Bogotá. Präsident Gustavo Petro hat die USA zur Freigabe geheimer Dokumente über den Einbruch des kolumbianischen Militärs in den Justizpalast im Jahr 1985 aufgefordert. Die Sicherheitskräfte waren damals eingedrungen, nachdem die ehemalige Guerilla M-19 den Justizpalast besetzt hatte. Es gab 94 Tote, zwölf Verschwundene und mehrere Folteropfer (amerika21 berichtete). Die Zivilgesellschaft fordert seit Jahrzehnten Aufklärung.
Mit der Besetzung wollte die Guerilla einen Prozess gegen Präsident Belisario Betancur wegen Verrats am nationalen Friedenswillens erreichen. Die M-19 warf Betancur vor, die getroffenen Vereinbarungen des Friedensabkommens aus den Jahren 1984 und 1985 nicht eingehalten zu haben. Als Reaktion auf die Besetzung des Gebäudes drangen noch am selben Tag Militärs in den Justizpalast ein.
Dabei wurden nicht nur Mitglieder der Guerilla getötet, sondern auch Richter, Besucher, Justizangestellte und das Personal der Cafeteria. Militär, Polizei und Sicherheitsdienste verschleppten, folterten und ließen Menschen verschwinden, so der Interamerikanische Gerichtshof, der den kolumbianischen Staat 2014 dafür verurteilte (amerika21 berichtete).
Einer der während der Bestzung des Justizpalastes ermordeten Richter war Carlos Horacio Urán. Seine Tochter Helena Urán Bidegain dankte Petro für sein Gesuch zur Öffnung der US-Archive: "Es ist ein Fenster, das er für die Wahrheit öffnet, damit Kolumbien endlich diese schändliche Episode unserer Geschichte aufarbeiten kann."
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Urán sprach kürzlich mit José Dorado Gaviria, einem ehemaligen langjährigen Mitarbeiter des Geheimdienstes. Dieser betonte in dem in der Revista Cambio veröffentlichten Interview, dass sich die USA immer wieder in den Konflikt eingemischt hätten. Zudem seien fast alle Geheimdienstmitarbeiter von US-Spezialisten ausgebildet worden.
Der kolumbianische Geheimdienst sei immer sehr strukturiert vorgegangen, so Dorado. Im Fall des Justizpalastes habe weder die Kontrolle des Justizpalastes noch die Schwächung der M-19 im Vordergrund gestanden. "Vielmehr wollten wir die Judikative zerstören", sagte der Ex-Geheimagent.
Dorado ist der Ansicht, dass die Öffnung der Archive zeigen könnte, dass Operationen wie der Militäreinsatz im Justizpalast, aber auch die Vernichtung der linken Partei Union Patriotica oder der M-19 der Logik der nordamerikanischen Politik entsprachen. Es wäre gut, wenn Kolumbien erfähren würde, inwieweit die USA an der blutigen Rückeroberung des Justizpalastes, aber auch an der Bekämpfung der UP und der M-19 sowie an den außergerichtlichen Hinrichtungen beteiligt waren, so Dorado.
Das Recht auf Wahrheit ist wichtig für die Opfer der Politik der jeweiligen Regierungen. In den letzten Jahren unter den Präsidenten Álvaro Uribe Vélez (2002-2010), Juan Manuel Santos (2010-2018) und Iván Duque (2018-2022) ist in dieser Hinsicht wenig geschehen. Laut Professor Muricio Jaramillo waren diese Regierungen darauf bedacht, unangenehme Wahrheiten zu verschleiern.


