Armut in Lateinamerika auf niedrigstem Stand seit Aufzeichnung

Mexiko und Brasilien Vorreiter. Weiterhin bestehen massive Armut und Herausforderungen für soziale Gerechtigkeit

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José Manuel Salazar-Xirinachs, Exekutivsekretär der Cepal, bei der Vorstellung des aktuellen Ungleichheitsberichts
José Manuel Salazar-Xirinachs, Exekutivsekretär der Cepal, bei der Vorstellung des aktuellen Ungleichheitsberichts

Mexiko-Stadt. 25,5 Prozent der Bevölkerung Lateinamerikas (rund 162 Mio. Menschen) haben 2024 in Einkommensarmut gelebt, ein Rückgang zum Vorjahr von 2,2 Prozent. Dies ist der niedrigste Stand seit Beginn der Datenerhebung, wie aus einem Bericht der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (Cepal) vom 26. November hervorgeht.

Als einkommensarm gilt eine Person, die über nicht genug finanzielle Mittel verfügt, um sich einen Warenkorb mit grundlegenden Lebensmitteln, sonstigen Waren und Dienstleistungen leisten zu können.

Mexiko hat zusammen mit Brasilien den Ausschlag für die Armutsreduktion in der gesamten Region gegeben. Mexiko hat 60 Prozent zur gesamten Verringerung beigetragen, Brasilien 30 Prozent.

"In Mexiko sind von den drei Prozentpunkten Rückgang der Armut zwei Prozentpunkte auf eine Verbesserung der Löhne zurückzuführen, die weitgehend durch den starken Anstieg des Mindestlohns getrieben wurde, der zwischen 2018 und 2025 real um rund 135 Prozent stieg", erklärte José Manuel Salazar-Xirinachs, Exekutivsekretär der Cepal, bei der Präsentation des Berichts. Der signifikante Anstieg des Mindestlohns ist unter der linken Morena-Regierung erfolgt, die seit 2018 das Land regiert und die auch zahlreiche Sozialprogramme ausgebaut hat.

In derselben Studie hob die UN-Organisation mit Sitz in Santiago de Chile hervor, dass die mehrdimensionale Armut von 34,4 Prozent der Bevölkerung der Region im Jahr 2014 auf 20,9 Prozent im Jahr 2024 zurückgegangen sei. Bei der Messung der multidimensionalen Armut wird neben dem Einkommen geprüft, ob betroffene Personen Zugang zu grundlegenden Menschenrechten wie Gesundheit, Bildung und Wohnen hat.

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Mexiko ist das lateinamerikanische Land, in dem die Armut im letzten Jahrzehnt am stärksten zurückgedrängt werden konnte. Die Zahl der in Armut lebenden Mexikaner sank zwischen 2018 und 2024 laut Messungen des Nationalen Instituts für Statistik und Geografie (Inegi) um 13,4 Millionen.

Die Cepal betont jedoch, dass es trotz der Fortschritte immer noch große strukturelle Herausforderungen gebe. So verfügten die reichsten zehn Prozent in Lateinamerika über 34,2 Prozent des Einkommens, die ärmsten zehn Prozent nur über 1,7 Prozent. Die Situation in Mexiko sei weitgehend vergleichbar, wobei es große regionale Unterschiede gebe.

Die größte Disparität zwischen Arm und Reich weist Chiapas aus, der einzige Bundesstaat, in dem nach der mexikanischen Revolution aufgrund des Widerstands der Latifundisten keine Landreform durchgeführt werden konnte. 2024 lebten immer noch 27,1 Prozent der chiapanekischen Bevölkerung in extremer Armut, zwei von drei Bewohnern haben ein Einkommen unter der Armutslinie. Der Gini-Index von Chiapas liegt mit 47 Prozent näher bei Guatemala als beim nationalen mexikanischen Durchschnitt und dokumentiert die höchste Einkommensungleichheit des Landes.

Für 2025 prognostiziert Cepal einen leichten Rückgang der Armut "aufgrund der begrenzten regionalen Wachstumsaussichten". Einer der Gründe für das schwache Wirtschaftswachstum sind die erheblichen strukturellen Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen. In Mexiko verhindern der Mangel an Finanzmitteln und hohe Kreditkosten die Wachstumsfähigkeit dieses bedeutenden Wirtschaftssektors, konstatiert die Studie "Auf dem Weg zu einer neuen Finanzierung für KMU in Mexiko", die Cepal ebenfalls vergangene Woche veröffentlichte.

Auch in der Landwirtschaft ist der fehlende Zugang zu Krediten ein zentrales Thema, wie landesweite Proteste des mexikanischen Agrarsektors in den letzten Wochen zeigten. Die staatliche Kreditbank Banrural schloss 2003 ihre Tore, deren Nachfolgeinstitution Financiera Rural wurde 2023 vom damaligen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador aufgelöst. Seither hinkt die staatliche Finanzierung des ländlichen Sektors. Die Banken gewähren dem starken Klimarisiken ausgesetzten Sektor immer seltener Kredite, nur einer von zehn Bauern hat Zugang zu ihnen. Zudem sind diese Kredite teurer: Die öffentlichen Kreditinstitutionen verlangten Zinsen von maximal 14 Prozent pro Jahr, während bei den Banken dieser Prozentsatz bei mindestens 36 Prozent liegt, beklagten Bauernverbände.