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8. März: Manifest des Internationalen Frauenstreiks aus Lateinamerika

"Wenn euch unsere Leben nichts wert sind, dann produziert doch ohne uns", ist wieder das Motto des internationalen Streiks, der von Lateinamerika und der Karibik ausgeht
Banner zum internationalen Frauenstreik am 8. März aus Paraguay

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Quelle: pressenza.com

Am kommenden 8. März werden wir wieder die Welt aus den Angeln heben. Von den tiefsten Wurzeln unserer Territorien bis zu den Bürogebäuden, werden wir die Strukturen brechen, die uns fesseln. Wir streiken, wir erheben uns, Frauen, Lesben, Transvestiten und Trans verfolgen das gleiche Ziel und es führt kein Weg zurück. Auf die Feminisierung der Arbeit antworten wir: Feminisierung der Widerstände! und wir erobern die Straßen am Internationalen Frauenkampftag und Internationalen Streiktag der Arbeiterinnen. Wenn wir alle streiken, bewegt sich die Welt.

Die Arbeiterinnen: Indigene, Migrantinnen, Alte, Mädchen, Jugendliche, Zapatistinnen, feministische Guerilleras, Schwarze, Geflüchtete, Studierende, politische Gefangene, Kriminalisierte, Mütter, Frauen mit Behinderung, Hausfrauen, Hausangestellte, (Kranken-)Pflegerinnen, Sexarbeiterinnen, Rentnerinnen, Dozentinnen, Ärztinnen, Beamtinnen, Gewerkschafterinnen, Arbeiterinnen der informellen Wirtschaft, Kämpferinnen, Arbeitslose, Prekarisierte, Verschwundene, Künstlerinnen, Taxifahrerinnen, Klempnerinnen und eine nicht enden wollende Liste der unterschiedlichsten Frauen: Wir stehen auf von Alaska bis Patagonien.

"Wenn euch unsere Leben nichts wert sind, dann produziert doch ohne uns", ist wieder das Motto des internationalen Streiks, der von Lateinamerika und der Karibik ausgeht, wo der Schrei nach "Keine einzige mehr, Wir Wollen Uns Lebendig (Ni Una Menos, Vivas Nos Queremos)“ wie eine Explosion in allen Ecken Widerhall findet.

Wir stehen auf gegen alle Formen machistischer Gewalt und für unser Recht frei von dieser Gewalt zu leben.

Wir streiken für diejenigen, die nicht mehr da sind, weil sie Opfer des extremsten Ausdrucks der machistischen Gewalt geworden sind: den Femiziden. Allein im Jahr 2016 wurden 1.998 Morde in 17 Ländern Lateinamerikas und der Karibik registriert. In dieser Region werden täglich zwölf Frauen ermordet, allein aufgrund der Tatsache, dass sie Frauen sind.

Wir erheben uns, weil 14 der 25 Länder mit der höchsten Femizidrate in Lateinamerika und der Karibik liegen. Die Länder erstellen weder vollständige noch vertrauenswürdige Statistiken, die uns erlauben würden, den Umfang des Problems zu erfassen, aber wir wissen, dass die Zahl der Femizide steigt. Es gibt auch keine staatliche Politik, die sich ernsthaft, kreativ und mit neuen Ansätzen der Prävention und Intervention widmet; auch keine, die darüber nachdenkt, wie man in solchen Fällen handelt; wie man die Freundinnen unterstützen kann und die Gemeinschaft die auseinanderbricht, wenn ein Femizid an einer jungen Frau begangen wurde. In Argentinien gibt es alle 30 Stunden Eine Weniger (una menos) und die Femizide an jungen Frauen zwischen 16 und 20 Jahren haben sich vervierfacht, an Mädchen zwischen elf und 15 Jahren verdreifacht.

Wir streiken für die ermordeten Lesben und Transvestiten.

Wir erheben uns, denn in unserer Epik sind wir bereit der machistischen Herrschaft zu trotzen, denn wir werden keine Machtverhältnisse unterstützen, die Schmerz hervorruft.

