Die Brüder Castaño in der Geschichte der kolumbianischen Paramilitärs

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Carlos Castaño war der Oberkommandierende der AUC
Carlos Castaño war der Oberkommandierende der AUC

Der jahrzehntelange bewaffnete Konflikt in Kolumbien hat in vielen Familien seine Spuren hinterlassen. Laut offiziellen Zahlen sind 220.000 Zivilist:innen in den letzten sechs Jahrzehnten dabei gestorben. Mindestens 96.000 davon sollen die Paramilitärs getötet haben, 39.000 die Guerillas.

Der Paramilitarismus ist in Kolumbien eine historische Realität mit einer langen Geschichte. In der Zeit von "La Violencia" (Die Gewalt) – von 1948 bis etwa 1958 – organisierten Großgrundbesitzer der Konservativen Partei private Armeen, die "Pájaros" (Vögel) genannt wurden.1 Ihre Aufgabe war, gegen rebellische Bauern mit äußerster Brutalität vorzugehen.2 Mit dem Aufkommen des Kalten Kriegs und dem Sieg der kubanischen Revolution 1959 begünstigten auch die USA im Rahmen einer Strategie der Aufstandsbekämpfung die Entstehung paramilitärischer Gruppen.3 Nach einem Besuch des US-Generals William P. Yarborough 1962 in Kolumbien als Teil einer militärischen Beratungsmission rief das daraus entstandene Dokument dazu auf, "paramilitärische, Sabotage- und/oder Terroraktionen gegen bekannte Anhänger des Kommunismus umzusetzen."4 Die zivile Teilnahme bei militärischen Verteidigungsaufgaben wurde 1968 zum Gesetz. Parallel dazu wurden Militäroffiziere an der US-amerikanischen School of Americas in Taktiken der Aufstandsbekämpfung geschult, zu denen Foltermethoden der CIA zählten.

Ende der Siebziger entstanden die paramilitärischen "Dreifach A" oder "Acción Americana Anticomunista" (Amerikanische Antikommunistische Aktion). Sie operierten wie Todesschwadronen unter der Leitung von Offizieren des Geheimdienstbataillons Charry Solano. Vor allem unter der Regierung von Turbay Ayala ließen die Dreifach A viele linke Aktivist:innen und Sympathisant:innen verschwinden.5

In den Achtzigern schlossen sich Drogenhändler und Großgrundbesitzer dem paramilitärischen Projekt an. Sie finanzierten die paramilitärischen Armeen mit und organisierten sie in Koordination mit hochrangigen Militärs. So entstand die Struktur "Tod den Entführern" (Muerte A Secuestradores, MAS). Große Massaker und selektive Morde an Gewerkschafter:innen, linken Poltiker:innen und Bauernaktivist:innen wurden seitdem zur Normalität. Dies war ein bedeutender Schritt zur Brutalisierung des Konflikts.

Zu den Drogenmafias, die den Paramilitarismus förderten, gehörten die Brüder Fidel, Vicente und Carlos Castaño. Sie wurden zentral für den Verlauf parastaatlicher Strukturen in den Neunzigern und Nullerjahren. Laut den Castaños seien die Entführung ihres Vaters 1981 durch die Farc und dessen darauf folgende Tötung die Auslöser für ihren "Rachfeldzug" gegen die Guerilla gewesen. Diese Erzählung ist in Kolumbien breit verbreitet. Allerdings gehörten die Brüder bereits vor dem Tod ihres Vaters zur mafiösen Umgebung von Pablo Escobar. Zum Beispiel war Fidel Castaño für den Import von Koka aus Bolivien verantwortlich. Damals steckte der Kokaanbau in Kolumbien erst in seinen Anfängen. Schon mit dreizehn lebte Carlos, der jüngste der drei Brüder, in Medellín und wuchs an der Seite der Drogenchefs auf. Das Töten lernte er sehr jung.

Als der Vater der Castaños getötet wurde, war Fidel bereits eine aufsteigende Figur im Medelliner Drogenkartell. Er hatte Großgrundbesitze im Departamento Córdoba, wo er die paramilitärische Gruppe "Los Tangueros" unterhielt, und in Amalfi, vier Stunden entfernt von der Hauptstadt Antioquias, Medellín. Die persönliche Rache der Castaños passte Armeeoffizieren und lokalen mächtigen Größen als Vorwand, um eine gewaltsame Offensive gegen die Guerilla sowie die unbewaffnete Aufstandsbewegung in Antioquia voranzubringen.

