Kolumbien / Militär

Armee in Kolumbien trainiert mit Folter

Militärs verkleiden sich bei Misshandlungen an ihren Mitstreitern als Guerilleros. Laut Akte steckt das Militär hinter dem paramilitärischen Todesschwadron "Schwarze Adler"

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"Wir mussten Trainingsteilnehmer foltern“, gesteht ein Soldat der kolumbianischen Armee
"Wir mussten Trainingsteilnehmer foltern“, gesteht ein Soldat der kolumbianischen Armee

Bogotá. Drei Wochen nachdem die New York Times einen Skandal wegen der Förderung von illegalen Hinrichtungen durch das Militär in Kolumbien ausgelöst hatte, enthüllte der linke Senator Gustavo Petro die Anwendung von Folter als Trainingsmethode in der Armee. Die Enthüllung basiert auf Soldatenaussagen und Videos, die innerhalb der Militärschulung "Versuchslabor zum Aufbau der Widerstandsfähigkeit" (Laboratorio Experimental de Resistencia, LER) heimlich aufgenommen wurden. Dort sieht man wie Armeeangehörige, die sich als ELN-Kämpfer ausgeben, andere Soldaten brutal schlagen und erniedrigen.

"Wir mussten Trainingsteilnehmer foltern", sagt ein Soldat in einem der Videos, die Petro bei Parlamentsdebatte am vergangenen Mittwoch gezeigt hat.

Ein anderer Militär erklärt den Trainingsverlauf: Auszubildende Offiziere und Unteroffiziere werden unbewaffnet im Dschungel zurückgelassen. Sie ahnen nicht, dass die Bewaffneten in ELN-Uniformen, die sie in ein Fake-Camp der Guerilla verschleppen, selbst Angehörige der Armee sind. Die LER-Schüler werden nun in Käfige gesteckt. Die als ELN verkleideten Soldaten holen sie lediglich heraus, um sie an Stangen zu hängen und mit geknoteten Seilen auszupeitschen. In den Videos werden Personen gezeigt, die sich am Boden liegend krümmen, verzweifelt schreien, während sie ausgepeitscht werden. Im Hintergrund werden alte Protestsongs der linken Aufstandsszene gespielt.

Die Mission der Folterer sei es, die Auszubildenden an ihre Grenze zu bringen, erklärt ein Soldat. Ein Hauptmann sei bereits bei einem solchen Training gestorben, prangerte Petro bei der Parlamentsdebatte an. Im Parlament wurde zum Thema illegale Hinrichtungen diskutiert, als der ehemalige Präsidentschaftskandidat die Videos zeigte. Bisher seien keine Ermittlungen aufgenommen worden.

Solche Trainingsmethoden seien die Antwort auf die Frage, wie ein Soldat dazu gebracht werden kann, einen unschuldigen Zivilisten zu ermorden, erklärte der linke Politiker weiter. Dies bezog sich auf die Debatte um die von der New York Times enthüllten neuen Richtlinien der Armee, die illegale Hinrichtungen von Zivilisten fördern. Die Militärpolitik sei nicht die einzige Erklärung, betonte Petro. Änderungen in der Psyche der Militärangehörigen spielen eine entscheidende Rolle und Schulungen wie die LER erzeugen potenzielle Mörder. "Ich habe die Angst verloren, Menschen zu misshandeln, zu erniedrigen, zu schlagen", bestätigt einer der interviewten Soldaten in einem Video.

Bei der Parlamentsdebatte hat Petro außerdem das Fragment eines Militärdokuments verlesen, in dem das Militär als Akteur hinter der paramilitärischen Gruppe "Schwarze Adler" (Águilas Negras) entlarvt wird. Darin wird ein Bataillon angewiesen, Pfade, Feldwege, Wohnstätten und Camps von Guerilla-Milizionären ausfindig zu machen. Anschließend steht dort als Auftrag: "Durchdringung der 'Schwarzen Adler' für künftige Operationen". Petro forderte die Staatsanwaltschaft auf, diesen Hinweisen nachzugehen.

Verteidigungsminister Guillermo Botero antwortete Petro bei der Parlamentsdebatte sehr allgemein, dass die Regierung von Iván Duque eine Sicherheitspolitik vorantreibe, in der Menschenrechtsverletzungen keinen Platz hätten und die sich am Schutz der Zivilbevölkerung ausrichte. Er habe vom Präsidenten den Befehl, jeden Militärangehörigen anzuzeigen, der "das Gesetz oder die Militäruniform befleckt". Der Oberkommandierende der Streitkräfte, General Luis Navarro, verteidigte die Trainingsmethode: Das Training der Soldaten "muss sehr hart sein", um die Realität des Kampfes so nah wie möglich zu erleben.

Auch der jüngste Sohn des Ex-Präsidenten Juan Manuel Santos, Esteban Santos, trat für die Armee ein. Er postete Fotos und ein Video von sich in den sozialen Netzwerken, als er das LER selbst absolvierte. "Das Training muss so hart sein, dass der Krieg wie Erholung wirkt", schrieb er darunter.

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