Wir streiken für die, die verschwunden sind. Allein in Argentinien sind nach offiziellen Zahlen 3.228 Mädchen, Junge Frauen und Frauen vermisst. Die am stärksten betroffene Altersgruppe sind die 12 bis 18-jährigen. Wie viele von ihnen fehlen durch das Mitwirken der Polizei oder der Unterlassung anderer staatlicher Stellen? Sucht der Staat nach ihnen?

Wir erheben uns für die jungen Frauen, die nie zurück gekommen sind.

Wir streiken, weil die Opfer von Gewalt keinen Zugang zur Justiz haben und die Staaten keine Gelder für diese strukturelle Problematik zu Verfügung stellen und die die allgemeinen Menschenrechte verletzt.

Wir stehen auf für die an Abtreibung Gestorbenen und Verhafteten. 95 Prozent der Abtreibungen in Lateinamerika und der Karibik werden heimlich durchgeführt und sind unsicher. Schuld daran sind die restriktiven Gesetze, die den Abbruch ungewollter und sogar durch Vergewaltigung entstandener Schwangerschaften verbieten. Wir stehen auf für das Recht auf freien Schwangerschaftsabbruch und dafür, dass niemand zur Mutterschaft gezwungen wird.

Wir streiken für die politischen Gefangenen, die Verfolgten und die, die dafür ermordet wurden die Erde und ihre Rohstoffe gegen transnationale Unternehmen und ihre staatlichen Komplizen zu verteidigen.

Wir erheben uns, weil wir Räume einfordern, wo wir gehört werden und an Entscheidungen mitwirken können, die uns betreffen. Denn unsere Teilnahme innerhalb der traditionellen Strukturen von Politik, Gewerkschaften und Staat ist immer noch ein Wunschdenken. In Argentinien sind 18 Prozent der gewerkschaftlichen Ämter mit Frauen besetzt, davon sind 74 Prozent im Bereich Gleichstellung, Gender oder Soziale Dienstleistungen.

Wir streiken, weil eine von drei Frauen in der Region nicht selbst für ihr Einkommen sorgen kann. Der Durchschnitt der wöchentlichen Arbeitsstunden, die unbezahlt sind erreichen in der Region (Zahlen aus zehn Ländern) 13,72 Stunden bei den Männern und 39,13 Stunden bei den Frauen. In Argentinien arbeiten die Frauen sechs Stunden mehr im reproduktiven unbezahlten Bereich. Wir stehen auf, um die doppelte Arbeitsbelastung sichtbar zu machen.

Wir erheben uns, weil uns - Kindern, Menschen mit Behinderung, Alten, Frauenkollektiven, Lesben, Trans und Transvestiten - die Gehälter gekürzt werden, mit denen die neoliberalen Regierungen Schulden tilgen und Finanzspekulation betreiben.

Wir streiken, weil wir das Büffet einer Party sind, auf der wir nicht eingeladen sind und der unsere Gehälter, unsere Arbeitsrechte und Rentenansprüche nützen, weil die Armut unser Gesicht hat, groß wie das geschlechtsspezifische Lohngefälle von 23,5 Prozent in Argentinien; in den prekärsten Jobs steigt der Lohnunterschied sogar auf bis zu 35 Prozent.

Wir erheben uns um "SCHLUSS mit der wirtschaftlichen Gewalt" zu rufen.

Wir streiken, weil wir Frauen und Andersdenkende in den Medien unterrepräsentiert sind, in der Kunst, in der Musik, in der Literatur und das konstruiert eine machistische und unwirkliche Welt.

Wir streiken um unsere Erinnerung, die in unseren Identitäten niedergeschrieben ist, in unseren Existenzen, wiederzugewinnen; mit den Kämpfen und Schmerzen, die uns vorausgegangen sind.

Wir streiken, um unsere intimen und kollektiven Erinnerungen, unsere Sprachen und unsere Formen des Zusammenseins um eine Zukunft der Freiheit zu erobern.

Wir stehen auf, weil wir es können und wissen, wie es geht, wir streiken für unsere Leben. Alle frei, alle zusammen!

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