Als Escobar begann, seine eigenen Partner zu töten, wendeten sich die Brüder jedoch von ihm ab und gründeten die Todesschwadron "Verfolgt von Pablo Escobar" (Perseguidos por Pablo Escobar, Pepes), die Jagd auf Escobar und seine Verbündeten machte. Die CIA und DEA machten sich den Krieg, den Escobar gegen das Cali-Kartell und Los Pepes führte, zunutze und finanzierten Los Pepes mit. Der Chef der Fahndungseinheit, Hugo Aguliar, welche Jagd auf Escobar gemacht hatte, bestätigte in seinen späteren Memoiren, dass Carlos Castaño während der Jagd auf Escobar sich in Medellín mit CIA-Agenten getroffen hat. Obwohl es damals kein Geheimnis war, dass die Paramilitärs in den Drogenhandel verwickelt waren, war es für die US-Behörden kein Problem, einen Pakt mit ihnen zu schließen. Diese Allianz zwischen der CIA, den Drogenhändlern und den Paramilitärs wird durch die Berichte aller kolumbianischen Beteiligten und die geheimen Dokumente der Sicherheitsdienste und der US-Diplomatie bestätigt.

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Das Dekret, das militärische Strukturen von Zivilisten erlaubte, wurde im Jahr 1989 zwar abgeschafft, aber die Strukturen selbst blieben und vermehrten sich landesweit. Zwei paramilitärische Gruppen, die ab Mitte der Neunziger Terror unter Kleinbauerngemeinden und Oppositionellen verbreiteten, gingen direkt aus den Pepes-Todesschwadronen hervor: die Selbstverteidigungsgruppe von Córdoba und Urabá (ACCU) und das paramilitärische Bündnis Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (Autodefensas Unidas de Colombia, AUC). Fidel – in ihren Anfängen –, Vicente und Carlos Castaño haben sie aufgebaut. Carlos wurde zum Oberkommandierenden der AUC. Kennzeichnend für die grausamen Mordrituale beider Organisationen war die Enthauptung ihrer Opfer.

Auch Multinationale Konzerne nahmen wohlwollend die Dienste der Castaños an. So wurde 1996 Isidro Gil, Gewerkschafter von Sinaltrainal und Mitarbeiter von Coca-Cola, von den Paramilitärs ermordet. Davor hatte der Manager der Abfüllanlage Mitgliedern der Gewerkschaft erzählt, er habe die Paramilitärs angewiesen, Sinaltrailan zu zerschlagen.6 Chiquita Brands wurde vorgeworfen, Gewerkschafter:innen der Region Urabá foltern, töten und verschwinden zu lassen. Zwischen 1997 und 2004 śoll Chiquita mindestens 1,7 Millionen US-Dollar an die AUC gezahlt haben.7 Ähnliche Verhältnisse ließen sich bei anderen Multinationalen wie Nestlé und Drummond feststellen. Die Liste von Unternehmen mit Vorwürfen wegen Kooperation mit der ACCU und der AUC ist lang.

Die paramilitärischen Armeen der AUC hatten mehrere Funktionen: Erstens waren sie ein Instrument des Landraubs zugunsten der AUC-Chefs oder ihrer verbündeten lokalen Eliten. Zweitens waren sie ein mafiöses Gewaltunternehmertum. Dazu gehören die Drogenproduktion und der Drogenexport, Geldwäsche, Disziplinierung von Geschäftspartner:innen usw. Drittens waren sie ein Repressionsmittel von Großunternehmen und Konzernen mit staatlichem Rückhalt. Viertens dienten sie zur Ausschaltung der politischen Opposition. Dieses Repressionsoutsourcing schütze das Image der Sicherheitskräfte. So konnten die AUC, ACCU und ihre paramilitärischen Vorgänger-Organisationen beispielsweise etwa 4.000 Anhänger:innen der linken Partei Unión Patriótica (UP) ermorden.

Die enge Partnerschaft mit dem Staat erklärt, warum die AUC der Castaños tief in den Staatsapparat eingedrungen war. Vicente Castaño äußerte 2005, dass die Paramilitärs 35 Prozent des kolumbianischen Kongresses kontrollierten. Der kolumbianische Geheimdienst DAS wurde zum heimlichen Auftragsgeber der AUC und lieferte ihnen Listen mit Gewerkschafter:innen und Aktivist:innen, die später ermordet wurden.8 Auch der ehemalige Präsident Alvaro Uribe Vélez (2002-2010) und seine Familie sollen in Antioquia paramilitärische Aktivitäten gefördert haben. Gegen den Bruder des Ex-Präsidenten, Santiago Uribe, läuft seit 2016 ein Verfahren wegen Mord an einem Bauern sowie des Aufbaus vom Bloque Metro der AUC. Gegen den Ex-Präsidenten selbst laufen 28 Prozesse am Obersten Gerichtshof. Bei einigen von ihnen geht es um Massaker, bei denen Uribe mitgewirkt haben soll.

