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Was Kolumbianer über den Frieden denken

Frieden zwischen Staat und Guerilla: Wie Kolumbianer unter dem Krieg, Ungerechtigkeit und Unsicherheit leiden
"Mein Vater wurde wegen des Kriegs zum Opfer des Verschwindenlassens. Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert. Frieden jetzt. Verschwundene nie wieder"

"Mein Vater wurde wegen des Kriegs zum Opfer des Verschwindenlassens. Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert. Frieden jetzt. Verschwundene nie wieder"

Nachdem eine knappe Mehrheit in Kolumbien den Friedensvertrag mit der Guerillaorganisation Farc in einem Plebiszit am 2. Oktober abgelehnt hat, befindet sich das südamerikanische Land in einem politischen Schwebezustand: Der Frieden mit den Rebellen ist vereinbart, die konservative Regierung von Präsident Juan Manuel Santos kann ihn derzeit aber nur schwer umsetzen. In Kolumbien und in der kubanischen Hauptstadt Havanna, wo seit Jahren zwischen Regierung und Farc verhandelt wird, läuft die Suche nach einem Ausweg aus der festgefahrenen Situation auf Hochtouren.

Die internationale Berichterstattung blendet derweil zahlreiche Facetten des Prozesses aus. Wiedergegeben werden oft nur die Positionen der Regierung, bisweilen auch der Farc. Die Rebellen werden dabei oft einseitig für den Konflikt und seine Folgen verantwortlich gemacht. Dabei ist die Realität vielschichtiger.

Bei amerika21 kommen Kolumbianerinnen und Kolumbianer zu Wort, die ihre Ängste und Hoffnungen angesichts des labilen Friedensprozesses schildern. Dieser Artikel ist auch entstanden, weil in Deutschland lebende Kolumbianerinnen und Kolumbianer amerika21 um eine solche Dokumentation gebeten hatten, nachdem bei dem Online-Magazin Spiegel Online eine ähnliche Serie erschienen ist, die, wie einige unserer Leserinnen und Leser meinten, ein einseitiges Meinungsbild lieferte.

Die folgenden Aussagen wurden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von amerika21 in Kolumbien und Deutschland aufgezeichnet. Wegen der teilweise regierungskritischen Positionen sind die meisten Interviewten anonymisiert.

Jheysson Salas, 25

Mein Name ist Jheysson Salas, ich studiere an der Freien Universität Berlin und lebe seit 2008 in Europa. Ich stamme aus dem einfachen Stadtteil "Rafael Uribe Uribe" im Süden von Bogotá. Ich bin absolut für den Frieden und das Abkommen zwischen den Farc und der Regierung.

Jheysson Salas, 25, Student und Aktivist der Friedensbewegung

Quelle: Privat

Seit um die Friedensabkommen verhandelt wird, habe ich mich in verschiedenen sozialen und politischen Gruppen engagiert, um mich eingehender mit dem Friedensprozess zu befassen, Erfahrungen mit interessierten Personen auszutauschen und um die Inhalte der Abkommen zu verbreiten und sie zu verteidigen. Ich denke, dass die historische Situation, die Kolumbien gerade erlebt, viel Verantwortungsgefühl braucht, ebenso wie eine gemeinsame Anstrengung, um ein Ende des bewaffneten Konfliktes und des Kampfes der Farc und der ELN zu erreichen.

Ich glaube auch, dass dieses Friedensabkommen, in dem die Opfer des Konfliktes eine zentrale Rolle spielen, eine einmalige Chance ist, um Wege hin zu Gerechtigkeit, einem sozialen Wandel und der Versöhnung zwischen allem Kolumbianerinnen und Kolumbianern zu ebnen. Ich vertrete den Standpunkt, dass wir uns den Frieden zueigen machen müssen, uns vor ihn stellen und ihn verteidigen müssen. Der Frieden gehört weder (Präsident Juan Manuel) Santos noch den Farc, er ist ein Recht aller Kolumbianer – und der Frieden ist eine historische Schuld gegenüber allen Opfern dieses Konfliktes.

Von Berlin aus werden wir weiterhin unseren bescheidenen Teil zum Frieden in Kolumbien beizutragen versuchen. Wir haben dabei die unerschütterliche Hoffnung, eine Zukunft mit sozialer Gerechtigkeit und Frieden für alle Kolumbianer zu erreichen.

Mary Linares*, 30

Ich heiße Mary Linares, bin 30 Jahre alt und Psychologin. Zurzeit arbeite ich in einer Organisation der Zivilgesellschaft, wo ich psychosoziale Arbeit mit Familienangehörigen von Verschwundenen leiste.

Ich begleite sowohl Personen individuell, als auch Familien und ganze Gemeinschaften. Das Ziel meiner Arbeit ist, die psychischen Folgen des bewaffneten Konflikts zu lindern und die Integrität der Opfer zu stärken, indem sie ihre Würde zurück erlangen und ihre Identität festigen. Denn die Familienangehörigen sehen sich selbst nicht nur als Opfer, sondern als Verteidiger der Menschenrechte.

