Noch keine Vakzine in Kolumbien, Zivilorganisationen fordern Impfungen sofort

Belegung von Intensivbetten fast am Limit. Wenig Klarheit über Anschaffung von Vakzinen. Hinweise auf mögliche Korruption in der Pandemie-Behörde

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Der Ombudsmann von Bogotá hat eine Belegung der Intensivbetten von 100 Prozent in der Hauptstadt angeprangert
Der Ombudsmann von Bogotá hat eine Belegung der Intensivbetten von 100 Prozent in der Hauptstadt angeprangert

Bogotá. Von den 13 Ländern mit den zahlreichsten Covid-19-Fällen weltweit ist Kolumbien das einzige, in dem es bis dato noch keinen Start der Impfungen gibt. Kolumbien gehört ebenso zu den 13 Ländern mit den meisten Corona-Todesfällen auf dem Planeten. Elf dieser Staaten, unter denen sich Brasilien, Mexiko und Argentinien befinden, haben eine Impfkampagne schon gestartet. Nur Kolumbien und Iran nicht. In dem Land hat es bisher zwei Millionen Corona-Infizierte und 50.000 Tote gegeben.

Angesichts der aktuellen Verschlimmerung der Corona-Krise in dem südamerikanischen Land fordern nun 230 Organisationen und 600 Persönlichkeiten in einem offenen Brief die Regierung von Iván Duque auf, mit den Impfungen schnellstens anzufangen. Laut offiziellen Zahlen haben Großstädte wie Medellín, Cali, Ibagué und Departamentos wie Antioquia, Tolima und Nariño eine über neunzigprozentige Belegung der Intensivbetten vor allem mit Covid-Patienten erreicht. Letzte Woche hatte der Ombudsmann von Bogotá über eine Belegung von 100 Prozent in der Hauptstadt alarmiert.

Die Unterzeichner:innen des Briefes verlangen eine "Quarantäne ohne Hunger". Es sei wichtig, zu Hause bleiben zu können, um die Übertragungsketten zu unterbrechen. Dafür fordern sie ein Grundeinkommen in Höhe des Mindestlohns für neun Millionen Haushalte, die "von der Verarmung, der Arbeitslosigkeit und der Verschuldung angeschlagen sind". Die Quarantäne solle aber ohne die "Militarisierung des Lebens" laufen. Während des Corona-Notstands ist die Polizeigewalt gegen die Zivilbevölkerung stark angestiegen.

Die Teilnehmer:innen des Aufrufs erklären sich "verwundert und besorgt", dass andere Länder schon vor Wochen mit den Impfungen angefangen haben, während es in Kolumbien keine Klarheit über die Kaufverträge, keinen Starttermin und kein Gesundheitssystem gebe, das einen fairen Zugang zu den Vakzinen garantiert.

Momentan ist es offen, wann die Regierung damit anfängt. Die offiziellen Mitteilungen darüber seien widersprüchlich und konfus, klagen viele Stimmen in der Öffentlichkeit. Anfang Dezember hatte Duque den Kauf von 40 Millionen Dosen angekündigt, die ab den ersten Jahreswochen verabreicht werden sollten. Am 12. Januar teilte er jedoch mit, dass die ersten Einkäufe erst in den folgenden Tagen abgeschlossen und die Impfungen ab Februar durchgeführt würden.

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Gesundheitsminister Fernando Ruiz sprach am Donnerstag von einer Million Dosen, die Pfizer im ersten Quartal dieses Jahres liefern würde. Laut der Panamerikanische Gesundheitsorganisation (PAHO) könnte Kolumbien eine noch nicht bestimmte Zahl im März durch die internationale Plattform Covax bekommen.

Progressive und linke Politiker:innen haben die Regierung dazu aufgefordert, die Vereinbarungen mit den Pharmakonzernen zu veröffentlichen. Duque verweigert dies. Grund dafür sei eine Schweigepflicht, zu der sich die Regierung bei den Firmen verpflichtet habe.

Inzwischen sind Hinweise auf Korruption bei der Covid-Abteilung der Nationalen Einheit zum Risikomanagement bei Katatrophen (UNGRD) ans Licht gekommen. Die Abteilung verwaltet das staatliche Budget für die Bewältigung der Pandemie. Der Leiter des Antikorruptionsinstituts, Camilo Enciso, hat über einen Auftrag der Covid-Abteilung über 18 Milliarden Pesos (circa 4,5 Millionen Euro) berichtet, der dubiose, kostspielige Ausgaben, wie "Kleinlaster mit mobilen Werbeflächen", für 60 Millionen Pesos oder "Lautsprecherdurchsagen" für 24 Millionen Pesos beinhalte.

Besorgniserregend findet Enciso ferner die Rolle des Generals im Ruhestand, Gustavo Rincón, als Rechtsberater der Covid-Abteilung. Der ultrarechte Rincón hat in der Vergangenheit Hassbriefe gegen die Sonderjustiz für den Frieden mit eklatanten Rechtsschreibfehlern und mangelhafter Grammatik geschrieben. "Man fragt sich mit Schrecken, ob die Überprüfung und Verhandlungen der Impfstoffkaufverträge mit den Multinationalen und ihren weltweit mächtigsten Anwaltsfirmen in den Händen des Generals sind", schreibt Enciso in einer Kolumne.

Der Korruptionsforscher bezweifelt außerdem, dass die Vergabe von Aufträgen der Covid-Abteilung in Millionenhöhe an mehrere frühere Mitarbeiter des Ex-Bürgermeisterkandidaten der Regierungspartei Centro Democrático (CD), Miguel Uribe, ein Zufall ist.

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