderen Weg zu Gerechtigkeit und Erneuerung gibt es nicht.

"Alles für alle, nicht für uns"

Es besteht kein Zweifel, die Bewegung M132 ist auch Teil einer neuen Welle an Protesten, die die ganze Welt erfasst, als Antwort auf die Krise des Kapitalismus, Kriege und autoritäre Regime. Wir sprechen von einer historischen Bewegung, die zwar von verschiedenen Standpunkten aus gegen den neoliberalen Kapitalismus kämpft, jedoch auf eine Vereinigung hinausläuft. Zukunftslosigkeit, Arbeitslosigkeit, prekäre Arbeitsbedingungen, die systematische Gewalt und die große Angst, die alles überschattet, sowie das willkürliche und unkontrollierte Vorgehen von multinationalen Konzernen und Regierungen sind auf unterschiedlich starke Weise an verschiedenen Stellen Grund für diese Bewegung.

In unserem Land jedoch, um nicht von ganz Lateinamerika zu sprechen, zeichnen sich eigene Züge und Hintergründe ab, wie etwa die vom Volk ausgehenden Vorgänge seit 1988. Das soll nicht etwas die Proteste der Empörten und die Occupy-Bewegung abwerten, sondern das besondere "Unseres Amerikas" (de nuestra América) herausstellen.

Auch wenn es überraschend erscheint, in dem "unerfahrenen" jugendlichen Ausbruch kommt eine Reife zum Vorschein, die vorher in derartigen Bewegungen nicht anzutreffen war. Das gilt sowohl für viele Repräsentanten der Bewegung als auch für ihre Basis. Die Debatten in den Vollversammlungen, die man über Twitter und andere soziale Netzwerke verfolgen kann, zeugen davon ebenso wie die öffentlichen Demonstrationen, wo sich in den Überzeugungen und Aktionen ein neues Selbstverständnis offenbart. In diesen Situationen hilft ein gewisser Grad an Anonymität, um die Selbstbewertung des Kollektivs und von Einzelpersonen durchzuführen.

Das Internet, die virtuelle Netzgemeinde, in der Millionen von Jugendlichen zu versinken schienen, ist jetzt gleich auf mit Vollversammlungen, dem "von Angesicht zu Angesicht" eines Plenums, mit den Demonstrationen auf den Straßen und endlosen Diskussionen. In dieser geordneten Unordnung, diesem neuen Kommunikationsmittel, ergeben sich einmalige Möglichkeiten der kollektiven Bewusstseinsbildung und der politischen Alphabetisierung, von denen Paulo Freire sprach. Die Vollversammlung behält in diesem System ihre zentrale Bezugsrolle. Sie ist der Ort der Beschlussfassung, des direkten Aufeinandertreffens aller Positionen und Leidenschaften, und wird als Referenzpunkt gelten, solange sie nicht zu einem Nebenschauplatz wird.

Wie auch in anderen Bewegungen sind in den Vollversammlungen nicht wirklich alle anwesend, dennoch können sie ausreichend repräsentativ sein, sodass sich dort alle Stimmen und Mehrheiten widerspiegeln.

Dieses neue demokratische System, das noch am Anfang steht, geht weiter als die Ideen der alten Sozialisten mit ihrem unidirektionalen Stil. Trotz einer hohen Autonomie und ständigen Verfügbarkeit durch den freien Zugang zu Informationen, sind Prozesse der Steuerung und Koordinierung und auch der Zentralisierung möglich. Dies ist nötig, um der Bewegung als Einheit Kontinuität zu geben und angesichts des Staatsterrors und der Neokolonialisierung unseres Landes, Probleme zu lösen, die der Feind gezielt streut.

Im Unterschied zu den aktuellsten Arbeiter- und Volksbewegungen, ist die Art, in der die Jugendlichen ihre Forderungen stellen, wenig an Gremien gebunden. Arbeit und Bildung sind in einer gemeinsamen Plattform untergebracht, wodurch es eher Parallelen zu den Studentenprotesten von 1968 gibt, bei denen die Forderungen nach Freiheit für die politischen Gefangenen, dem Auflösen von polizeilichen Einsatzkommandos und nach der Abschaffung von Verfassungsartikeln, die die Proteste als Verbrechen klassifizierten, im Zentrum standen. Bewusst oder unbewusst wissen die Jugendlichen, dass "ihre" Forderungen nur erreicht werden können, wenn die nationalen Probleme gelöst werden und die Verantwortlichen für diese Krise aus der Führung des Landes verdrängt werden. Ihre Aktionen laufen ohne falsche Zurückhaltung direkt darauf hinaus. Der Kampf für eine neue Regierung ist in vollem Gange.

Das "Alles für Alle und nichts für uns" von der Revolution 1910 und den Zapatistas lebt wieder auf, aber nicht als indoktrinierte Überzeugung, sondern als einzige Alternative, um diese historische Krise zu überwinden. Es geht ums Überleben, um ethische Grundlagen und Kohärenz. Deshalb wird der in Peña Nieto personifizierte Hauptfeind in den Mittelpunkt gestellt; deshalb nehmen die Jugendlichen an der Politik teil, beziehen Position für die "Partei" der Mehrheit, und bilden gleichzeitig eine Plattform, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Forderungen der Mehrheit aufgreift.

