Filmrezension: "La buena vida - Das gute Leben"

Höchst mutiger, politischer Widerstand indigener Gemeinden gegen einen Multi wird zum Märchen von einvernehmlicher Umsiedlung verklärt

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Filmplakat: La buena vida - Das gute Leben
Filmplakat: La buena vida - Das gute Leben

Seit dem 14. Mai läuft der Dokumentarfilm "La buena vida – Das gute Leben" des Regisseurs Jens Schanze in den deutschen Kinos. In Kolumbien soll er 2016 anlaufen. Der Film porträtiert die indigene Gemeinde Tamaquito der Wayúu, die 2013 vom größten Steinkohletagebau-Projekt der Welt "El Cerrejón" von ihrem Gemeindeland vertrieben werden. Der Filmemacher begleitet den Prozess der Umsiedlung in neue, von der Bergbaufirma gestellte Häuser.

In beeindruckenden Bildern wird das Leben und die Geschichte dieser indigenen Gemeinschaft gezeigt und der Dimension des Bergwerkes drastisch gegenübergestellt.

Leider fehlt gänzlich die Kontextualisierung. Ein Mangel, der nicht nur die Brutalität der Regierung, der Streitkräfte, der Konzerne und der von ihnen angeheuerten Paramilitärs verschleiert, sondern auch eine Auslassung darstellt, welche die Wayúu als Opfer eines billigen Taschenspielertricks aussehen lässt. Da helfen auch die kurzen Einblendungen zu Beginn und Ende des Films nicht, in dem die Anzahl der vertriebenen Menschen und der Stromverbrauch der "Wohlhabenden" genannt werden. Nur nebenbei wird die Bedrohung der Aktivisten erwähnt, als Jairo Fuentes sagt, er habe Drohungen per Telefon bekommen, er wisse nicht von wem.

Der Film zeigt sehr anschaulich die neuen Strategien der transnationalen Unternehmen, trotz brutalster Bergbau- und damit verbundener Umsiedlungsprojekte eine "weiße Weste" zu behalten. So zeigt die Dokumentation, wie die Wayúu immer wieder unterzeichnen müssen, dass alles rechtens und unter Einhaltung der internationalen Abkommen stattfindet und das gesamte Vorgehen zwischen Konzern und Wayúu angeblich transparent kommuniziert wird. Dies ist allerdings nur vor dem Hintergrund zu verstehen, dass es eben für die Gemeinschaft keine Alternative gab.

Es werden keine Paramilitärs und kriminellen Banden thematisiert, die von den Konzernen zur Vertreibung angeheuert werden, sondern eine neue Strategie der organisierten Gewalt: der neuen Politik von Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos folgend werden unter implizitem Druck durch das Militär Vereinbarungen erpresst, bei denen weder die Konzerne noch die Politik sich die Hände schmutzig machen. Wenn die Menschen vor dem Hintergrund dieser Drohung freiwillig unterschreiben, haben sie später – wie im Film in den letzten Szenen deutlich wird – wenig Chancen, Gehör für die Anklagen wegen Verletzung ihrer Menschenrechte zu finden. Hätten die Wayúu nicht unterschrieben, wären sie wohl wie viele andere mit Gewalt vertrieben worden oder heute nicht mehr am Leben.

Tamaquito versucht, dem Konzern minimale Garantien für ihr Überleben abzuringen.

Im Film geht allerdings alles ganz friedlich zu: Soldaten kommen ins Dorf geschlendert und sind ausgesprochen höflich, als würden sie die Autorität der Wayúu akzeptieren. Die Mitarbeiter des Konzerns versprechen rührend, sich um das Wohlergehen der Gemeinschaft zu sorgen, sind aber später nicht einmal mehr telefonisch erreichbar. Das Problem, dass die Gemeinde nach der Umsiedlung in einer trostlosen, vertrockneten Gegend fast ohne Wasser lebt, der Vertragsbruch der Firma, das alles erscheint als Kollateralschaden.

Von den Hintergründen kommt  aber im Film nichts vor, sondern die Wayúu wirken wie schlechte Verhandlungspartner und Verlierer in einem Spiel. Der Konflikt erscheint so als lösbarer Schaden, denn eine bessere juristische Beratung und ein bisschen mehr soziale Verantwortung des Konzerns hätten das Problem gelöst. Die Auslassungen sind so drastisch, dass ein junger Kolumbianer nach einer Vorführung in Berlin zu Jens Schanze sagte: "Ihr seid zensiert worden, stimmts?"

Da der Kontext der Zwangsumsiedlung vollkommen fehlt, wird der Konflikt zwischen der Gemeinschaft und der Mine auf die Wasserknappheit als Problem reduziert. Es fehlt allerdings an grundlegender Kritik an Umsiedlungen zugunsten von Megaprojekten. Eine weitere problematische Auslassung des Films ist die Rolle des Staates, denn so bleibt das Fazit schlicht ein Appell an die Firmenselbstkontrolle, eine ethische Selbstverpflichtung der Unternehmen. Dass der Staat Kolumbien allerdings eigene Militäreinheiten zum Schutz und zur Durchsetzung der von der Regierung als "Bergbau-Lokomotive" bezeichneten Rohstoffförderung gegen die Bevölkerung unterhält, sogenannte Batalliones minero-energéticos, lässt ein ganz anderes Bild entstehen.

Dem angeblichen Wachstum und Fortschritt wird romantisiert das indigene, unberührte, naturnahe Leben gegenüber gestellt. Das entspricht der Realität und den Forderungen der indigenen Organisationen nicht im Geringsten. Das Land der Wayúu ist rechtlich anerkannter Besitz der Gemeinde. In der Durchsetzung des Bergbauprojekts "El Cerrejón" verstößt der kolumbianische Staat in Kooperation mit Firmen und Militär gegen nationales Recht.

Stereotype Bilder über Indigene werden recht eindimensional transportiert, was sich in vielen unerträglichen Filmbesprechungen widerspiegelt. In einigen wird die neokoloniale Figur des "edlen Wilden" bemüht, von Indios und Indianern ist die Rede, auf filmstarts.de heißt es: "Die Dorfbewohner müssen das naturbestimmte Leben im Wald aufgeben und in Zukunft lernen, wie sie mit Geld umgehen – der Kohlekonzern bietet Schulungen in Sachen Marktwirtschaft an". Für diese Ausfälle sind nicht die Filmemacher verantwortlich zu machen, es sollte sie aber animieren, Stellung zu beziehen.

Die Gegenüberstellung der Gewinner und Verlierer des Tagebaus bleibt an der moralisierenden Oberfläche: die Mitarbeiter des Cerrejón-Konzerns leben in einer eigenen Siedlung mit Einfamilienhäusern, Schwimmbädern und Golf-Anlage. Ein Schwenk nach Europa zeichnet eine ähnliche Aussage über ein grundlegendes Ungerechtigkeitsproblem: Die im Norden leben gut, die im Süden leben schlecht – aber nur, weil ein privater Konzern sich nicht an die Absprache gehalten hat – als wäre das globale Problem ein moralisches Problem und allein durch die Einhaltung der Vereinbarung lösbar.

Höchst mutiger und politischer Widerstand der Gemeinden gegen einen multinationalen Konzern wird zum Märchen von einer eingewilligten Umsiedlung verklärt. Keine Rede von den Zwangsumsiedlungen, die mit brutalster Härte von Paramilitärs und Militär durchgeführt werden. Der Film fällt weit hinter alles zurück, was an Information und Kampagnen gegen "Blutige Kohle" bekannt gemacht wurde.

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