Fußball-WM in Mexiko: Impressionen der Proteste

Zusammenstöße vor dem Stadion. Polizei stoppt viele Demozüge. Soziale Gruppen holen sich den Sport zurück

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Mit den Fußballspielen in den Straßen eignet sich die Bevölkerung den Sport wieder an
Mit den Fußballspielen in den Straßen eignet sich die Bevölkerung den Sport wieder an

Mexiko-Stadt. Die Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft der Männer hat vielen sozialen Gruppen eine Bühne für Proteste geboten. Laut den Behörden kam es in Mexiko-Stadt zu neun Demonstrationszügen, 26 Kundgebungen und zwei Fahrraddemos. Die Forderungen sind so divers wie die protestierenden Gruppierungen. Sie umfassen unter anderem höhere Löhne für Lehrkräfte, Maßnahmen gegen die Wasserknappheit und mehr staatliche Unterstützung bei der Suche nach gewaltsam Verschwundenen.

Das Ziel vieler Proteste war das Aztekenstadion, wo die mexikanische Nationalmannschaft am Donnerstag das Turnier mit einer Partie gegen Südafrika eröffnete. Ein Demonstrationszug aus Studierenden, Lehrkräften, Arbeiter:innen, Anti-WM-Gruppen und anderen Organisationen mit mehreren Tausend Personen formte sich auf dem Gelände der Hochschule UNAM und zog zum Stadion.

Dort lieferten sich einige Hundert Personen des Schwarzen Blocks eine Auseinandersetzung mit der Polizei. Steine und andere Wurfgeschosse zwangen die Sicherheitskräfte, sich vorübergehend auf das Gelände vor dem Stadion zurückzuziehen, im Gegenzug setzten sie Tränengas ein. Auf beiden Seiten wurden Menschen verletzt, mehrere Demonstrierende wurden festgenommen.

Die meisten Protestzüge kamen jedoch gar nicht erst bis zum Stadion. Die Polizei hatte das Gebiet weiträumig abgeriegelt und viele Demonstrierende abgefangen. Dazu zählte auch der Protest der Gewerkschaft der Lehrkräfte CNTE (amerika21 berichtete). Nachdem ihre Verhandlungen mit der Regierung über höhere Löhne und ein gerechteres Rentensystem ergebnislos blieben, rief sie ihre Mitglieder dazu auf, zum Eröffnungsspiel zu marschieren.

Ihr Zug wurde jedoch auf der Hauptverkehrsachse Calzada de Tlalpan von der Polizei gestoppt. Auseinandersetzungen wollte die Gewerkschaft vermeiden, um der Regierung keine Munition zu liefern, ihre Forderungen zu delegitimieren. Laut El Pais machte sich jedoch bald Ernüchterung breit: Wenn es an diesem Tag nicht gelingen sollte, der Regierung Zugeständnisse abzutrotzen, hätten sie dann überhaupt noch eine Chance?

Auch die "Madres buscadoras", eine der zahlreichen Gruppen, die nach gewaltsam verschwundenen Personen sucht, erreichte das Stadion nicht. Bereits am Vortag war ihr erster Anlauf gescheitert (amerika21 berichtete). Am Tag des Eröffnungsspiels wurden sie erneut daran gehindert, ihre Botschaft gegen das Verschweigen der Gewalt ins Zentrum der globalen Aufmerksamkeit zu tragen. "Sie versperren uns den Weg. Ich weiß, dass vielleicht Angst vor Provokateuren eine Rolle spielt, aber wir sind doch nur Mütter, Familien", erklärte Maria*, eine der Teilnehmerinnen, deren Tochter seit Oktober 2025 vermisst wird.

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Auch auf anderen Demonstrationen war die Gewalt im Land zentrales Thema. "Euch sind eure Spiele wichtiger als unsere Vermissten" hieß es etwa auf einer Kundgebung an der Kreuzung Iman-Gran Sur, keine drei Kilometer vom Aztekenstadion entfernt. Das Frida-Kahlo-Monument an der Kreuzung zierten Protestschilder: "Fifa Go Home" und "Keine Show im Narcostaat".

Die Stimmung auf dieser Kundgebung war dennoch gut. Auf der Straße wurdes sowohl Fußball als auch das prähispanische Ballspiel gespielt. Musikgruppen heizten die Menge mit Cumbia und Fandango an. Die Gentrifizierung war ein weiteres Thema der Proteste. "Die WM ist uns egal, wir wollen bezahlbaren Wohnraum", betonte Mina*, eine Studentin aus Mexiko-Stadt.

Zum Protest an dieser Kreuzung hatte das antifaschistische Bündnis der "Asamblea Anti Mundial" (Anti-WM-Versammlung) aufgerufen. In einem Kommunique erklärte das Bündnis: "Wir sind uns bewusst, dass die Weltmeisterschaft stattfinden wird, mit oder ohne uns". Sie rufe aber dazu auf, die negativen Seiten der Weltmeisterschaft aufzuzeigen: "die Elitisierung des Fußballs, [...] die Gentrifizierung und Touristifizierung sowie die Vertuschung von Gewalt und Völkermord". Außerdem lud sie dazu ein, "den Fußball als Motor des sozialen Wandels von unten zurückzugewinnen".

Zumindest Letzteres war offenbar ein Erfolg dieses Tages. Als im Stadion die WM angepfiffen wurde, kickten die Gegner:innen der FIFA schon seit Stunden auf den besetzten Straßen und Verkehrsknotenpunkten der Hauptstadt.

Die Namen der Demonstrierenden wurden für diese Meldung verändert.