Was mit den Castaños am Ende passiert ist, bleibt umstritten. Die AUC haben sich offiziell zwischen 2003 und 2006 demobilisiert. De facto setzten sich jedoch bewaffnete paramilitärische Strukturen bis heute fort. Carlos Castaño ist 2004 verschwunden und Vicente im Jahr 2006. Auch Fidel ist seit 1994 nicht mehr gesehen worden. Eine Version seines Todes lautet, er sei von seinem Bruder Carlos umgebracht worden, weil Fidel in den Mord an der gemeinsamen Schwester Romualda verwickelt gewesen sei. Laut einer anderen Version soll Fidel im Kampf gegen die Farc gefallen sein. Eine dritte Version besagt, dass Fidel von den Streitkräften in ein militärisches Krankenhaus geflogen wurde, dieses lebend verließ und mit einer anderen Identität nach Portugal ausgewandert sei.

Carlos soll laut den ehemaligen AUC-Kommandanten Jesus Roldan alias "Monoleche" von ihm selbst im Auftrag von Vicente ermordet worden sein. Im Jahr 2008 meldete die Staatsanwaltschaft, die Überreste von Castaño gefunden zu haben. Der Oberste Gerichtshof (CSJ) bestritt jedoch diese Version und erklärte Carlos für nicht tot. Bislang gab es keine endgültigen Beweise, dass der Jüngste der Castaños gestorben ist. Er stand in Kontakt mit der US-Drogenbehörde DEA. Vicente erzählte außerdem nach Carlos' Verschwinden, er sei jahrelang von einem hohen Funktionär der CIA begleitet worden. Er soll sich formalen Schutz von den US-Behörden und alternative Finanzierungsmöglichkeiten für die Paramilitärs erhofft haben.9  Ob Carlos Castaño von anderen AUC-Chefs, unter denen sich sein Bruder Fidel befand, ermordet wurde, weil sie befürchteten, Carlos würde sie ans Messer liefern, oder ob er das Land verlassen konnte, bleibt offen. Seine Frau und Tochter sollen jedenfalls Kolumbien lebend verlassen haben. Die Tochter litt unter einer komplizierten Krankheit. Ehefrau, Tochter und Carlos sollen laut einigen Quellen in die USA oder nach Israel ausgewandert sein, wo die Tochter behandelt werden sollte.

Der letzte Überlebende der drei Brüder, Vicente, befindet sich seit 2007 möglicherweise auf der Flucht. Zwar soll der Ex-Geheimdienst DAS einen Brief bekommen haben, in dem jemand anonym erzählt, Vicente sei ermordet worden. Diese Version hat die kolumbianische Justiz jedoch nicht anerkannt. Nach Angaben des im Exil lebenden Ex-Agenten der Ermittlungsabteilung der Staatsanwaltschaft, Richard Maok, lebe Vicente unter einer falschen Identität als Unternehmer in Deutschland.

  • 1. Zelik Raul, Kolumbien: Große Geschäfte, staatlicher Terror und Aufstandsbewegung. Karlsruhe, 2000, S. 74. URL: https://www.researchgate.net/publication/259758144_Kolumbien_Grosse_Geschafte_staatlicher_Terror_und_Aufstandsbewegung
  • 2. Vgl. Zelik 2000, S. 76.
  • 3. Vega Cantor, Renán, La diemension Internacional del conflicto social y armado en Colombia. Injerencia de los Estados Unidos, contrainsurgencia y terrorismo de estado. Bogotá, 2012, S. 18-32.
  • 4. Vgl. Vega Cantor 2012, S. 30.
  • 5. Zelik, Raul, Die kolumbianischen Paramilitärs. Münster, 2009, S 90.
  • 6. Vgl. Zelik 2009, S. 222.
  • 7. Vgl. Zelik 2009, S. 221.
  • 8. Centro de Memoria historica,Todo paso en frente a nuestros ojos. Genocido de la Union Patriotica 1984-2002. Bogota, 2018, S. 23.
  • 9. Vgl. Zelik 2009, S. 309-310.
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