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Weiter hohe Anzahl ermordeter Aktivisten in Kolumbien

Auch Farc beklagen weiteres Todesopfer in Staatsgewahrsam. ELN-Guerilla sieht sich Vorwürfen ausgesetzt, Gewalt gegenüber indigener Bevölkerung auszuüben
Weiter Gewalt in Kolumbien

"Es gibt keinen Frieden": In Kolumbien beklagen soziale Organisationen, Indigene wie auch die ELN-Guerilla und die neue Farc-Partei weiterhin massive Gewalt

Bogotá. Gewalt und Morde gegen Anführer und Aktivisten sozialer Organisationen nehmen im Jahr 2017 noch immer nicht ab. Ein Abgleich der Zahlen mit den vergangenen Jahren widerlegt die Annahme, dass in Kolumbien ein wirklich gewaltfreier Frieden näher rückt. Auch die sich im Friedensprozess befindende ehemalige Guerilla und jetzige Partei Farc meldet einen weiteren Mordfall aus ihren Reihen. Außerdem gibt es Anschuldigungen einer indigenen Organisation aus dem Department Cauca gegen die Nationale Befreiungsarmee (ELN), Gewalt gegen sie auszuüben. Die ELN befindet sich ebenfalls in Friedensverhandlungen mit der Regierung, die erste bilaterale Waffenruhe beginnt am 1. Oktober.

Das Nachrichtenportal "Colombia Plural" hatte zu Beginn des Jahres damit begonnen, eine selbst geführte Datenbank anzulegen, in der Morde gegen soziale Aktivisten, die "Führungspositionen in Konfliktzonen" einnehmen, dokumentiert werden. Bis Mitte September stieg die Zahl bereits auf 66. Dies entspricht einem gewaltsamen Tod an jedem vierten Tag.

Bei einem Vergleich der Daten zwischen den ersten Halbjahren 2016 und 2017 lässt sich ein Anstieg um 31 Prozent feststellen. Diese Zahlen sind abgeglichen mit denen von "Somos Defensores". Diese Organisation hat für die ersten sechs Monate des laufenden Jahres außerdem bereits 335 Aggressionen gegen Personen gezählt, die sich für Menschenrechte in Kolumbien einsetzen. Gemäß "Colombia Plural" sind die Provinzen mit den meisten registrierten Morden das nördliche Cauca (14), gefolgt von Antioquia (8). Zusammengezählt ist die Pazifikregion mit den Provinzen Nariño, Chocó und Buenaventura mit elf Morden ebenfalls weiterhin sehr gewaltsam.

Auch die aus der Farc-Guerilla hervorgegangene Partei "Alternative Revolutionäre Kraft des Volkes" beklagt den weiteren Todesfall eines Mitglieds. Roberto Sepúlveda Muñoz alias "Arturo" saß seit neun Jahren in einem Gefängnis in Barne in der Provinz Boyaca und wartete dort auf seine Freilassung, die in Folge des Amnestiegesetzes im Zuge des Friedensvertrags zwischen Farc und Regierung schon hätte umgesetzt sein müssen. Er litt seit mehreren Jahren an einer chronischen Bronchitis und verstarb nun im Krankenhaus. Die Farc ließ über die Nachrichtenagentur NC Noticias verbreiten, dass der Gefangene nie angemessen medizinisch behandelt worden sei. Trotz mehrmaliger offizieller Anfragen der Organisation zu seiner Freilassung seit Erlass des Amnestiegesetzes kam keine Reaktion. Die Farc appelliert nun einmal mehr, die "wahren Umstände" politisch zu untersuchen, auch um den Friedensprozess in seiner Glaubwürdigkeit nicht ein weiteres Mal zu beschädigen. Auch solle die vereinbarte Freilassung von noch inhaftierten ehemaligen Guerilla-Mitgliedern wie vereinbart umgesetzt werden.

In den vergangenen Tagen gab es zudem Meldungen des Regionalen Rates der Indigenen in Cauca, wonach auch die ELN zuletzt wieder Gewalt gegenüber indigenen Aktivisten und Anführern ausübe. Demnach würden nicht nur paramilitärische Gruppen wie die AUC (Vereinigte Bürgerwehren Kolumbiens), sondern auch die ELN vermehrt in die sozialen und räumlichen Strukturen eindringen, die von den Farc mittlerweile aufgegeben wurden.

Die ELN widersprach diesen Anschuldigungen vehement indem sie erklärte, schon immer und nach wie vor auf Seiten sozialer Bewegungen zu stehen. Darüber hinaus streitet sie die Urheberschaft von Drohbriefen ab, die in der Region zirkulieren und der Bevölkerung Gewalt und "soziale Säuberung" androhen. Die ELN beschuldigt die Paramilitärs und äußert die Befürchtung, der laufende Prozess der Friedensverhandlungen mit der Regierung solle gefährdet werden, die im Februar dieses Jahres begonnen haben.

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