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12.08.2016 Mexiko / Menschenrechte / Militär

Skandalfall Ayotzinapa: Militär in Mexiko kommt in Erklärungsnot

Handy eines der Opfer noch Monate aktiv. Protokolle des Mobilfunkanbieters weisen auf Militär- und Sicherheitsbehörden als Standorte hin
"Es ist nicht nur eine Nummer. Sie sind verschwundene Studenten"

"Es ist nicht nur eine Nummer. Sie sind verschwundene Studenten"

Quelle: facebook.com

Mexiko-Stadt. Im Fall der 43 verschwundenen Lehramtsstudenten aus Ayotzinapa im Süden von Mexiko hat eine Recherche investigativer Journalisten neue Details ans Tageslicht gebracht. Demnach sollen mit dem Handy eines der Opfer, Julio Cesar Mondragón Fontes, Monate nach seinem Tod Anrufe getätigt worden sein. Laut Francisco Cruz, Felix Santana und Miguel Angel Alvarado seien mit Mondragóns Mobiltelefon zwischen Oktober und Dezember 2014 noch Anrufe aus der Militärkaserne Nr. 1 – in der Nähe von Mexiko-Stadt – und aus dem Zentrum für Ermittlungen und Nationale Sicherheit (CISEN) – ebenfalls in Mexiko-Stadt – getätigt worden.

Mondragón, damals 19 Jahre alt, gehörte zu der Gruppe von Lehramtsstudenten aus dem südmexikanischen Ayotzinapa, die in der Nacht zum 27. September 2014 von Bundespolizisten in der Stadt Iguala, im Bundesstaat Guerrero, angegriffen wurden. Stunden später ist er auf der Straße tot aufgefunden worden. Seine Leiche wies Folterspuren auf. Ihm wurde die Haut von Gesicht abgezogen, das grauenhafte schockierte damals die mexikanische und internationale Öffentlichkeit.

Drei Journalisten – Francisco Cruz, Félix Santana y Miguel Ángel Alvarado – haben ihre Recherche zu dem Fall in einem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel "Der Krieg, der vor uns geheim gehalten wird" (La Guerra que nos ocultan) einfließen lassen. Anhand von Protokollen des Telekommunikationsanbieters Telcel konnten die ein- und ausgegangenen Anrufe des entsprechenden Mobiltelefons analysiert werden, das Mondragón in der Nacht der polizeilichen Angriffe bei sich trug.

Laut Telcel-Protokolle, war das Mobiltelefon bis April 2015 aktiv. In dieser Zeit fallen fünf Anrufe besonders auf. Am 17. Oktober 2014 wurde ein Anruf aus dem CISEN registriert. Am 23., 25. und 27. Oktober sowie am 1. Dezember 2014, registrierte Telcel weitere Anrufe, diesmal aus der Militärkaserne Nr. 1.

Die Journalisten hatten Zugang zu diesen Protokollen, die der Telekommunikationsanbieter "vertraulich" im Laufe der Ermittlungen an die Generalstaatsanwaltschaft (PGR) weiter gegeben hatte. Die drei Autoren gehen davon aus, dass die Militärs direkt mit dem Mord an Mondragón zu tun haben. "Außerdem haben sie sein Mobiltelefon aktiv gehalten, um die Kontakte von Julio Cesar auszuspionieren", so die Journalisten in ihrem Buch.

Auf die Verfolgung der Anrufe der Handys, der bis heute verschwundenen 43 Lehramtsstudenten hatte die Expertenkommission (GIEI) der Interamerikanischen Menschenrechtskommission mehrmals aufmerksam gemacht. Dieses Gremium hatte von Oktober 2014 bis zum Frühjahr 2016 in dem Fall ermittelt. Die GIEI forderte von der PGR, diese Anrufe gründlich zu verfolgen und entsprechend zu ermitteln. Die mexikanische Behörde hat dies bis heute nicht getan.

Das internationale Expertengremium beantragte auch mehrmals, das 27. Militärbataillon, das in der Nacht der Ereignisse im Einsatz gewesen war, zu befragen, um mehr über deren Rolle bei den Morden, Verschleppungen und Verschwindenlassen der jungen Männer zu erfahren. Dies hat die mexikanische Regierung ebenfalls abgelehnt.

Für Cruz, Santana und Alvarado ist der Fall von Julio Cesar Mondragón der Schlüssel, um die Beteiligung des Militärs in dem Fall Iguala zu klären. Sie sind der Überzeugung, dass Militärs bzw. Paramilitärs Mondragón gefoltert und getötet haben. Die Aktion seine verstümmelte Leiche auf der Straße liegen zu lassen, habe den Zweck gehabt, Angst unter den Studenten und Aktivisten zu verbreiten. "Es war eine Terror-Botschaft", so die Journalisten.

Laut aktuellen Informationen hat die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) Überwachungsverfahren für die mexikanische Regierung vorgelegt, um den Fall der 43 verschwundenen Lehramtsstudenten zu klären. Ein Beauftragter der CIDH soll in den nächsten sieben Monaten vier Mal das Land besuchen und Zugang zu den Ermittlungsakten und Zeugen gewährt werden. Dazu wird eine unabhängige Arbeitsgruppe gebildet, die die Empfehlungen der Expertenkommission (GIEI) umsetzt.

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