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25.10.2017 Lateinamerika / USA / Militär / Politik

Die verdeckten Kriege des 21. Jahrhunderts

Die Logik der Kriege besteht nicht mehr darin, sie zu führen, damit eine Seite am Ende siegt, sondern um Gebiete in einer Kriegssituation zu halten
Einsatzkräfte der US-Special Operations Command (Socom) bei einem Manöver

Einsatzkräfte der US-Special Operations Command (Socom) bei einem Manöver

Lizenz: Public Domain

“Wir operieren und kämpfen an jedem Ort der Welt”

Raymond A. Thomas, US-Special Operations Command (Socom)1

Der endlose Krieg ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Das US-Verteidigungsministerium ist der Hauptarchitekt eines Szenariums vieler verschiedener Kriege: präventive; gegen den Terrorismus; gegen das organisierte Verbrechen; oder gegen angeblich autoritäre Regierungen. Dennoch besteht die Logik dieser Kriege nicht mehr darin, sie zu führen, damit eine Seite am Ende siegreich ist, sondern "um die Gebiete in einer Kriegssituation zu halten, weil dies bereits kein Mittel mehr, sondern Zweck ist" (Ceceña, 2014).

Der 11. September 2001 war ein Wendepunkt in der Art der Kriegsführung. Zu den konventionellen Kräften kam ein vermehrter Einsatz von Spezialtruppen hinzu. Zwar entstammt deren Ursprung dem Vietnamkrieg und der Schaffung des Kommandos für Spezialoperationen (Special Operations Command, Socom) im Jahr 1987, aber ihre Operationen wurden ab 2001 erweitert, um den gesamten Planeten unter verschiedensten Modalitäten, insbesondere des Krieges gegen den Terrorismus, zu erfassen. Die aufsehenerregendste Operation dieser Art von Militäreinheiten war die Ermordung von Osama Bin Laden in Pakistan im Jahre 2011 durch die Spezialeinheit Seal 6 ‒ eine der Elitetruppen des Gemeinsamen Kommandos für Sonderoperationen (JSOC) ‒ zu denen auch andere wie Army Delta, Rangers und Green Berets etc gehören.

Diese für den Einsatz zu Land, Luft und Wasser hoch trainierten Soldaten zeichnen sich durch ihren unterschwelligen Charakter aus: sie agieren in kleinen geheimen, verdeckten Gruppen, die mit oder mittels lokaler Militärkräfte und mit hohem Risikograd operieren (JCS, 2014: I-1). Zu ihren Aufgaben gehören nicht nur das direkte Agieren inmitten eines Konfliktes (mit Antiterrortaktiken, nicht konventioneller Kriegsführung oder Aufstandsbekämpfung), sondern auch verdeckte diplomatische Aktionen, Territorialaufklärung, die Ausbildung von Sicherheitskräften anderer Länder und die humanitäre Hilfe (JCS, 2014: II-3).

Der Aktionsrahmen dieser Einheiten überschreitet das militärische Protokoll und das internationale Recht, weshalb sie geeignet sind, in irreguläre und asymmetrische Kriege einzugreifen, das heißt bei Gelegenheiten, in denen sich staatliche und nichtstaatliche Akteure gegenüber stehen. Wenn es sich um ein verbündetes Land handelt, können die Spezialkräfte dessen Streitkräfte mit Trainingsmaßnahmen unterstützen, an Operationen der Aufstandsbekämpfung und Antiterroreinsätzen teilnehmen sowie Stabilisierungsmaßnahmen vorantreiben, um mit "Aufständen, Widerstandsbewegungen oder Terroristen" aufzuräumen. Wenn es um feindliche Länder geht, wird jedweder Aufstand oder Widerstand mit nicht konventionellen Kriegsoperationen unterstützt, um diesen Staat zu vernichten (JCS, 2014: II-2).

