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Kolumbien ‒ Genozid, nicht Natur

Die Kinder der Wayuú-Indigenen in Kolumbien sterben nicht primär an den Folgen von El Niño und des Klimawandels
In La Guajira sind von 2008 bis 2013 4112 Kinder an Unterernährung und verhinderbaren Kinderkrankheiten gestorben
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In La Guajira sind von 2008 bis 2013 4112 Kinder an Unterernährung und verhinderbaren Kinderkrankheiten gestorben
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Quelle: indyon.tv

La Guajira ist das nördlichste Departement Kolumbiens, am Atlantik gelegen. Dort leben rund 500.000 Menschen, vor allem Mitglieder des indigenen Wayuú-Volkes. Seit 2012 ist kein Regen mehr gefallen. Doch die Kinder der Wayuú in Kolumbien sterben nicht primär an den Folgen von El Niño und des Klimawandels.

Unlängst berichtete die kolumbianische Zeitung El Tiempo, dass in diesem Jahr nach offiziellen Angaben 53 Kinder an Unterernährung gestorben seien und 20 Minderjährige in Intensivstationen wegen seit Juli fehlender Medikamente für die Akutbehandlung von Unterernährung sterben können.

Seit Jahren ist solches Sterben in kolumbianischen Medien immer wieder präsent, manchmal in aufwühlenden Berichten, oft in der Vermittlung, wie tatkräftig die Behörden gerade das Problem am Lösen seien. So auch jetzt wieder. Ändern wird sich, wie Gonzalo Guillén kürzlich in einem auf Youtube veröffentlichten Interview in Red+Noticias sagte, nichts. Wahrscheinlich sei, dass der Völkermord an den Wayuú in 20 Jahren zur Vernichtung dieses Volks geführt haben werde, außer es würden drastische Maßnahmen ergriffen. Guillén hat den Dokumentarfilm "El río que se robaron" (Der Fluss, den sie stahlen) gedreht, der bei einer Anhörung vor der Menschenrechtskommission der Organisation Amerikanischer Staaten (CIDH) im vergangenen Jahr als Beweisstück diente. Das Verfahren hatten indigene Organisationen und das Consultorio Jurídico Jorge Tadeo Lozano der Universität von Bogotá angestrengt. Die CIDH ordnete damals Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung an, der kolumbianische Staat ignoriert diese jedoch.

Die Kolumbianische Pädiatrische Gesellschaft hat einen Artikel mit dem Titel "La Guajira no se muere de hambre, muere de abandono" (La Guajira stirbt nicht an Hunger, sondern an Vernachlässigung) veröffentlicht. Darin wird Matilde López, eine Anführerin der Wayuú, mit diesen Worten zitiert: "In La Guajira gibt es kein El-Niño-Phänomen. Dieses Kind (niño) ist schon alt. Seit vielen Jahren hat unser Volk Regenmangel ertragen. Tatsache ist, dass sie jetzt unsere wahren Probleme hinter der Dürre verstecken wollen, als ob unsere Gemeinschaft nicht seit Jahrzehnten hätte lernen müssen, mit wenigen Regentropfen zu überleben. Die Bevölkerung von La Guajira braucht keine Wassertüten. Sie braucht integrale Betreuung, Zugangsstraßen, Gesundheitsversorgung, öffentliche Dienstleistungen bei Strom und Trinkwasser, Ernährungsprogramme, Erziehung und nachhaltige produktive Projekte sowie Arbeitsplätze."

Der Bericht beleuchtet "die zunehmende Kindersterblichkeit (offiziellen Angaben zufolge sind im Departement von 2008 bis 2013 4112 Kinder an Unterernährung und verhinderbaren Kinderkrankheiten gestorben."

Korruption: Staatliche Gelder für die Erstellung von Wassertanks, Brunnenschächten, Mini-Aquädukten oder für Nothilfen sind "versickert". Kiko Gómez zum Beispiel wurde 2011 mit Unterstützung des Staatspräsidenten Juan Manuel Santos Gouverneur des Departements. Seit 2013 sitzt er wegen mehrerer Morde und Verbindungen zum Paramilitarismus im Gefängnis. Er hatte ein Noternährungsprogramm initiiert, in das Millionen staatlicher Dollars flossen, das aber kaum jemanden ernährte. Vor mehr als zwei Jahren fasste die Tageszeitung Semana Aussagen ebenfalls von Matilde López so zusammen: "Auf Basis ihrer Erfahrung sagt Matilde, dass es einfacher ist, Zementprodukte zu erstellen als einer Gemeinde gratis Wasser zu liefern. Denn im ersten Fall verdienen die Vertragsnehmer am Budget. Bei Wasser nicht." Deshalb stehen halb fertig gestellte Zementruinen herum, an denen Wahlplakate hängen.

