Zahl der Verletzten steigt bei Protesten in Chile weiter an

Eine neue Protestwoche hat begonnen. Motivation und Kreativität der Demonstrierenden lässt nicht nach, Polizei geht weiter mit Gewalt gegen sie vor

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"Recht in Frieden zu leben": In Chile geht es bei den Protesten mittlerweile auch um die Wahrung des Friedens im Land
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Santiago de Chile. Hunderttausende Menschen haben am Montag unter dem Motto "Super Lunes" (Super-Montag) in verschiedenen Städten Chiles erneut gegen die Regierung von Sebastián Piñera und die soziale Ungleichheit im Land protestiert. In der Hauptstadt Santiago hatten sich Studierende, Schüler, Lehrer, Krankenpfleger, Gewerkschaften und soziale Organisationen am zentralen Plaza Italia zusammengefunden. Auf der Hauptstraße Alameda bildete sich ein Protestmarsch, dessen Teilnehmer die Polizei jedoch immer wieder mit Tränengas und Wasserwerfern auseinandertrieb.

Eine Gruppe bestieg mit Kletterausrüstung die Außenwand des Kulturzentrums Gabriela Mistral, um ein mehrere Meter langes Spruchband aufzuhängen, auf dem stand: "Chile Despertó – A Repartir La Torta" (Chile ist aufgewacht – Lasst uns die Torte aufteilen). Die Stimmung beim Protest war unter den Teilnehmenden wie immer in den vergangenen Wochen feierlich und euphorisch, kreative Plakate, Tänzer und Musikgruppen prägten das Bild.

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"Piñera - lass die Überheblichkeit sein und hör' zu. Die Demokratie muss geachtet werden": Auch diese zwei Frauen demonstrieren kreativ für die Respektierung demokratischer Grundwerte
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Der Musiklehrer David Medina, der beim Protestmarsch gemeinsam mit einer Gruppe von Hunderten Musikern Saxophon spielte, sagte gegenüber amerika21: "Wir haben Musik gespielt und dann mussten wir vor dem Tränengas weglaufen. An einer Ecke haben wir angehalten, als zwei Polizeifahrzeuge an uns vorbeifuhren. Jemand hinter mir rief nach einem Arzt und dann sah ich einen Mann auf dem Boden voll mit Blut und einer riesigen Kopfwunde. Er war bewusstlos. Freiwillige Helfer haben ihn verarztet." Bei dem Mann handelt es sich um den 54-jährigen Jorge Trecanao, der von einem Polizeiwagen angefahren wurde. Er befindet sich mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus. Er ist nicht der einzige Protestierende, der gestern von der Polizei angefahren wurde. Der Internetfernsehsender Piensa Prensa TV berichtet von Camila Miranda, der von Polizisten in beide Beine geschossen und die anschließend verhaftet wurde.

Dem Nationalen Institut für Menschenrechte (INDH) zufolge gibt es bereits 1.659 Verletzte seit Beginn der Proteste. Patricio Acosta vom Roten Kreuz schätzt die Zahl jedoch noch viel höher ein, auf über 2.500. "Viele Verletzte gehen nicht ins Krankenhaus, weil sie Angst haben, festgenommen zu werden. Sie fallen aus der Statistik", sagte er im Radio Cooperativa. Bei jedem Protest werden außerdem Teilnehmende von der Polizei mit Gummigeschossen oder Tränengasgranaten verletzt, viele im Gesicht. 160 Menschen haben eine Augenverletzung erlitten, 23 sind offiziellen Zahlen zufolge bisher gestorben.

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"Der chilenische Staat demütigt, foltert, vergewaltigt, mordet"
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Anstatt von den verletzten Demonstrierenden zu berichten, zeigten fast alle Medien am Dienstag die Bilder von zwei Polizistinnen, die durch einen Molotow-Cocktail verletzt wurden. Diesen Vorfall nutzen viele Politiker, um die Proteste in Chile zu kriminalisieren. Präsident Sebastian Piñera rief am Dienstag dazu auf, gemeinsam gegen "Kriminalität, Vandalismus und Zerstörung" zu kämpfen.

Dabei sind es die Polizisten, die die Gewalt bei den Protesten verursachen und Menschenrechte verletzten. Das INDH hat innerhalb der letzten neun Jahre 319 Anzeigen gegen die Polizei wegen Folter und anderen Gewalttaten registriert. 145, also beinahe die Hälfte, passierten innerhalb der letzten 19 Tage.

Die Gewalt durch die Polizei wird jeden Tag extremer und die Wut der Demonstrierenden immer größer. "Asesinos" (Mörder) rufen die Menschen auf der Straße aus vollem Hals, wenn ein Polizeiwagen vorbeifährt. "Piñera, concha de tu madre, asesino, igual que Pinochet" (Piñera, du Arschloch, Mörder, genau wie Pinochet) war so auch einer der vielen Protestrufe, die am Montag am Plaza Italia skandiert wurden.

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