Mary Linares*, 30, Psychologin

Quelle: amerika21

Diese Arbeit mache ich, weil es wichtig ist, unsere Stimmen für einen Frieden spürbar zu machen. Da wir seit vielen Jahren in einen Krieg involviert sind, der zahllose Wunden und Spuren in der Psyche und im Leben der Kolumbianer hinterlassen hat, ist es so wichtig, dass wir jungen Menschen mit unserem Können zu einer besseren Zukunft beitragen.

Deswegen habe ich am 2. Oktober 2016 "Ja" gewählt, das Abkommen zum Ende des Konflikts zwischen Regierung und Farc akzeptiert. Obwohl mir bewusst ist, dass die Abkommen nicht perfekt sind. Aber sie öffnen eine Tür für neue Räume der Mitsprache und für die Konstruktion eines besseren Landes.

Trotz allem glaube ich, dass sich für einen wirklichen Frieden die aktuelle Politik ändern muss, im Hinblick auf Bildung, Gesundheitsversorgung, Schaffung von Wohnraum, Ökonomie und vieles andere. Ein solcher Wandel erfordert unsere Teilnahme und das wir die Verantwortung nicht in den Händen weniger lassen. Dann erschaffen wir vielleicht einen Frieden mit sozialer Gerechtigkeit.

Lydia Cáceres*, 45

Ich bin Bauernaktivistin seit 32 Jahren und arbeite mit der Bauernbewegung in Guaviare und im Süden von Meta. Ich komme aus Arauca, aber aktuell wohne ich in Bogotá, weil ich Delegierte beim Kleinbauernbündnis "Cumbre Agraria, Campesina, Étnica y Popular" bin.

Im Ringen um das Leben, den Frieden und die Freiheit meines Landes, habe ich mehrmals Situationen erlebt, in denen Menschenrechte verletzt wurden. Das erste Mal geschah dies, als ich 17 war. Da war ich im dritten Monat schwanger und wurde festgenommen und in die 9. Armeebrigade Kolumbiens im Departamento Huila gebracht. Dort wurde ich brutal gefoltert. Das war eine sehr schwierige Situation für mich.

Lydia Cáceres*, 45, Anwältin, Agrarwissenschaftlerin, Bauernaktivistin

Quelle: Silvia Oviedo / amerika21

Später, im Jahr 2004, wurde ich festgenommen und unberechtigterweise für 13 lange Monate ins Gefängnis gesteckt. Ich wurde eines Verbrechens beschuldigt, das ich nicht begangen hatte. Am Ende wurde ich freigesprochen, weil sie keine Beweise hatten. Nachdem ich frei war, musste ich für sieben Jahre ins Exil gehen, wegen der Drohungen der Paramilitärs und grundsätzlich wegen der Verfolgung, die Álvaro Uribe gegen die Menschenrechtler in den Regionen landesweit in Gang gesetzt hatte, in meinem Fall im Departamento Arauca.

Am 2. Oktober habe ich für das "Ja" gestimmt. Das tat ich, um den Konflikt zu beenden, um mit dem Aufbau eines wirklichen, stabilen und nachhaltigen Friedens anzufangen. Wir in der Bauernbewegung haben uns einstimmig entschieden, das Havanna-Abkommen zu verteidigen, weil die meisten Sachen, die da vereinbart wurden, grundsätzlich für die Kleinbauernschaft sind, nicht für die Farc. Deshalb werden wir nicht zulassen, dass sie darin etwas ändern.

Das Abkommen ist sehr wichtig für uns, besonders Punkt eins zur integralen Landreform und Punkt vier zum Anbau von Koka und Schlafmohn. Diese Punkte sind genaugenommen unsere Vorschläge, die wir in der indigenen, afrokolumbianischen und Bauernbewegung erstellt und auf verschiedenen Wegen nach Havanna kommen ließen. Deshalb werden wir es nicht zulassen, dass sie uns das Abkommen ändern und der Krieg in Kolumbien wieder ausgelöst wird.

Das Abkommen ist der Anfang zum Aufbau des Friedens und zur Erweiterung der Demokratie in Kolumbien. Man muss das Havanna-Abkommen verteidigen und es sollte sofort umgesetzt werden, weil es das ist, was das Land braucht, um auf den Weg zu einem stabilen und nachhaltigen Frieden aufzubrechen.

Alicia Garzón*, 78

Mein ganzes Leben bin ich eine Kämpferin gewesen. Ich halte mich für jung, weil ich mit Freude für mein Land und mein Viertel arbeite. Das tue ich mit meinen Kindern, Enkelkindern und den neuen Generationen, die unsere Erfolge geerbt haben. Ich habe mich dafür engagiert, meine Familie großzuziehen, mich zu bilden und am politischen und sozialen Leben meiner Stadt teilzunehmen. Das führte mich dazu, das Viertel Policarpa Salavarrieta mitzugründen, ein Ringen, das wir im Jahr 1961 begonnen haben.