Obwohl der bislang zurückgelegte Weg kurz und die Formulierungen provisorisch sind, kommt in der Bewegung M132 ein Verständnis von Demokratie auf, das den Wahlkampf ganz und gar mit Verfahren und Vorstellungen der partizipativen Demokratie und dem, was wir jetzt als "die Macht des Volkes" kennen, gestalten will. Die Kontrolle der Repräsentanten, ihre Absetzbarkeit und die Vollversammlung werden mit den neuen Kommunikations- und Informationsmitteln verbunden. Doch dabei bleibt es nicht, die Grundlage dieser Vorgänge ist von einem starken Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit, nationale Unabhängigkeit und den notwendigen Wiederaufbau des sozio-ökologischen Gleichgewichts bestimmt. Eine neue Ethik scheint aufzukommen, die, auch wenn sie noch reifen muss, die Chance hat, einen Ausweg für die großen Widersprüche zu entwerfen, die der Kapitalismus zu einer so großen Kluft aufgeworfen hat, dass sie das Leben auf der Erde zu zerstören drohen.

Der Entschluss der Jugendlichen ist es, bewusst und wohl durchdacht an den Wahlen teilzunehmen. Sie richten sich gegen Peña Nieto. Es ist offensichtlich, was das für die Stimmabgabe und den Kampf gegen die aktuelle Regierungspartei bedeutet. Sie sind nicht unpolitisch, und nicht einmal parteilos; sie beziehen Position für die generellen Themen und scheuen sich nicht davor zu verdeutlichen, gegen welche Wahlalternative sie kämpfen. In dieser Situation, in der nur die beiden Kandidaten Peña Nieto und López Obrador zur Wahl stehen, bedeutet das Ablehnen des ersten Kandidaten einen mehrheitlichen Entschluss für den zweiten.

Anstatt eine Antipartei zu sein, stellen sie das Parteiensystem in Frage, das die politischen Organisationen in undemokratische Instanzen verwandelt und zu Handlangern der Parteifreunde gemacht hat. Die einzigen Ziele dieser Parteien sind Geld und Status. Sie verraten damit die Ideale der ersten Parteien, die im 19. Jahrhundert das Werk der Arbeiterklasse waren. Die Anhänger der Bewegung M132 weisen das ideologische Spiel der selbst ernannten Parteien und ihrer Führungen zurück, die versuchen, die gesellschaftliche "Mitte" für sich einzunehmen, eine Tarnung, hinter der dich die rechten Parteien, die mexikanische Oligarchie und das Imperium verbergen.

M132-Mitglied zu sein, ist eine vielleicht einmalige Chance, die beiden Seiten unseres sozialen Wesens auf kreative Weise zu verbinden: die nationale und die universelle; es ist die Chance, dem aktuellen Drama, der nationale Katastrophe, die universell ist, fest entschlossen und mit der ethischen Bestimmung entgegenzutreten, nicht aufzugeben, als Volk und als Spezies nicht unterzugehen. Die Bewegung M132 befindet sich noch in den Kinderschuhen. Wenn sie keimt und wächst, können sich in ihr die Empörten der Welt zusammenschließen, ohne dass sie sich anmaßen würde, andere zu belehren, aber auch ohne die Verpflichtung, andere nachzuahmen und so zu einer Modeerscheinung zu werden, die den Zusammenhalt und ihren gesunden Menschenverstand über die ethischen Grundsätze und politischen Aktionen verloren hat.

  • 1. Für Emilio Azcárraga Vidaurreta, Großvater von Azcárraga Jean, waren die elektronischen Medien ein "Geschäft mit Huren und Bastards", für seinen Enkel ist Televisa eine "Traumfabrik” , da "Erziehung keine Aufgabe der Medien ist”. Für weitere Informationen siehe das Buch "Los amos de México” von Jorge Zepeda Patterson, Edition Planeta, 2011, Mexiko, Seiten 246-247.
  • 2. Fazio, Carlos. "México ¿Hacia un nuevo Estado de excepción?" Juli 2007, Rede auf dem Forum der CNTE, Mexiko-Stadt. Fazio, Carlos. "La territorialidad de la dominación” erschienen in "La Jornada", in drei Artikeln ab dem 14. Mai 2012.
  • 3. Carrillo Olea, Jorge. "México En Riesgo”; Grijalbo, Mexiko 2011, Seiten. 12-15. Hernández, Anabel. "Los Señores Del Narco”. Grijalbo; Mexiko 2010, Seiten. 473, 475, 476. "La jornada". 8 de noviembre 2006, p. 1.
  • 4. Jalife-Rahme, Alfredo. "México, ¿Transfrontera de la guerra de cuarta generación? "La jornada" 25. Juni 2008.
  • 5. Anabel, Op. cit., Seiten 104-116.
  • 6. Über das Thema der mexikanischen Oligarchie und ihrer Beziehung zu Staat und transnationalem Kapital, hat Alonso Aguilar Monteverde eine große Anzahl an Büchern und Artikel verfasst. Herausragend ist das Werk "La burguesía, la oligarquía y el estado” herausgegeben von dem Verlag Nuestro Tiempo im Jahr 1974.
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