Von Chile lernen

Die Protestbewegung in Chile hat eine Beispielfunktion, auch für die Linke in Deutschland. Denn der Wandel kommt nicht von Staats wegen, sondern von der Straße

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Die Menschen in Chile  gehen weiter auf die Straße. Sie fordern nicht nur die vollständige Reform der Verfassung, sie fordern auch soziale und ökologische Veränderungen
Die Menschen in Chile gehen weiter auf die Straße. Sie fordern nicht nur die vollständige Reform der Verfassung, sie fordern auch soziale und ökologische Veränderungen

In der deutschen Linken gibt es mal wieder Streit. Aktuell geht es um die Lebensweise. Vor allem in der Klimabewegung wird diskutiert: Ist der Lebensstandard in Deutschland auf andere Länder übertragbar? Und wenn nicht: Brauchen wir dann nicht Verzichtsdebatten? Nein, die brauchen wir nicht.

Lebensweisen ändern sich nämlich durch Phasen, in denen das Alltägliche zur Disposition steht. Sie ändern sich in Phasen gesellschaftlichen Umbruchs. Einen solchen Bruch mit dem Alltäglichen gab es im Oktober in Chile. Ein Land, das jahrelang dem Konsum frönte und in dem heute die meisten Privathaushalte hoch verschuldet sind.

Doch damit ist nun Schluss. Nicht nur die U-Bahnhöfe in der Hauptstadt Santiago brannten im Oktober. Auch Supermärkte und Shoppingmalls gingen in Flammen auf. Bewusstsein ändert sich nicht allmählich ‒ wie der italienische Kommunist Antonio Gramsci sagte ‒, sondern häufig in Sprüngen. Und mit einem derartigen Sprung waren plötzlich über eine Million Menschen auf den Straßen des lateinamerikanischen Landes, das kaum 18 Millionen Einwohner zählt.

Dass so viele Bürger gegen den rechtskonservativen Präsidenten Sebastián Piñera auf die Straße gingen, kommt nicht aus dem Nichts. Das Land leidet unter einer ökologischen und sozialen Krise. Chile ist eines der vom Klimawandel weltweit am stärksten betroffenen Länder. Zudem sind die Kosten für Wohnen, Gesundheit und Bildung extrem hoch, Löhne und Renten aber niedrig. Seit Mitte der 2000er Jahre demonstrieren Schüler, Studierende und Rentner massenhaft auf den Straßen. Das Ausmaß der Proteste war so groß, dass der Präsident binnen weniger Stunden das Militär mit Gewehren und Panzern auf die Straße schickte.

"Chile ist aufgewacht", heißt es seitdem in dem langgestreckten Andenland. Dieser Ruf ist auch im Dezember nicht verhallt. Präsident Piñera hat einiges zu verlieren. Er selbst ist mit dem privaten Kreditkartensystem reich geworden. Und nun steht in Chile der Neoliberalismus auf dem Spiel. Die schuldenfinanzierte konsumistische Lebensweise ist implodiert. Demonstrationen in den Einkaufszentren verhindern, dass die Einkaufseuphorie der Weihnachtszeit einsetzt. Chiles Handelsunternehmen stehen Kopf. Wallmart verklagt den chilenischen Staat auf Entschädigung.

Auch im Dezember gehen die Menschen weiter auf die Straße. Sie fordern nicht nur die vollständige Reform der Verfassung, die noch aus der chilenischen Diktatur stammt und den Neoliberalismus konstitutionell verankert. Sie fordern auch soziale und ökologische Veränderungen. So muss nicht nur der öffentliche Nahverkehr bezahlbar, sondern auch das privatisierte Wasser wieder ein öffentliches Gut werden. Chile ist ausgetrocknet, die Tiere verdursten, die Brunnen versiegen. Und anstatt den Bergbaufirmen, den Agrarkonzernen und Forstunternehmen ihr Wasser streitig zu machen, fordert der Präsident die Bevölkerung auf, kürzer zu duschen. Auch deshalb gehen die Menschen auf die Straße.

Wir müssen begreifen, dass nicht alle Menschen im Globalen Süden unserer Lebensweise hinterherrennen. Die Linke täte gut daran, sich in ihrer ökologischen Strategiefindung umzudrehen und wieder nach vorne zu schauen. Wir können von sozial-ökologischen Bewegungen wie der in Chile lernen. Nicht der Klimagipfel COP25, der dort dieses Jahr hätte stattfinden sollen, hat das südamerikanische Land mit seinen enormen Umweltzerstörungen umgekrempelt, sondern der Aufstand. Nicht von Staats wegen kam der Wandel, sondern von der Straße. Mitten in den Protesten sagte Piñera den Klimagipfel kurzerhand ab.

Deutschland wird der Klimawandel ebenso treffen. Schon jetzt gehen bei uns die Wälder kaputt. Die Automobilindustrie hat keine Zukunft. Die Bundesrepublik wird eine sozial-ökologische Krise erleben. Selbst wenn wir in absehbarer Zeit nicht mit chilenischen Verhältnissen rechnen können, steht dennoch fest, dass auch hier der Weg langfristig nicht anders sein kann. Lebensweisen ändern sich im Rahmen und in Folge von Protest und nicht andersherum. Die großen Klimademonstrationen waren ein guter Anfang. Auch in Deutschland muss es auf der Straße weitergehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Neues Deutschland am 18.Dezember 2019

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