Armut in Argentinien steigt dramatisch

Höchster Stand seit 2006. Mehr als die Hälfte der Kinder gilt als arm, mehr als 15 Prozent leiden unter extremer Armut. Einbruch der Wirtschaft als Folge der Corona-Pandemie

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In den Villas in Buenos Aires nimmt die Armut in Folge der Corona-Pandemie stark zu
In den Villas in Buenos Aires nimmt die Armut in Folge der Corona-Pandemie stark zu

Buenos Aires. In Argentinien leben derzeit rund 42 Prozent der Bevölkerung in Armut. Mehr als zehn Prozent sind von extremer Armut betroffen. Diese Zahlen gehen aus dem kürzlich veröffentlichten Armutsbericht des staatlichen Statistikinstituts Indec für das zweite Halbjahr 2020 hervor.

Untersucht wurden landesweit 31 städtische Ballungsräume mit insgesamt knapp 29 Millionen Einwohnern. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung von rund 46 Millionen Menschen ergibt dies eine Gesamtzahl von mehr als 19 Millionen, die in Armut, und rund 4,5 Millionen, die in extremer Armut leben.

Damit wuchs die Zahl der Armen innerhalb eines Jahres um 7,5, jene der extrem Armen um 2,5 Prozentpunkte. Berechnungen des Zentrums für Studien zu Verteilung, Arbeit und Gesellschaft (Cedlas) zufolge handelt es sich dabei um die höchsten Werte seit dem Jahr 2006.

Besorgniserregend ist insbesondere die Situation von Kindern. Mit rund 58 Prozent gilt mehr als die Hälfte von ihnen als arm, mehr als 15 Prozent leiden unter extremer Armut. Zu den am stärksten betroffenen Regionen zählen die urbanen Ansiedlungen rund um die Bundeshauptstadt Buenos Aires sowie die nordöstlichen Provinzen, insbesondere der Chaco.

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Hauptursache für den starken Anstieg der Armutszahlen ist der Einbruch der Wirtschaft aufgrund der Corona-Pandemie und der zu ihrer Eindämmung ergriffenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Diese führten im Jahr 2020 zu einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um fast zehn Prozent. Verstärkend wirkt sich zudem die zuletzt wieder steigende Inflation aus. Sie betrug 2020 rund 36 Prozent.

Als Grundlage für die statistische Erhebung der Armutszahlen dienen dem Indec zwei unterschiedlich definierte Warenkörbe. Der Warenkorb an Grundnahrungsmittel (CBA) beinhaltet die notwendigen Produkte für eine ausreichende Ernährung. Haushalte, deren Einkommen unterhalb dieses Wertes liegen, gelten als extrem arm. Der Warenkorb zur Grundversorgung (CBT) beinhaltet zudem Produkte und Leistungen aus dem Bereich Gesundheit, Hygiene, Wohnen, Transport etc. Haushalte, deren Einkommen diesen Wert unterschreiten, gelten als arm. Der Preisanstieg beider Warenkörbe lag 2020 mit 39 Prozent (CBT) bzw. 45,5 Prozent (CBA) weit über der durchschnittlichen Jahresinflation. Hauptverantwortlich dafür dürfte der starke Anstieg der Nahrungsmittelpreise sein, der zuletzt auch vermehrt zu politischen Spannungen geführt hat (amerika21 berichtete).

Die Löhne hinken dagegen hinterher. Während der durchschnittliche Lohnanstieg 2020 im Privatsektor rund 34 Prozent betrug, erreichte er im Staatsdienst gar nur knappe 27 Prozent. Dazu kommt die verbreitete Arbeitslosigkeit. Sie betrug im zweiten Quartal 2020 mehr als 13 Prozent. Rund 3,7 Millionen Arbeitsplätze sind weggebrochen. Durch die schrittweise Aufhebung der coronabedingten Einschränkungen stieg die Zahl der Erwerbstätigen zwar langsam wieder, die offizielle Arbeitslosenrate lag gegen Ende 2020 dennoch bei elf Prozent. Nicht berücksichtigt sind dabei Millionen von prekär Selbstständigen im informellen Sektor, deren Erwerbsmöglichkeiten während der Ausgangsbeschränkungen teilweise völlig weggebrochen sind.

Diese Einkommensverluste konnten durch staatliche Zuschüsse, Sonderzahlungen und Sozialleistungen nur bedingt abgefedert werden. Der Journalist Raúl Delatorre weist zudem darauf hin, dass entsprechende Hilfsprogramme aufgrund der Verpflichtung des Staates zur Reduktion des Haushaltsdefizits derzeit sowohl in ihrem Umfang als auch in ihrer Reichweite gekürzt werden. Trotz der zu erwartenden Erholung der Wirtschaft ist daher vorerst nicht mit einer grundlegenden Verbesserung der Armutssituation in Argentinien zu rechnen.

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