Kolumbien

Militär in Kolumbien foltert Kleinbauern an der Grenze zu Venezuela

Bericht einer Menschrechtskommission weist auf gravierende Misshandlungen durch das Militär hin. Zusätzlich tausende Vertreibungen aus Catatumbo

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Die Armee in Kolumbien behandelt Einheimische wie Staatsfeinde
Die Armee in Kolumbien behandelt Einheimische wie Staatsfeinde

Bogotá. Die Kommission für das Leben, die Versöhnung und den Frieden (Comisión por la Vida, la Reconciliación y la Paz) hat schwere Misshandlungen des Militärs an der Bevölkerung der Region Catatumbo an der Grenze zu Venezuela festgestellt. Praktiken wie das Schießen auf Einwohner, Drohungen und Drangsalierungen von Kleinbauern durch Soldaten sind Alltag in der Region geworden. Dies dokumentiert der jüngste Bericht der Menschrechtskommission. Auch Folterfälle zählen zu den zahlreichen Schikanen der Armee. Der Bericht hält fest: Nicht die Guerillagruppen sondern das Militär stellt zurzeit das größte Gewaltrisiko für die Bevölkerung in Catatumbo dar.

Das Schriftstück gibt Details der Misshandlungen der Armee wieder. Darin heißt es zum Beispiel, dass Angehörige der Sondereinheit Fudra 3 zwei jungen Landarbeitern einen Stoffbeutel über den Kopf gezogen und darauf Flüssigkeit gegossen haben, die die Augen brennen ließ. Anschließend sollen die beiden Männer an den Füßen aufgehängt worden sein. Soldaten drohten ihnen damit, ihre Nägel auszureißen und sie zu enthaupten. Schließlich hinterließen die Militärs die zwei Opfer an einen Baum gebunden. Zwei weiteren Jungen hat die Fudra 3 in einem anderen Landkreis die Beine und Füße gefesselt, sie geknebelt, um ihre Füße geschossen und ihnen heftig ins Gesicht geschlagen. Anschließend legten die Militärs ihnen eine Waffe in die Hände, damit sie losrennen und so ihre Hinrichtung rechtfertigen.

In mehreren Landkreisen des Catatumbo hat die Armee dem Bericht nach zudem willkürlich auf Einwohner geschossen, während sie ihre Feldarbeiten verrichteten. Dabei gab es keinen anderen bewaffneten Akteur in der Nähe und demzufolge kein Gefecht. Die Gemeinden vermuten, dass die Armee Scheinkämpfe inszenieren wollte. Die Menschenrechtskommission vermutet einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten des Militärs und den umstrittenen internen Anweisungen der Armee, die die Tür für illegale Hinrichtungen von Zivilisten wieder öffnet (Amerika21 berichtete). In Catatumbo hatte die Armee auch den Ex-Guerillero Dimar Torres ermordet und versucht, seine Leiche verschwinden zu lassen.

Weitere dokumentierte Einschüchterungsaktionen der Armee sind: gewaltsame Besetzungen von Ländereien der Catatumbo-Bewohner, Raubüberfälle auf ihre Fincas, Zerstörung ihrer Ernten und das Töten ihrer Tiere, Niederbrennen ihrer Häuser, illegale Festsetzung von Ausgangssperren, Festnahmen ohne richterliche Anordnung und Zugangssperren zu Wasserquellen.

Dass die Armee einen Ausnahmezustand ohne eine offizielle Anordnung errichtet hat, behindert die kommunale Organisation, die in Catatumbo eine starke Tradition hat. Das Militär drängt Einheimische dazu, Informationen über die Anführer der Nachbarschaftsausschüsse (Juntas de Acción Comunal) zu verraten, registriert und filmt ohne Genehmigung die Einwohner und hat Treffen von mehreren Menschen verboten. Zur Rechtfertigung heißt es, dass die Versammlung von mehr als fünf Personen die Zusammenkunft von Aufständischen bedeutet.

Der Bericht klagt ebenso über den Einsatz von vermummten Zivilisten bei Militärpatrouillen. In einer Finca soll die Armee Baumstämme mit dem Akronym AUC, dem ehemaligen paramilitärischen Dachverband der Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens, hinterlassen haben. Sehr beunruhigend finden die Gemeinden außerdem, dass sie per Facebook oder Whatsapp Nachrichten von Nutzern bekommen, die sich als Beamte von Sicherheitsdiensten vorstellen. Ihnen würde Geld geboten, damit sie sich demobilisieren und mit ihnen kooperieren.

Allein im Jahr 2018 sind über 13.000 Menschen aus Catatumbo vertrieben worden. Nach der Entwaffnung der Farc sind in die kokareiche Region Drogenbanden eingedrungen, die mit mexikanischen Kartellen zusammenarbeiten sollen. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der ELN-Guerilla, die seit Jahrzehnten dort präsent ist, diente der Regierung von Präsident Iván Duque im letzten Jahr als Anlass, die Fudra 3 mit 5.000 Militärs in diese Region zu entsenden. Im Dialog mit einer lokalen Gemeinde über ihre Beschwerden gegen die Armee sagte ein hochrangiger Militär: "Der Befehl ist, die Guerilla auszurotten und zu zerstören, egal wie".

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