Die Gemeinden leiden unter Wassermangel. 90 Prozent des Flusswassers, sagt Guillén, gehen an die Mafiafincas und El Cerrejón
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Quelle: indyon.tv

Die offiziellen Daten sind mit Bestimmtheit stark untertrieben. Im kolumbianischen Internetportal Las2orillas.co beschrieb die Journalistin Diana López Zuleta einen der Gründe dafür: "Die meisten Kinder, die sterben, haben es nicht bis in die Gesundheitszentren geschafft. Denn sie müssen enorme Distanzen durch die Wüste zurücklegen, da ihnen andere Transportmöglichkeiten fehlen. Deshalb ist mehr als die Hälfte der Kinder, die an Entkräftung sterben, nicht im Zivilstandsregister eingetragen. Und auch ihr Tod wird nicht festgehalten. Die Regierung verfügt folglich nicht über reale Zahlen."

Aber wenn es nicht das Klima ist, auch nicht bloß die Korruption, woran sind denn die jetzt offiziell über 5.000 Kinder der Wayuú gestorben? Es ist "einfach", brutal einfach. Seit Generationen haben die Wayuú Wasser aus dem einzigen Fluss in ihrer Gegend entnommen, dem Rio Ranchería. Es gibt ihn nicht mehr. Die Menschen und ihr Vieh (Rinder, Ziegen) können nicht mehr davon trinken, er dient nicht mehr zur Bewässerung von angepflanzter Nahrung. Es gibt den Río Ranchería nicht mehr, weil andere sein Wasser beanspruchen und deshalb einen Staudamm gebaut haben. Die "Anderen" sind die größte Tagebaumine der Welt, El Cerrejón, an der Glencore1 ein Drittel hält, und einige große Haciendas von Mafiosi, wie der Filmemacher Guillén immer wieder sagt, Großgrundbesitzer, die mit den Paramilitärs im Geschäft sind, wie auch Glencore (siehe dazu die Berichte von Multiwatch). 90 Prozent des Flusswassers, sagt Guillén im erwähnten Interview, gehen an die Mafiafincas und El Cerrejón.

Deshalb hatten die Kläger bei der CIDH verlangt, dass die Schleusen des Staudamms wieder geöffnet werden und dass Glencore & Co. auch kein Grundwasser mehr für El Cerrejón entnehmen dürfen. "Damit die Wayuú-Gemeinschaft prioritären Zugang zu Wasser habe, einem öffentlichen Gut, das heute in einem Stausee ist, zu dem die Indigenen keinen Zugang haben", so die Anwältin der Kläger, Sácica Moreno, Leiterin des Rechtshilfeinstituts der Uni Bogotá.

In Fortführung eines ursprünglich von Hugo Chávez mit dem kolumbianischen Ex-Präsidenten Álvaro Uribe vereinbarten und nur kurzfristig unterbrochenen Hilfsprogramms für die Wayuú liefert Venezuela in diesem Jahr pro Monat 80 Tonnen Lebensmittel zu günstigen Preisen in die kolumbianische Guajira.

Stell dir vor, die gestorbenen Kinder (und auch manche gestorbenen Erwachsene) wären Wayuú in Venezuela gewesen, nicht in Kolumbien. "Unsere" Medien global wüssten nicht, wie ihre unendliche Entrüstung auszudrücken. Doch da es sich bei den Toten um solche der für das transnationale Kapital so erfreulichen kolumbianischen "Boom-Ökonomie" handelt, werden sie vergessen. Sonst müsste sich womöglich Glencore-Boss Yvan Glasenberg als Massenmörder bestimmen lassen.

  • 1. Der Schweizer Konzern Glencore ist die weltweit größte im Rohstoffhandel tätige Unternehmensgruppe
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In La Guajira sind von 2008 bis 2013 4112 Kinder an Unterernährung und verhinderbaren Kinderkrankheiten gestorben
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Die Gemeinden leiden unter Wassermangel. 90 Prozent des Flusswassers, sagt Guillén, gehen an die Mafiafincas und El Cerrejón
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