Diese Art von Militärkorps sind ein zentraler Teil der zu Beginn des Jahrhunderts entfesselten Kriege. Obwohl diese Einsatzkräfte nur zwei Prozent des Etats des Verteidigungsministeriums erhalten, sind diese Ausgaben im vergangenen Jahrzehnt rapide gestiegen. Zwischen September 2001 und 2014 haben sich die vom Socom erhaltenen Mittel mehr als verdreifacht (von drei auf 9,8 Milliarden US-Dollar) und das Gesamtpersonal erreichte im Jahr 2017 rund 70.000 Köpfe. Laut Socom operieren derzeit rund 8.000 Elitesoldaten in über 80 Ländern, wobei ihre Präsen in 70 Prozent der Länder der Welt festgestellt wurde, hauptsächlich in Nahost (Turse, 2017).

Spezialkräfte in Lateinamerika

In Lateinamerika breitet sich diese Tendenz vermittels dreier Mechanismen in beschleunigter Weise aus: durch direkte Ausweitung der Operationsgebiete der Spezialkräfte, durch Verstärkung der Ausbildung der lokalen Sicherheitskräfte und durch die Definition eines besonderen Feindes: die Drogenhändler und das organisierte Verbrechen2.

Im Unterschied zu den Ländern in Nahost war das Einfallstor der Spezialkräfte in Lateinamerika und der Karibik nicht der Terrorismus, sondern der Krieg gegen die Drogen. Einer der emblematischsten Fälle ist die Ermordung des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar, die unter Mitwirkung des sogenannten Suchblocks vollzogen wurde, bei der Elemente der JSOC und Personal des US-Auslandsgeheimdienstes CIA beteiligt waren. Bereits mit der Ingangsetzung des Plan Colombia führte die CIA ein verdecktes Programm durch, um die Rebellenführer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN) zu eliminieren, wobei zwischen 2007 und 2013 über 70 Mitglieder dieser Guerillaorganisationen ermordet wurden. Die verdeckten Operationen umfassten die Erbringung von nachrichtendienstlichen Leistungen in Echtzeit und GPS-gesteuerte intelligente Bombenpakete. Diese Art von Bomben wurde im März 2008 eingesetzt, als die kolumbianische Luftwaffe ein Lager der Farc in Sucumbíos im Grenzgebiet von Ecuador angriff (Priest, 2013).

Einer der weiteren Mechanismen, mit denen die Spezialkräfte über den gesamten Kontinent hinweg ausschwärmen, besteht in bilateralen oder regionalen Militärübungen. Drei vom US-Südkommandio organisierte regionale Manöver werden von den Eliteeinheiten der US-Armee angeführt: Fuerzas Comando, Fused Response und Panamax. Während des Wettkampfes der Eliteeinheiten und der Panamakanal-Patrouillen unter simulierten Szenarien vonTerrorattacken leisten die US-Spezialeinheiten ihren lateinamerikanischen Partnern Hilfestellung. Bemerkenswert ist, dass das kolumbianische Elitekommando bei acht der 13 Gelegenheiten, zu denen der Wettkampf der Fuerzas Comando bisher stattgefunden hat, gewonnen hat.

Die "Teilstreitkraftübergreifende, kombinierte Austauschausbildung" (Joint Combined Exchange Training, JCET) ist eine weitere Form der Durchführung von Operationen der Elitetruppen, um Gebiete kennen zu lernen sowie sich mit der Sprache und der Kultur anderer Länder vertraut zu machen. Bei diesen Übungen werden Fähigkeiten im städtischen Kampf, in Kommunikation, Informationsbeschaffung und Aufruhrkontrolle trainiert. In Lateinamerika und der Karibik haben sich diese Art von Manövern verdreifacht, obwohl der Militäretat, den die USA der Region zugewiesen haben, gesunken ist. Diese Austauschmaßnahmen haben praktisch mit allen Ländern des Kontinentes stattgefunden, wobei Honduras, das zwischen 2007 und 2014 21 JCET erlebt hat, sowie El Salvador und Kolumbien mit je 19 (Kinosian und Isacson, 2016) besonders hervorzuheben sind. Ihr Aktionsrahmen ist ungewiss. Im Jahr 2017 erhielt beispielsweise eine Gruppe von US-Spezialeinheiten die Genehmigung des Kongresses von Paraguay, mit Mannschaften, Ausrüstung und Munition ins Land zu kommen, um an einem gemeinsamen Manöver zum Training der paraguayischen Armee im Kampf gegen Terrorismus und Drogenhandel teilzunehmen.