Alicia Garzón*, 78, Mitgründerin des Viertels Policarpa Salavarrieta in Bogotá

Quelle: Silvia Oviedo / amerika21

Ich bin Opfer des kolumbianischen Staats und fühle mich sehr verletzt, weil wir, Staatsopfer, in diesem Prozess verschwunden sind, wir existieren nicht mehr. Ich bin Opfer seit dem Tod von Gaitán, als ich erst ein Kind war. Seitdem habe ich alle Gewaltperioden erlebt, ich habe ständig darunter gelitten, ich bin angegriffen und wegen meines Einsatzes für das Viertel Policarpa verfolgt worden.

Ich bin wegen meiner Arbeit für die Gemeinschaft bedroht und diffamiert worden. Mein Haus wurde durchsucht, mindestens vier Male, weil die Sicherheitskräfte beweisen wollten, dass ich bei der Subversion engagiert war, dass ich subversive Propaganda hatte, dass unser Viertel illegal war, weil es subversiv war. Sie zerstörten alles, was wir hatten, sie misshandelten uns, aber sie konnten nie etwas beweisen, weil ihre Anschuldigungen nicht wahr waren. Wir haben für das Recht auf ein würdiges Leben auf legalen Wegen gekämpft. Trotz der Angriffe haben sie nie etwas gefunden, das nicht Material zur politischen Bildung war, das wir als Jugendliche brauchten, um unseren Kampf um das Recht auf ein Dach über dem Kopf voranzutreiben.

Ich habe für das "Ja" gestimmt, für den Traum, dass der Frieden durch das Abkommen von Havanna erreicht wird, weil wir glauben, dass er dank der Begleitung durch Weltorganisationen solide ist und auch, weil darin die Generale der Streitkräfte miteingebunden werden.

Ich glaube an das Abkommen. Wir wissen, dass es nicht vollständig ist, dass darin viele Sachen fehlen, aber das ist ein Anfang. Mein Traum war, dass die darin enthaltene Agrarpolitik gestartet werden könnte und jene Regionen erreicht, wo heute Kinder vor Hunger sterben, vom Staat verlassen.

Wir, die Gemeinschaft des Viertels Policarpa Salavarrieta fordern, dass das Abkommen von Havanna umgesetzt wird, dass es respektiert wird und komplett erhalten bleibt, damit es wirklich gültig wird.

* Die mit Sternchen markierten Namen sind Pseudonymen zum Schutz der interviewten Personen

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Kommentare

Frieden in Kolumbien ?

Ich bin Deutscher und lebe seit 10 Jahren in Komumbien.
Der Ausgang des Votums hat mich eigentlich nicht überrascht, weil die Bevölkerung über die einheimischen Medien über die Jahre hinweg indoktriniert worden ist und die, die der Konflikt direkt betrifft im Verhältnis zu denen, die der Konflikt eigentlich gar nicht tangiert, nur schwer ihre Stimme, speziell in den ländlichen Gebieten abgeben können.
Dennoch halte ich den Ausgang für gut. Nicht etwa, weil ich nicht für den Frieden wäre, als vielmehr, weil ich die Folgen für die FARC-Kämpfer fürchte,, solange der Staats das eigentliche Problem Kolumbiens, die Paramilitärs, nicht angehen möchte.
So einen Frieden gab es schon einmal, in den 80er Jahren und die, die sich politisch engagieren wollten, sind überwiegend ermordet worden. Man spricht von fast 4000 Toten dieser "Friedenszeit". Ich weiß nicht, ob die Zahl stimmt, aber selbst ein Toter wäre bereits ein Scheitern der Regoerung gewesen, die solche Morde nicht verhindert hat.
Deswegen glaube ich, dass durch das Votum ein weiteres Massaker an den FARC Aktivisten verhindert worden ist, die in den Bergen derzeit sicher sind und solange beide Seiten die Waffen ruhen lassen, können es nur noch Paramilitärs sein, die kämpfen.
FARC Kämpfer könnten sich in kleinen Schritten wieder in die Zivilgesellschaft integrieren ... klar, gäbe es kein Übergangsgeld, aber das Leben würde für sie sicher sein.
Und dass eine sozialistisch linke Partei in diesem Land jemals eine Chance hätte, würde bedeuten, dass ein anderes Volk vorhanden wäre. Das scheint mir ein utopischer Traum.
Daher halte ich den Ausgang des Votums für gut, ja sogar für das Beste für Kolumbien, denn es bleibt das Drohpotential der FARC vorhanden, auch um der "freien Entfaltung" der Militarisierung in Kolumbien etwas entgegen zu setzen, was sonst zu einem gegenteiligen Disaster führen könnte.

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"Mein Vater wurde wegen des Kriegs zum Opfer des Verschwindenlassens. Ich will nicht, dass dir dasselbe passiert. Frieden jetzt. Verschwundene nie wieder"
Jheysson Salas, 25, Student und Aktivist der Friedensbewegung
Mary Linares*, 30, Psychologin
Lydia Cáceres*, 45, Anwältin, Agrarwissenschaftlerin, Bauernaktivistin
Alicia Garzón*, 78, Mitgründerin des Viertels Policarpa Salavarrieta in Bogotá

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