Sabotage oder Misswirtschaft? Venezuela kämpft mit Folgen von Stromausfall

Versorgung seit Donnerstag unterbrochen. Regierung spricht von Hackerangriff aus den USA. Opposition macht Präsident Maduro verantwortlich

Caracas. In Venezuela und auf internationaler Ebene dauert die Debatte über einen weitreichenden Stromausfall in dem südamerikanischen Land an. Während die Regierung von Präsident Nicolás Maduro einen Hackerangriff aus den USA als Ursache sieht, macht die Opposition um den selbsternannten Interimspräsidenten Juan Guaidó die Staatsführung verantwortlich. Sie habe die Infrastruktur des Landes verkommen lassen.

Nach dem fast totalen Blackout am Donnerstag versuchen die Behörden, die verschiedenen Landesteile nach und nach wieder ans Netz zu bringen. Betroffen von der Havarie war das Simón-Bolivar-Wasserkraftwerk im Teilstaat Bolívar am Guri-Staudamm. Auf 70 Prozent des Staatsgebietes fiel nach 17 Uhr der Strom aus, nur einige Staaten im Osten des Landes waren nicht betroffen. Bis Samstagmorgen war die Stromversorgung im Großteil von Caracas und in den Zentralstaaten Miranda, Aragua und Carabobo wieder hergestellt. Nach Angaben der venezolanischen Behörden fand zu diesem Zeitpunkt ein zweiter großer Ausfall infolge eines erneuten Cyberangriffs statt.

Seit Sonntagabend ist die elektrische Versorgung in den meisten Hauptstädten und in Teilen der westlichen Staaten Táchira und Barinas wiederhergestellt. Nach Berichten in sozialen Medien haben verschiedene andere Staaten, darunter Mérida und Zulia seit Donnerstag jedoch keinen Strom mehr.

Am Samstag sagte Präsident Maduro am Ende einer regierungsnahen Kundgebung, es habe ein großangelegter Angriff auf die elektrische Infrastruktur des Landes stattgefunden. Verantwortlich dafür seien Akteure in den USA, so Maduro. Der linksgerichtete Politiker kündigte an, dass in den betroffenen Regionen ab Montag Nahrungsmittel verteilt und Trinkwasser über Tankwagen zur Verfügung gestellt wird. Es gebe zudem Bemühungen zur Sicherstellung des normalen Betriebs von Krankenhäusern.

Am Freitag bereits hatte Kommunikationsminister Jorge Rodríguez gegenüber der Presse die These eines Cyberangriffs vertreten. Ziel sei das computergestützte Regulierungssystem "Ardas" des Guri-Staudamms gewesen. Dieser Angriff habe drei der fünf Generatoren gegolten und die Turbinen des Staudamms stillgelegt. Die Regierung werde Beweise für den Angriff der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen und anderen internationalen Gremien vorlegen.

Rodriguez wies die Behauptung der Opposition zurück, dass 79 Menschen an den Folgen des Stromausfalls in Krankenhäusern gestorben seien. Er gab aber selbst keine offizielle Zahl der Todesopfer bekannt. Die Nichtregierungsorganisation Doctors for Health meldete am Sonntagabend 21 Todesfälle, nachdem sie nach eigenen Angaben Krankenhäuser im ganzen Land kontaktiert hat. Teilweise kursierten im Internet und in regierungskritischen Medien weitaus höhere Zahlen.

Inmitten der Hauptverkehrszeit am Donnerstagnachmittag wirkte sich der Stromausfall umgehend auf die öffentlichen Verkehrsnetze aus. Die Metro- und Vorortszüge von Caracas standen still. Mirandas Lokalregierung mobilisierte Busse, um die Menschen nach Hause zu bringen. Viele waren dennoch gezwungen, von der Arbeit zu Fuß nach Hause zu gelangen. Das U-Bahn-System von Caracas ist weiterhin stark betroffen. Die venezolanische Regierung hatte am Montag und Dienstag arbeits- und schulfreie Tag angeordnet.

Die Stromausfälle führten in verschiedenen Städten zu Protesten. Oppositionelle Gruppen setzten Autoreifen oder Müll in Brand. Zum Wochenbeginn wurden nach Angaben des Amerika21-Partnerportals venezuelanalysis.com aber keine größeren Konfrontationen bekannt.

Die Stromversorgung Venezuelas ist in den letzten Jahren durch schlechte Wartung und Sabotage beeinträchtigt gewesen. Die Infrastruktur ist auch durch einen inzwischen erheblichen Investitionsstau betroffen. Die zunehmenden Wirtschaftssanktionen der USA haben die Lage verschärft. Darüber hinaus hat, wie die US-Tageszeitung New York Times berichtete, Kraftstoffmangel durch US-Sanktionen verhindert, dass thermische Kraftwerke die Stromproduktion am Guri-Staudamm unterstützen. New-York-Times-Reporter Anatoly Kurmanaev ging nach einem Besuch des Guri-Staudamms davon aus, dass die Stromversorgung in absehbarer Zeit nicht wieder hergestellt werden kann.

Der selbsternannte "Interimspräsident" Juan Guaidó kritisierte am Sonntag bei einer Pressekonferenz das Vorgehen der Regierung bei der Bewältigung der Stromkrise. Er forderte die Streitkräfte erneut auf, seine Bemühungen um einen Sturz der Regierung Maduro zu unterstützen.

Die oppositionell dominierte Nationalversammlung folgte am Montag dem Antrag Guaidós und erklärte den "nationalen Alarmzustand", eine Vorstufe zum nationalen Notstand. Die Erklärung der Nationalversammlung hat jedoch keine Konsequenzen, da Regierung, Justiz, Armee und Behörden der Regierung Maduros folgen.

"Alle Optionen liegen auf dem Tisch", sagte Guaido erneut vor Anhängern, die auf eine ausländische Intervention drängten. Er fügte hinzu, es werde in naher Zukunft weitere Proteste seiner Anhänger geben. Stunden zuvor hatte er getwittert, der Strom werde nach dem Ende der Regierung Maduros zurückkehren.

Vertreter der US-Regierung gaben der Regierung Maduro die Schuld an dem Blackout. Außenminister Mike Pompeo twitterte: "Kein Essen. Keine Medikamente. Jetzt, keine Energie. Als nächstes: Kein Maduro."

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