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20.04.2018 Chile / Kultur / Menschenrechte / Politik

Ein Vermächtnis für die Erinnerung: Rayen Kvyehs Buch über die Prozesse in Chile gegen Mapuche

Die international bekannte Poetin, Dramaturgin und Mapuche-Aktivistin Rayen Kvyeh präsentiert ihr Buch über Gerichtsverfahren gegen Mapuche ab dem Jahr 2000
Die  Mapuche-Aktivistin Rayen Kvyeh aus Chile bei einer Lesung

Die Mapuche-Aktivistin Rayen Kvyeh aus Chile bei einer Lesung

Quelle: mapuexpress.org

"Dieses Buch ist ein schwieriges Buch, denn es ist ein politisches Buch", sagt Rayen Kvyeh "Zudem habe ich alles gemischt, was nicht gemischt wird: Dokumentation, Poesie, Dramaturgie; Mapudungun und Spanisch."

Rayen Kvyeh, deren Bücher im Ausland ausgezeichnet und in verschiedene Sprachen übersetzt wurden, findet in Chile wenig Beachtung. Fast ein Wunder ist es, dass sie ihr neustes Buch im elitären Haus des chilenischen Schriftstellervereins präsentiert hat, und dass zu dieser Veranstaltung Menschen kamen, die sonst keinen Fuß in dieses elegante Haus setzen würden. Seitens des chilenischen Staates hat sie bis anhin vor allem Beachtung im negativen Sinn: Kvyeh saß Jahre im Gefängnis. Der Grund? Für sie ist es ganz klar: Ihr Schreiben. "Die Poesie ist eine mit Zukunft geladene Waffe", zitiert sie Gabriel Celaya.

Wohl ist diese Nicht-Beachtung und Verurteilung Rayen Kvyehs in Chile auch der Grund dafür, dass die Poetin und Dramaturgin erst jetzt, Anfang April, ihr vergangenen September erschienenes Buch in der chilenischen Hauptstadt vorstellt – ihr Buch das sie bereits in Temuco und in verschiedenen Städten Europas präsentiert hat und dessen deutsche Übersetzung bereits vergriffen ist: Pazificación del Wallmapu. El Despojo en Manos del Estado en el Territorio Mapuche (Befriedung des Wallmapu. Die Enteignung in den Händen des Staates im Mapuche-Gebiet.)

Anti-Terrorgesetz gegen Mapuche ab 2001

Nach mehrjährigem Exil kehrte Rayen Kvyeh ins Wallmapu zurück, in das Ende 19. Jahrhundert von Chile während der sogenannten Befriedung (Pazificación) militärisch eroberte Mapuche-Gebiet. In den Jahren der sogenannten Demokratie aber sind die "Befriedungsversuche" im Wallmapu weiterhin von Gewalt und Diskriminierung geprägt. Seit dem Jahr 2001 wird das während der Diktatur eingeführte, aber in Zeiten der Demokratie abgeänderte und weiter geltende Antiterror-Gesetz in Chile speziell gegen Mapuche angewandt, was unter anderem Urteile aufgrund mangelhafter Beweislage und sehr harte Strafen mit sich bringt. Rayen Kvyeh besuchte während zehn Jahren Prozesse gegen Mapuche, die als Terroristen angeklagt waren. "Die Worte, die ihr in meinem Buch lest, sind ihre Worte. Ich wollte sie aufschreiben, die Erinnerung bewahren und sie meinem Volk als Erbe zurücklassen", so die Autorin.

1.800 Seiten umfassten ihre Notizen nach den zehn Jahren, während derer sie unzähligen Gerichtsverhandlungen beiwohnte. Noch vor der Herausgabe des ersten von mehreren geplanten Bänden zerstörte ein mysteriöser Brand ihr Haus. Einen Teil der handgeschriebenen Notizen wurden durch einen Plasikumschlag von Feuer und Wasser geschützt. Auf ihrer Basis erarbeitete Rayen Kvyeh den ersten von vier geplanten Bänden über die Gerichtsprozesse gegen die – so auch die internationale Wahrnehmung – in fragwürdiger Weise angeklagten und verurteilten Mapuche zu Zeiten der vermeintlichen Demokratie. Dieser erste Band behandelt den ersten Gerichtsprozess, in welchem das Antiterrorgesetz gegen Mapuche angewandt wurde.

"Schauen Sie mir ins Gesicht, mein Herr!" rezitiert Rayen Kvyeh die von ihr dokumentierten Worte des Angeklagten Lorenzo Marileo. Sie hat für die Buchvorstellung sein Zeugnis ausgewählt, da es aus zwei Gründen heraussticht. Erstens aufgrund des jungen Alters Marileos, der minderjährig angeklagt und so lange in einer Jugendanstalt festgehalten wurde, bis er mit 18 verurteilt werden konnte. In seiner Rede fragt sich Marileo, ob er wohl vor Gericht gebracht worden sei, weil er aus einer armen Familie stamme. Er sei angeklagt, Brandstiftung begangen zu haben, während er inhaftiert gewesen sei. Die Autorin fragt sich, ob er sich vielleicht in einen Vogel verwandeln, aus dem Gefängnis fliegen, mit seinem Flügelschlag einen Brand entfachen und dann freiwillig in die Gefangenschaft habe zurückkehren können. Die Justiz urteilt: Schuldig. Terrorist.

Unvereinbare Kontraste

Rayen Kvyeh ist eine politisch aktive Frau, sie kämpft für die Rechte der Mapuche und weiß unzählige Geschichten des Widerstands zu erzählen. Bei ihren Lesungen sammelt sie auch Unterschriften für den Machi Celestino Córdova, dessen Hungestreik für bessere Haftbedingungen bisher von den Behörden unbeachtet geblieben ist.

In ihrem Buch aber will sie, so erklärt sie, keine vorgefertigten Urteile präsentieren. Sie stellt Sprache, Verhalten und Lebensraum von Angeklagten und Richtern, von Mapuche und Repräsentanten des chilenischen Staates einander gegenüber: "Die LeserInnen können selbst ihre Schlussfolgerungen ziehen".

Rayen Kvyeh nimmt uns durch ihre unorthodoxe Schreibweise, ihr Mischen von Formen und Sprachen, die sonst nicht gemischt werden, mit an Orte, an denen die Kontraste unaushaltbar sind und ihr Aufeinanderprallen gewaltvoll: Die Neonröhren und der heilige Berg Ñelol im Nebel. Der zu Ende gehende Tag und der ewige Tag im künstlichen Licht. Der Wunsch der Mapuche, zu ihrer Erde zurückzukehren, das Gesetz der winka, der Nicht-Mapuche, das stärker ist. Rayen Kvyeh kontrastiert Welten, die bei ihrem Aufeinanderprallen – in Gerichtssälen, bei Hausdurchsuchungen, bei Personenkontrollen, bei Schießereien und Strassenblockaden, an Protestveranstaltungen – unvereinbar erscheinen. Können die Neonröhren auf Dauer stärker sein als der Ñelol?

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