JCET in Lateinamerika, 2007-2014

 

Land

Anzahl

Honduras  21
Kolumbien  19
El Salvador  19
Dominikanische Republik  18
Belize  16
Panama  15
Brasilien  13
Chile  11
Guyana  11
Peru  11
Jamaica   9
Trinidad und Tobago   9
Guatemala   8
andere Länder, darunter Paraguay, Surinam, Costa Rica, Nicaragua,Mexiko, Argentinien, Bahamas,Uruguay  31
Gesamt 211
Quelle: Kinosian und Isacson, 2016  

Die Rolle der Spezialeinheiten

Das Wachstum der Spezialeinsatzkräfte ist einer der Stützpfeiler der militaristischen US-Politik seit dem 11. September 2001. Die US-Armee kann umfangreiche und kostspielige Kriege führen und zugleich überall kleine Gruppen einsetzen, die chirurgische und tödliche Fähigkeiten haben. Dennoch sind das Erstarken von ISIS und der andauernde Kampf um Afghanistan ein Beweis dafür, dass die Spezialkräfte die Kriege nicht gewinnen, sondern ein fundamentaler Bestandteil der Erzeugung des endlosen Krieges sind. Inmitten der weit verbreiteten Gewalt, die Lateinamerika durchzieht, ist das Anwachsen der militärischen Spezialkräfte, seien sie national oder US-amerikanisch, eine Spur, die man weiter verfolgen muss.

Bibliografie

Ceceña, Ana Esther (2014), "Los golpes de espectro completo”, Reordenando el continente, Alai, Nummer 495, Mai 2014

Joint Chiefs of Staff (2014), Special Operations

Kinosian, Sarah und Adam Isacson (2016), "U.S. Special Operations in Latin America: Parallel Diplomacy?”, WOLA, 30. August 2016

Priest, Dana (2013), "Covert action in Colombia”, The Washington Post, 21. Dezember 2013

Turse, Nick (2017), "A Wide World of Winless War”, TomDispatch, 25. Juni 2017

Sandy E. Ramírez unterrichtet Wirtschaftswissenschaften und ist Mitglied des Lateinamerikanischen Beobachtungsinstitutes für Geopolitik an der Autonomen Universität von Mexiko

Der Artikel wurde zuerst in der Zeitschrift América Latina en Movimiento (Alai): Los territorios de la guerra am 11. September 2017 veröffentlicht.

  • 1. General Raymond A. Thomas, III, Socom-Oberkommandierender, Mai 2017 http://docs.house.gov/meetings/AS/AS26/20170502/105926/HHRG-115-AS26-Wstate-ThomasR-20170502.PDF
  • 2. Bei einer Anhörung vor dem „Committee on Armed Services“ des Repräsentantenhauses verwies General Raymond A. Thomas auf die fünf Bedrohungen, die beim Socom Priorität haben: extremistische Organisationen, Russland, Iran, Nordkorea und China. Thomas erwähnte, dass Spezialkräfte in Afghanistan, Syrien, dem Irak, im Jemen, in Somalia, Libyen, der Sahelzone, auf den Philippinen sowie in Mittel- und Südamerika aufgrund der Präsenz von Al Qaeda und des Islamischen Staates anwesend sind. Es keinerlei Beweise, dass es irgendeine dieser Gruppierungen in Lateinamerika gibt. Die Bedrohung durch "internationale kriminelle Netzwerke" wird jedoch derjenigen durch Organisationen gleichgesetzt, die als terroristisch bezeichnet werden
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